Die Städtische Galerie Paderborn zeigt die Sammlung Neithold

+
Eine glanzvolle Neuinterpretation eines klassischen Themas schuf Lovis Corinth in seinem „Jagdstillleben mit Bussard“ (1910), das in Paderborn ausgestellt ist.

PADERBORN - Selbstbewusst sitzt er im Sessel, und die Zeugnisse seines Wohlstands stellt der Maler eher diskret dar: die goldene Uhrkette, den diamantbesetzten Ehering. 1916, als er sich von Konrad Immanuel Böhringer porträtieren ließ, hatte Hermann Hugo Neithold sich längst zur Ruhe gesetzt. Rente mit 53. Für einen Kaufmann, der erfolgreich in einer Zwickauer Kammgarnspinnerei gearbeitet hatte und zudem sein Vermögen an der Londoner Börse vermehrt hatte, kein Problem.

Der Mann wusste mit Geld umzugehen. Darum investierte er solide: Ein Drittel Aktien, ein Drittel Immobilien, ein Drittel Kunst. Die hatte noch den Vorteil, dass man mit ihr das Haus schmücken konnte. Das Beste aus Neitholds Sammlung ist nun in der Städtischen Galerie Paderborn Schloss Neuhaus zu sehen, ein informativer Querschnitt durch die Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zwischen Biedermeier und Impressionismus.

Neithold sammelte Bewährtes. Er war kein Entdecker, und wenn er Geld brauchte, konnte er sich von seinen Bildern leicht wieder trennen. In einer Zeit, da die Malerei revolutionäre Umbrüche wie den Expressionismus, den Kubismus, die Abstraktion durchlebte, da griff der Kaufmann zu dem, was der Kaiser billigte und die Kunstgeschichte abgenickt hatte. Nichts Aufregendes oder Anstößiges. Man sollte erkennen, was dargestellt wurde. Also sieht man Franz von Defreggers Porträt eines Mädchens mit rosigen Wangen (1898), eine brauntonige Dorflandschaft mit Kühen von Eduard Schleich d.Ä. (um 1851), eine duftig-zarte Landschaft von Carl Spitzweg (um 1851), Toni Stadlers Darstellung vom „Dachauer Moos“ (um 1908), eine weite Moorlandschaft mit niedrigem Horizont, fast wie bei den holländischen Altmeistern.

Der Kaufmann war konservativ, aber nicht engstirnig. Er suchte sichere Werte, aber er war auch vorsichtigen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Und so fand ein prachtvolles Jagd-Stillleben von Lovis Corinth (Der Bussard, 1910) in seine Sammlung, ein Fest der Malerei, bei dem der Künstler das Gefieder des toten Vogels in einen wilden Tanz der Pinselstriche auflöst. Gleich drei Werke Max Liebermanns hatte Neithold erworben. Zwei sind in Paderborn ausgestellt, zum Beispiel die Ansicht der Wannsee-Villa (Colomierstraße in Wannsee, 1916), die der Malerfürst allein mit seiner Kunst verdient hatte und deren Straßenseite er nun als effektvolles Spiel von Licht und Schatten unter den Bäumen zeigt. Weniger berühmt ist Robert von Haug, aber sein „roter Reiter“ (1913) ist durchaus den Sportbildern Liebermanns zu vergleichen, und der Sportsmann in der knallroten Jacke neben dem nervösen Pferd wirkt überaus frisch. Und auch in Rudolf Schramm-Zittaus kleinem Gemälde „Biergarten“ (um 1910) mit seinen in schnellen Strichen eingefangenen Lichtreflexen spiegelt sich das Vorbild des Impressionismus.

Aber Neithold schätzte auch das malerische Handwerk im traditionellen Sinn. Zu seinen Lieblingsbildern gehörte ein kleines Bildnis des in Dortmund geborenen Malers Gustav Köhler, „Pfeife rauchender Mann“, bei dem jede Hautfalte, jedes der wirr abstehenden Haare, jede Bartstoppel präzise geschildert ist. Das kleine Gemälde in einem wuchtigen Rahmen war in die Wandvertäflung eingepasst und verdeckte den Tresor.

Rund 30 Werke zeigt Galerie-Chefin Andrea Wandschneider in Paderborn. Die lange Zeit unbekannte Sammlung hat sich bis heute in Familienbesitz erhalten. Vor einem Jahr stellten die Kunstammlungen Augsburg die Bilder erstmals der Öffentlichkeit vor. Wandschneider nutzte die Chance, für die Übernahme zusätzlich Werke des späten 19. Jahrhunderts aus dem Augsburger Museumsbestand auszuleihen, gleichsam als virtuelle Erweiterung der Neitholdschen Bestände.

Da findet man dann noch einige weitere Helden der süddeutschen Akademie- und Secessionsmalerei des 19. Jahrhunderts, Friedrich August von Kaulbachs herrliches Pastell der Fabrikantengattin Berta Riedinger-Ort (um 1895) zum Beispiel. Von ihr gibt es sogar noch ein zweites Bildnis, ein skizzenhaft wirkendes Ölgemälde des Münchner Malerfürsten Franz von Lenbach (1889), das der Dame noch eine Prise mehr Eigensinn, eine Idee von Femme fatale unterlegt.

Welch ein Unterschied zum überaus braven Bildnis, das Johann Geyer 1844 von seiner Frau schuf, die er geradezu madonnenhaft inszeniert. Hier ist zu erkennen, wie sehr die Kunst schon vor der Avantgarde fortgeschritten ist in jenem sehr bürgerlichen Jahrhundert.

Bis 17.9., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 05251/ 881 076, www. paderborn.de/galeriereithalle

Katalog Sammlung Neithold und Bestand Kunstsammlungen Augsburg, je 24,90 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare