Bei seiner letzten Ruhrtriennale setzt Intendant Johan Simons auf Utopien

+
Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale, stellt in Essen seine letzte Spielzeit der Ruhrtriennale vor.

ESSEN - Auf ihren Plakaten stoßen die Macher der Ruhrtriennale so tief ins Herz der europäischen Symbolik, dass man vorauseilend das Kammerflimmern kriegen könnte. Drei Schlagworte hat Johan Simons aus Schillers „Ode an die Freude“ herausgelöst: „Freude“ „schöner“ und „Götterfunken“, dick überstrichen mit auskörnenden schwarzen Balken. Sieht die Ruhrtriennale also in politisch schwieriger Zeit schwarz, fragte Simons bei der Vorstellung des Programms 2017, des dritten und letzten unter seiner Intendanz?

„Nein!“ antwortete er sich selbst, auftrumpfend wie ein Trompetenstoß. Er will noch einmal vorausblicken, nach den beiden Themenkomplexen Ursprung, 2015, und Gegenwart, 2016, jetzt nach Zukunftsvisionen fahnden. Kunst soll als politischer und gesellschaftlicher Bessermacher dienen, das ist Simons‘ Utopie. Das kann naiv wirken, wie die langen Ketten von Teenagern, die über das Projekt „Teentalitarismus“ an der Triennale beteiligt sind. Sie fallen ins Auge, wenn sie, wie letztes Jahr vor der Bochumer Jahrhunderthalle Hand in Hand umherziehen, Laufspiele veranstalten, die Feierlichkeit einer Premiere aufbrechen.

Simons‘ Triennale ist aber weder gewollt noch naiv: Er fischt mit einem großen Netz nach Ideen und Impulsen. Dabei verfängt sich vermeintliches Treibgut. Die Ritournelle, die Nacht der elektronischen Musik, wurde vom Nebenprodukt zum Triennalehit (19.8., Jahrhunderthalle).

Die Triennale 2017 wird sehr jugendlich und elektrolastig. Auf junge Leute zielen die vielen Veranstaltungen mit elektronischer Musik, etwa die „Konzerte im Maschinenhaus“ der Zeche Carl in Essen. Ein Künstler wie der Venezolaner Arca, der etwa mit Björk arbeitet, macht nicht nur Elektromusik, sondern unterfüttert sie mit Ideen zu fließenden Identitäten und queerer Theorie. Hier soll sich der Triennale-Besucher Gedanken machen: Wie leben wir in der Zukunft?

Vieles soll eintrittsfrei zugänglich sein, darunter Filme, Debatten und eine Lesung der Poetry-Slammerin Nora Gomringer im „Refektorium“, das wieder an der Jahrhunderthalle steht.

Die Triennale schließt Kreise. Die Trilogien, die unter Simons zum prägenden Teil wurden, werden beendet und teils an einem Abend aufgeführt. Wer Sitzfleisch und Enthusiasmus mitbringt, wird belohnt durch eine elfstündige Gesamtaufführung des dreiteiligen Zola-Projektes „Les Rougon-Macquart“ von Luk Perceval, das mit „Hunger“ – auf Basis der Romane „Bestie Mensch“ und „Germinal“ – endet. Zum Abschluss kommt auch die Tanz-Trilogie des Choreografen Richard Siegal mit der Uraufführung „El Dorado“ (25.8. Pact Zollverein, Essen). Siegal bezieht sich auf einen weiteren roten Faden der Simons-Triennale: Dantes Göttliche Komödie tauchte immer wieder auf, im Tanz, in der Installation, im Theater. Auf Hölle und Fegefeuer folgt dieses Jahr das Paradies.

Der Frage, was das Paradies sei, gehen mehrere starke Uraufführungen nach. Da wäre am 22.9. das Musiktheater-Stück „Cosmopolis“, Simons‘ eigene Regiearbeit in der Jahrhunderthalle. Simons setzt einen Roman von Don DeLillo um, lässt ihn an einem Tag in der Stretchlimousine eines jungen Finanzspekulanten spielen.

Ebenfalls aus der Taufe gehoben wird „Kein Licht.“ nach Texten der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (25.8., Landschaftspark Duisburg). Sie schrieb einen langen, wütenden Text über Elementarteilchen, wie Überbleibsel nach einem Supergau. Dazu entstand Musiktheater – vielmehr: Es entsteht, denn zu der Partitur mit einzelnen Instrumental- und Elektromodulen von Philippe Manoury kommt in der Live-Aufführung abgemischte Elektronik-Musik.

Unter Musiktheater firmiert auch „Homo Instrumentalis“ (21.9.). Es wird aber eher ein Gesamtkunstwerk mit Gesang und Schauspiel, Tanz und Video und Musik von Nono, Apherghis und Kyriakides. Thema ist die Entwicklung des Menschen von der Agrar- zur Industrie zur Computerkultur – und die Frage, was im totalen digitalen Zeitalter aus dem menschlichen Bewusstsein wird.

Die belgische Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker ist der Ruhrtriennale lange verbunden. Sie führt mit Tänzerkollegen Bachs sechs Cellosuiten auf, begleitet von dem Starcellisten Jean-Guihen Queyras (26.8., Zeche Zweckel, Gladbeck).

Die Choreografin Meg Stuart geht für „Projecting [Space[ an einen spektakulären Ort: Zeche Lohberg in Dinslaken. Sie arbeitet dort einen Monat lang zum Thema Vernetzung.

Das Klassik-Programm hält unter anderem Monteverdis Marienvesper mit dem Collegium Vokale Gent unter Philippe Herreweghe auf Zeche Zollern in Dortmund bereit (20.8.); außerdem das Konzert „Memoria“ des Chorwerks Ruhr mit Gedächtnis-Werken: ein Requiem des Spaniers de Victoria (1603) und „Rothko Chapel“ von Morton Feldman (1971).

Zur Eröffnung gibt es zwei besondere Höhepunkte. Der polnische Theater- und Opernregisseur Krzystof Warlikowski inszeniert Debussys Oper „Pelléas und Mélisande“ (18.8.). Die Bochumer Jahrhunderthalle, die etwa um dieselbe Zeit wie das zugrundeliegende Märchen entstand, soll dabei eine Hauptrolle spielen, so Simons. Die kanadische Starsopranistin Barbara Hannigan singt die Mélisande. Es spielen die Bochumer Symphoniker unter dem renommierten Dirigenten Sylvain Cambreling. Die BoSys setzen übrigens auch den Schlusston des Festivals mit einer Aufführung von Beethovens „Missa Solemnis“ im Anneliese-Brost-Musikforum in Bochum.

Die Festrede zum Auftakt (18.8., Jahrhunderthalle) hält die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller – übrigens bei freiem Eintritt.

41 ungewöhnliche Kulturproduktionen, darunter 22 Uraufführungen, an umgewidmeten einstigen Stätten der einstigen Montanindustrie wie der Jahrhunderthalle in Bochum, der Zeche Zollverein in Essen, der Zeche Zollern in Dortmund bietet die Ruhrtriennale vom 18.8. bis 30.9.;

Tel. 0221/ 280 210,

www.ruhrtriennale.de

Es ist die letzte Ruhrtriennale mit Johan Simons als Intendant. Er wechselt ans Schauspielhaus Bochum, seine Nachfolgerin für die Jahre 2018 bis 2020 wird Stefanie Carp.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare