Sam Shaws Fotografien im Schloss Oberhausen

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Über dem Luftschacht: Marilyn Monroe wird von Sam Shaw 1954 fotografiert, zu sehen in Oberhausen. Berühmt wird die Szene im Film „Das verflixte siebte Jahr“(1955).

OBERHAUSEN Er hatte das, was andere wollten: eine innige Freundschaft mit Marilyn Monroe. Sie lernten sich bei den Dreharbeiten zu „Viva Zapata!“ (1952) kennen, als sie dem Standfotografen als Fahrerin zugeteilt war und die Monroe noch als ein Filmsternchen durchging. Beide sind auf Fotografien zu sehen, gut gelaunt, kollegial, respektvoll. Die Bilder liegen im Schloss Oberhausen neben persönlichen Briefen. Sam Shaw setzte Marilyn Monroe bald selbst ins Szene und machte sie bekannt – weltweit.

Wie der Fotograf aus New York seine Motive fand und inszenierte, dass zeigt ab Sonntag die Ausstellung in Oberhausen: „Finding the Unexpected“ (das Unerwartete finden). Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie.“ Es ist eine Retrospektive in Zusammenarbeit mit dem Shaw Family Archiv, New York. Die Schau tourt derzeit durch Deutschland.

230 Fotografien, meist Abzüge von Originalnegativen, bieten klassische Schwarzweißfotografie aus der Ära der Zeitschriften und Magazine wie „Life“, „Look“ und „Paris Match“. Sam Shaw (1912–1999), geboren in der Lower East Side in Manhatten, war ein Fotograf, der gezeichnet hatte, kunsthistorische Kenntnisse besaß und in den 1940er Jahren als Cartoonist, Art Director und Fotojournalist arbeitete. Er war mit Weegee (1899–1968) bekannt, dem Tatortfotografen, der nachts die Gewalt auf New Yorks Straßen grell dokumentierte. Beide schätzten sich. Aber Shaw lichtete Polizeiaktionen und Unfälle eher zufällig ab. Er hatte immer zwei Kameras dabei.

Sam Shaw suchte den einen Moment, den „Magnetismus in jedem Einzelnen“. In Missouri 1943 hält er Kinder beim Murmelspielen fest. Er war auf Entdeckungsreise für das Magazin „Collier’s“ und stellte den Süden vor, wie es auch die Fotografen der Agentur Magnum getan hätten. Es sind authentische und kompositorisch hochwertige Bilder. Shaw hatte wie Edward Steichen und Robert Frank vor allem Interesse am Menschen, das Thema der US-amerikanischen Fotografie dieser Zeit.

Meist fotografierte Shaw aber in New York, wo sich auch Sportmotive fanden. Den Baseballspieler Leroy Robert Paige nahm er aus der Froschperspektive in den 40er Jahren auf. Welcher Bewegungsmoment war wichtig für den Erfolg? „Satchel“ Paige durfte wegen seiner Hautfarbe erst nicht in den Profiligen spielen.

Der Regisseur Elia Kazan engagierte Shaw als Standfotografen für seinen Film „Unter Geheimbefehl“ (1950). Bei „Endstation Sehnsucht“ (1951) war Shaw wieder dabei und lichtete Marlon Brando im weißen T-Shirt ab. Dieses „Masterfoto“ warb auf Plakaten für die Theaterverfilmung. Es wurde zum Inbegriff von Männlichkeit, und Shaw hatte ein Bildikone geschaffen und sein Gespür für Vermarktung geschärft.

Shaw arbeitete für seine Reportagen und Fotoessays mit Serien, die Geschichten erzählten. Später entwickelte er sogar Storyboards für Filme. Am Set zu Billy Wilders „Das verflixte 7. Jahr“ war er bereits Art Director. Die berühmte Szene mit Marilyn Monroe über dem Lüftungsschacht, als ihr Plisseerock daherflatterte, hatte Shaw 1954 geplant – mit 200 Kollegen. Mit seinem Schnappschuss sollte der Film beworben werden. Aber soviel Bein wie auf dem Foto zeigt die Blondine später nicht im Film. Die Szene musste sogar im Studio wiederholt werden, weil der Geräuschpegel beim Straßen-Shooting zu laut war. In Oberhausen gibt es ein Kabinett nur mit Monroe-Fotografien.

Sam Shaw hatte die Filmstars. Elizabeth Taylor nimmt er hübsch natürlich in Rom 1961 auf, als das Studio 20th Century Fox „Cleopatra“ drehte. Wer genau hinsieht, erkennt die Narbe, die der Luftröhrenschnitt hinterließ, den die Diva am Set erlitten hatte. Retuschiert wurde bei Sam Shaw nichts, und die Taylor ließ ihn machen. Gina Lollobrigida erscheint mit Lockenwicklern und Clownsgesicht zu „Trapeze“ in Paris 1955. Sophia Loren verstrahlt 1960 in Los Angeles das Geheimnisvolle ganz sinnlich. Und wenn Woody Allen 1967 wie ein Chorknabe aussah, so war Dennis Hopper 1960 doch cool und überlegen in Zigarettenrauch gehüllt – die Aura des Filmstars.

Die Fotografien in Oberhausen sind schwarzweiß. Für die Magazine hat Shaw aber auch farbig gearbeitet, weil sie es forderten.

Die Ausstellung – von Nina Dunkmann kuratiert – will auch den etwas unbekannten Shaw zeigen, der mit seinen Reportagebildern politisch Stellung bezieht: „Die Diffanierung farbiger Amerikaner ist im aufgeklärten New York nicht erwünscht“, weiß Shaw. Den rassistischen Senator Theodore G. Bilbo aus Mississippi lichtete er frontal bei einem Wahlkampftermin 1946 ab. Und er blitzte mit seiner Kamera einen korpulenten Sheriff, der schwarze Demonstranten von einer Wahlveranstaltung fern hielt.

Außerdem sind Architekturbilder aus Chicago zu sehen („Man sieht die Form immer zuerst“). Auf Reisebildern aus Europa sah Spanien 1957 noch wie im Mittelalter aus: Bäuerinnen in der Mancha vor zwei Windmühlen. Es fehlte nur Don Quichotte. Sam Shaw schaute Verliebten in Paris zu, nahm das Ufer der Seine auf und bediente Sujet der Großstadtfotografie.

Dass Sam Shaw als Produzent mit Filmemacher John Cassavettes zusammen gearbeitet hat, ist weniger bekannt. Es sollten Filme werden, die von Künstlern bestimmt wurden, nicht von Hollywoods Studiobossen. Das war ihr Plan. 1974 zählte „Woman Under the Influence“ zu den besten zehn US-Filmen. Und Schauspielerin Gena Rowlands war auch in „Gloria“ Titelheldin, als der Film 1980 den Goldenen Löwen in Venedig gewann – produziert von Sam Shaw, der auch eine Dokumentation zu Debbie Harry und Blondie drehte, als Regisseur.

Die Schau

Ein Star der klassischen US-Schauspiel- und Reportagefotografie wird in einer Werkschau präsentiert. Sehr sehenswert.

Finding the Unexpected. Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie im Schloss Oberhausen.

Ab Sonntag, bis 17. September; di-so 11 – 18 Uhr;

Tel. 0208/4124 928

www.ludwiggalerie.de

Quelle: wa.de

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