Die Skulptur Projekte in Münster erkunden spielerisch die Stadt

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Im grünen Gürtel von Münster ist Nicole Eisenmans Beitrag zu den Skulptur Projekten zu sehen, „Scetch for a Fountain“.

MÜNSTER - Frech lümmeln sich die fünf Gestalten um den Teich. Zwei von ihnen sind aus Bronze gegossen, aber das macht sie noch längst nicht zu Heroen, mit denen ein Ort sich schmückt. Nicole Eisenman unterläuft mit ihrer Arbeit „Scetch for a Fountain“ auf der Wiese neben der Promenade in Münster die Spielregeln für öffentliche Kunst.

Ihre fünf Figuren entsprechen keinem klassischen Schönheitsideal. Der eine Bronzekerl räkelt sich unter den Wasserstrahlen, der andere öffnet gerade im Liegen eine Bierdose. Man erkennt nicht mal, ob Männer oder Frauen abgebildet sind. Drei der Figuren bestehen aus Gips, der dem Wetter wohl kaum wesentlich länger als drei Monate widersteht. Mit ihrer ironischen Arbeit stellt die Bildhauerin vieles in Zweifel, was eigentlich zu Kunst im öffentlichen Raum verbunden wird, von der Dauerhaftigkeit bis zu Pathos und Würde.

Das Anti-Monument gehört zu den fünften Skulptur Projekten, die Münster seit diesem Wochenende wieder zu einer Anlaufstelle für moderne Kunstfreunde machen. Dass das Kuratorenteam um Kasper König, der schon seit der ersten Ausstellung 1977 dabei ist, nicht die Probleme der Welt lösen will, sondern sich auf Fragen zum öffentlichen Raum als Aufführungsort beschränkt, erweist sich durchaus als Stärke. Vieles kommt indirekt zur Sprache. Man konzentriert sich mit 35 neuen Skulpturen (und ebenso vielen alten, angekauften Arbeiten aus früheren Ausgaben) auf spannende Positionen, die sich auf den Ausstellungsort beziehen. Während bei der documenta in Kassel ein messianischer Ernst vorherrscht und ein Hang, den Besucher zu beeinflussen, erfährt man in Münster eine spielerische, aber keineswegs unkritische Leichtigkeit.

Dabei rückt durchaus auch das mitveranstaltende Landesmuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in den Fokus. Den Vorplatz zum Aegidii-Hof hat das Haus als Außenschauraum okkupiert, unter anderem mit einer für längere Zeit entliehenen Skulptur von Henry Moore. Die allerdings ist im Moment kaum sichtbar, weil direkt davor ein wuchtiger Sattelschlepper steht, beladen mit einer schwarzen Holzkiste, in der Moores „Archer“ Platz hätte. Die Gemeinschaftsarbeit von Cosima von Bonin und dem US-Künstler Tom Burr spricht den Wettstreit unter Künstlern um Aufmerksamkeit an: Sie handelt vom Generationswechsel der Skulptur. Der Minimalist Burr, der die Holzkiste mit der Aufschrift „Fragile“ schuf, zeigt übrigens nebenan im Westfälischen Kunstverein weitere Arbeiten.

Über den Zusammenhang von Technik und Gewalt geht es in Hito Steyerls Installation „HellYeahWeFuckDie“ im Foyer der LBS West. Der Titel setzt sich aus den fünf meistgebrauchten Wörtern in den englischen Charts zusammen. Sie sind als Spiegelobjekte im Raum verteilt. Dazu laufen Videos von Laborversuchen mit Robotern, die getreten und geschlagen werden, um ihre Gleichgewichtssteuerung zu testen. Und man sieht Bilder aus der kurdischen Bürgerkriegsstadt Diyarbakir.

Der japanische Künstler Koki Tanaka übte mit acht Münsteranern in Work-Shops das Leben in Ausnahmesituationen: Übernachten in Hallen, Kochen, Bewegungsübungen im ehemaligen Atombunker. Videos davon sind im ehemaligen Bunker am Aegidii-Markt zu sehen.

Nicht jede Skulptur ist gleich als solche zu erkennen: Ayse Erkmens Steg im Stadthafen liegt ja unter der Wasseroberfläche. Hier geht es natürlich darum, die Wahrnehmung des Stadtraums grundlegend zu verändern, indem eine Fläche zugänglich wird, die man sonst nicht betreten kann. Andreas Bunte hat an mehreren Stellen, zum Beispiel am VHS-Gebäude am Aegidii-Platz, Filmposter aufgehängt mit QR-Codes, die auf dem Smartphone des Betrachters Filme ablaufen lassen.

Das in Brasilien lebende Künstlerduo Bárbara Wagner und Benjamin de Burca erkundet einen nächtlichen Ort, die Disco „Elephant Lounge“ am Roggenmarkt. Hier erlebt man im schummrigen Rotlicht Musikvideos in Dauerschleife, in denen Coversänger aus Münster wie Stefani Teumner und Markus Sparfeldt die Hits von Udo Jürgens und Helene Fischer interpretieren. Ein ebenso liebevoller wie ironischer Blick auf die Alltagsfluchten des Schlagers.

Viele Arbeiten sind soziale Skulpturen, die das Publikum einbeziehen, wie beim Briten Jeremy Deller, der bei den Skulptur Projekten 2007 Kleingartenvereine gebeten hatte, zehn Jahre lang Tagebuch zu führen. Nun präsentiert er in einer Laube beim Kleingartenverein Mühlenfeld die Ergebnisse, eine Präsenzbibliothek aus grünen Folianten, in denen man mal eingeklebte Zeitungsausschnitte vom Vereinsleben, aber auch liebevoll gepflegte Herbarien und Tipps zum Obstanbau findet.

Es gibt auch reine Performance-Arbeiten wie die vom Theaterkollektiv um Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, die im Theater im Pumpenhaus an sechs Tagen in der Woche ihr Projekt zum japanischen Kabuki-Tanz präsentieren. Emeka Ogboh stellt in einer Klanginstallation im Hamburger Tunnel am Hauptbahnhof Kompositionen des US-Musikers Moondog (1916– 1999) vor. Und er ließ ein Bier brauen, „Quiet Storm“, das während der Gärung mit dem Sound seiner Heimatstadt Lagos beschallt wurde. Xavier Le Roy und Scarlet Yu schulen Besucher in Workshops, damit sie jederzeit und überall als lebende Skulpturen andere Besucher überraschen können.

Der französische Künstler Pierre Huyghe schuf in einer stillgelegten Eissporthalle ein biologisches System. In einer Landschaft mit Hügeln und Bächen gibt es ein Aquarium, ein Paar Pfauen, ein Bienenvolk und weitere Lebensformen. Was hier geschieht, das steuert ein Computeralgorithmus, der zum Beispiel Deckenfenster öffnet und schließt. Der Algorithmus wiederum reagiert darauf, wie sich eine Kultur von menschlichen Krebszellen in einem Inkubator entwickelt. Alles hängt hier zusammen, und der Besucher mag nachdenken, ob das Leben zufällig, ein krankhafter Prozess oder etwas anderes ist. In jedem Fall aber ist es verletzlich.

Bis 1.10., tägl. 10 – 20, fr bis 22 Uhr, Eintritt frei,

Tel. 0251/ 5907 500

www.skulptur-projekte.de

Katalog (dt./engl.) 35 Euro

Quelle: wa.de

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