Spurensuche in Lüttich zum 30. Todestag von Georges Simenon

Der Autor mit Hut und Pfeife in Bronze lädt ein hinter Lüttichs Rathaus: Platznehmen für ein Selfie. Foto: dpa

Lüttich – Besonders schön ist die Kirche Saint-Pholien in Lüttich nicht. Aber Georges Simenon hat das düster-graue neogotische Gotteshaus im Viertel Outremeuse gleich mehrmals zum Schauplatz seiner Romane gemacht. Auch Kommissar Maigret löst einen Fall um den „Gehängten von Saint-Pholien“.

Ein Zufall ist das nicht. Georges Simenon wurde 1903 in Lüttich geboren, in der Nacht zum 13. Februar, und weil seine Mutter abergläubisch war, überredete sie den Arzt, die Geburt auf den 12. vorzudatieren. Viele Leser halten den Meister einer ganz speziellen Schule des Kriminalromans für einen Erz-Franzosen. Aber Simenon war Belgier. Heute vor 30 Jahren ist er gestorben – in Lausanne, an seinem Alterssitz.

Aber Lüttich ist in seinem Werk präsent. Zum Beispiel, weil er den tragischen Fall eines jungen Malers verarbeitete, mit dem er in seiner Jugend befreundet war und der sich nach einem Saufgelage an der Kirchentür strangulierte. Simenon erfand wenig, sondern verarbeitete, was er in Familie, Freundeskreis, Umgebung fand. Der Selbstmord beschäftigt nicht nur Maigret in einem Fall, der den Kommissar erst nach Bremen und nach Reims führt, ehe er der Auflösung in Simenons Geburtsstadt näher kommt. Die Ereignisse seiner wilden Jugend trieben den Autor um. In dem autobiografischen Roman „Die Verbrechen meiner Freunde“ schrieb er direkter über die Ereignisse. Wenn Simenon einen Stoff hatte, nutzte er ihn gerne mehrfach.

Nicht nur sein Todestag gibt Anlass, an einen der wichtigsten frankophonen Autoren des 20. Jahrhunderts zu erinnern. Simenon war ungemein produktiv: Er schrieb 75 Kriminalromane um Kommissar Maigret und mehr als 100 „Non-Maigrets“, dazu unzählige Erzählungen, Groschenromane, Reportagen, Essays. Und seit gut einem Jahr wird in Deutschland wieder mehr über Simenon gesprochen: Daniel Kampa, der das Werk lange Jahre betreut hat, hat einen eigenen Verlag gegründet und bringt das Gesamtwerk neu heraus, teils in Neu-Übersetzungen. Und er erweist sich als umtriebiger Promoter nicht nur der Werke um den weltberühmten Pariser Kommissar.

Jules Maigret, der seine treusorgende Ehefrau oft „Madame Maigret“ nennt, der sich in anstrengenden Nächten an seinem Ofen mit Sandwiches und mehreren Bieren aus der Brasserie Dauphine stärkt, löst seine Fälle mit Einfühlung. Einmal überlegt er, ob er einen Inspektor schicken könnte, und verwirft den Gedanken: „Aber hätte ein Inspektor die Atmosphäre eines Hauses genauso erfassen können wie er?“

Der Simenon-Atmosphäre spürt man bestens nach bei einem Besuch in Lüttich, zum Beispiel bei einem geführten Rundgang „Auf Simenons Spuren“. Auch wenn seine Geburtsstadt dem berühmtesten belgischen Schriftsteller kein Museum eingerichtet hat: Präsent ist der Mann in der Stadt. Er übernahm noch kurz vor seinem Tod die Schirmherrschaft über eine Geschäftsstraße. Die Jugendherberge ist nach ihm benannt. Es gibt Gedenktafeln an den Häusern, in denen er wohnte, und mehrere Denkmäler. Zum Beispiel hinter dem Rathaus, wo ein Simenon in Bronze mit Hut und Pfeife auf einer Bank sitzt, bereit für ein Selfie mit Krimifans aus aller Welt.

Um aber in die Welt des jungen, heranreifenden Autors einzutauchen, muss man den Pont des Arches, die Bogenbrücke über die Maas, überqueren, zum kleinbürgerlichen Quartier Outremeuse auf der Insel zwischen den zwei Flussarmen. Hier wuchs Simenon auf, Sohn eines Versicherungsvertreters und der Tochter eines Unternehmers, der sein Vermögen verloren hatte, weil er für einen Freund bürgte. Sie war zudem deutsch-flämischer Abstammung, sprach nicht fließend französisch. Die weit verzweigte Familie lieferte ebenso Stoff wie eigene Erlebnisse. Simenon war als Kind Messdiener. Seinen Weg nahm er frühmorgens durch die Rue de la Province zur Kapelle des Bavière-Krankenhauses. Wer sich den Schauplatz des Romans „Maigret und die Aussage des Ministranten“ vergegenwärtigen will, der ist hier richtig. Der Kommissar ermittelt im Buch zwar angeblich in einer Kleinstadt in der französischen Provinz. Tatsächlich aber spielt alles hier.

