Simone Kermes mit Roland Kaiser in Dortmund

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Begegnung zwischen Barock und Schlager: Simone Kermes und Roland Kaiser in Dortmund.

DORTMUND - Das Programm des Konzerts von Simone Kermes beim Dortmunder Festival Klangvokal las sich als Challenge für Klassikfans: Kommt und findet heraus, wie tolerant ihr wirklich seid. Der Barockstar hatte als Gast für ihren Auftritt im Konzerthaus Roland Kaiser eingeladen. Es gab Beliebtes aus Barock und Romantik, US-Showbiz und deutschem Schlager.

Das Programm ist eine gedruckte Zahnschmerzgarantie für Puristen: Enyas „May it be“ trifft Donizettis Wahnsinns-Szene aus „Lucia di Lammermoor“. Nino di Angelo trifft den Marsch aus Indiana Jones. Simone Kermes bestreitet die erste Hälfte allein, aber die meisten Zuhörer warten auf Roland Kaiser, und sie weiß es. „Mal ehrlich: Wer is’n wegen Roland hier?“ ruft sie. Viele Hände werden gehoben.

Sie singt trotzdem erst mal Barockes von Porpora und etwas frühen Verdi. Hier klingt sie wirklich zu theatralisch, weil sie mit ihrer Verzierungslust, ihrer barocken Phrasierung den sentimentalen, aber doch tiefen Verdi-Ton in „I Masnadieri“ nicht trifft. In einer wirklich tollen Jacke-Silberleggings-Kombination kommt sie wieder und präsentiert Donizettis „Lucia“ wie einen virtuosen Goth-Rock-Act. Was sie singt, klingt seltsam übertheatralisch. Simone Kermes ist spontan wie eine Rocksängerin, sie heizt ihr Publikum an, wie es kaum einem anderen Klassikstar zuzutrauen ist („wo seid ihr, Dortmund?“). Der Preis dafür ist, dass sie als Operninterpretin an die Geschmacksgrenze gerät. Verdis spezielle Sentimentalität nutzt sie – statt in der Rolle zu bleiben – als Sprungbrett für vokalen Zirkus. Dass Ansätze wackeln, sie die Kantilenen der Verdi-Arie unterbrechen muss – darauf kommt’s ihr nicht an. Sie wird hier geliebt, weil sie eine Rampensau ist. Das wirkt: In der Autogrammschlange hinterher loben die Kaiserfans begeistert Kermes‘ Herzlichkeit.

Nach der Pause kommt endlich der Erwartete. Das erste Duett, „Alles, was du willst“ (die Titelmelodie einer 90er-Jahre-Arztserie), ertrinkt im Tonabmischchaos. Aber dann übernimmt Roland Kaiser die Bühne als Elder Statesman des Schlagers, verbindlich lächelnd im Frack, seine distanzierte Würde bewahrend. In „Halt mich noch einmal fest“ (mitgeschrieben von Nino di Angelo) trägt ein weiches Streicherbett seinen kantigen, sprechartigen Routinier-Gesang. Danach huldigt er Udo Jürgens. „Griechischer Wein“ schunkelt haarscharf am Sirtaki vorbei. „Ich war noch niemals in New York“ bedient sich beim Bigband-Sound, die drei Backgroundsänger liefern einen soulig-wohligen Hintergrund.

Jetzt sind alle im Saal angewärmt, wohlig eingetaucht in Melodien. Simone Kermes kommt wieder mit „Over the Rainbow“ und „May it be“ (jawohl, vom Soundtrack des ersten „Herr der Ringe“-Films). Sie singt klugerweise beide Lieder ganz schlicht ins Mikrofon. Die Zuhörer können den Melodien folgen, ein paar ausgewählte, strahlende Spitzentöne kommen zur Geltung.

Nur Herr Kaiser kommt leider nicht wieder. Dafür singt Kermes zum Finale des Zweieinhalb-Stunden-Konzerts Gershwin und Bernstein. Vor allem das ironische „Glitter and be gay“ verwandelt sie in ein gesungenes Theaterstück. Sie näselt und heult, schießt Töne wie Dolchspitzen in den Saal. Sie ist volksnah, und sie gewinnt den Saal für sich. Als Zugabe fordern ihre Fans – die ebenfalls erschienen sind – „Son qual nave“, eines ihrer barocken Signaturstücke.

Und er kommt doch noch mal: Roland Kaiser und Simone Kermes singen keine Klassik mehr, sondern sein Schlagerpop-Duett „Warum hast du nicht nein gesagt“ (mit Simone Kermes in Maite Kellys Part). Kermes trällert mit und schmachtet ihren Partner an. Der Saal ist selig.

Quelle: wa.de

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