Eine Tante Simenons betrieb am Quai de Coronmeuse ein Kolonialwarengeschäft mit Ausschank für die Schiffer. Genau in so einem Laden siedelt Simenon den Fall „Maigret bei den Flamen“ an – nur dass Schauplatz die französisch-belgische Grenze ist. Und auch diesen Stoff griff der Autor noch einmal auf, im Roman „Chez Krull“, einem Nicht-Maigret, in dem es aber ebenfalls um den Mord an einer jungen Frau geht und den Sohn der eingewanderten Wirte, der unter Verdacht gerät bei den Nachbarn, die für Fremde nicht viel übrig haben.

In Outremeuse durchstreift man die Rue Roture, eine schmale Gasse voller Kneipen, fast noch so wie in Simenons Jugend. In der Rue de l‘Einseignement steht das schmale Haus, in dem die Mutter mit ihrem zweiten Mann lebte. Am Ende eine zerrüttete Ehe, bei der beide fürchteten, von ihrem Partner vergiftet zu werden, und deshalb ihre Essensvorräte in eigenen Schränken wegschlossen. Sie kommunizierten nur noch mit kleinen Zetteln. Simenon machte auch daraus einen psychologischen Roman: „Le chat“ (Der Kater).

Simenon musste mit 15 Jahren die Schule verlassen. Sein Vater hatte einen Herzinfarkt erlitten, Georges musste einen Beruf ergreifen. Nach vergeblichen Anläufen als Bäckerlehrling und in einem Buchladen wurde er Reporter bei der rechten Gazette de Liège, fuhr im Regenmantel auf dem Motorrad durch die Stadt und bekam Kontakt zur Polizei. Es heißt, dass eine Quelle für den Jungjournalisten der Fahrer des Kommissars war, ein gewisser Maigret…

Der Journalismus genügte Simenon bald nicht mehr. Er begann, unter Pseudonym Kurzgeschichten für Unterhaltungsblätter zu schreiben. Ein erster humoristischer Roman, „Le Pont des Arches“, handelt von einem Apotheker, der ein Abführmittel für Tauben verkauft. Das Geschäft lief, Simenon verließ Lüttich, zog nach Paris. 1928 kaufte Simenon sich ein Boot und fuhr über die Kanäle und Flüsse Frankreichs. Auf der „Ostrogoth“ entstanden auch die ersten „Maigrets“. Simenons Verleger witterte ein Geschäft. Der Autor sollte gleich zehn Romane um den Pariser Kommissar schreiben, die in schneller Folge erschienen, erstmals unter dem Namen Simenon.

Die Neuausgaben

Daniel Kampa, jahrzehntelang Lektor für Simenon, hat einen eigenen Verlag gegründet. Die Rechte an dem Werk hat er mitgenommen. John Simenon, Sohn des Autors und Nachlassverwalter, sagt, er habe nicht den Verlag gewechselt, sondern sei ihm gefolgt. Im Zürcher Kampa-Verlag erscheinen nicht alle Werke Simenons, nur die Maigrets und verwandte Bände, in vielen Fällen als Neuübersetzung. Die Nicht-Maigrets bringt der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe heraus, ebenso die Taschenbuchausgaben im Imprint Atlantik.

Einige Titel mit Lüttich-Bezug:

Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien. Deutsch von Gerhard Meier. 192 S., 16,90 Euro,

Maigret und die Aussage des Ministranten. Deutsch von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands. 112 S., 14,90 Euro

Brief an meine Mutter. Deutsch von Melanie Walz. 112 S., 16 Euro, alle Kampa Verlag, Zürich

Die Verbrechen meiner Freunde. Deutsch von Helmut Kossodo. Erscheint im November. ca. 160 S., 21,90 Euro, Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg.

Beim Audio Verlag (Berlin) erscheinen Hörbücher. Besonders bemerkenswert: Der Schauspieler Walter Kreye („Der Fahnder“, „Der Alte“) liest alle 75 Maigret-Romane ungekürzt ein, mit sonorer Stimme vermittelt er wunderbar das Wichtigste an diesen Kriminalfällen: die Atmosphäre.

Simenon in Lüttich

Führungen auf den Spuren Simenons durch Lüttich kann man buchen bei Visitez Liège, 0032/4221 9221,

www.visitezliege.be Hier bekommt man auch eine kleine Broschüre, mit der man die Geburtsstadt Simenons auf eigene Faust erkunden kann.

Quelle: wa.de

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