Tatort „Lakritz“: Boerne und Thiel ermitteln auf dem Münsteraner Markt

Riecht verdächtig? Boerne (Jan Josef Liefers, links) und Thiel (Axel Prahl) untersuchen eine Dose Lakritz. Foto: wdr

Nein, Karl-Friedrich Boerne war nicht immer schon der brillante Pathologe, der in Münster dem Kommissar Thiel beim Mordaufklären hilft. 1979 steht Karl-Friedrich in Anzug und Krawatte am Tiegel, in dem Harald Maltritz Lakritz anrührt, und ist so selig beim Kosten, wie es ein pubertierender dicker Junge mit großer Hornbrille nur sein kann.

Sage doch keiner, der „Tatort“ in Münster sei auserzählt, alle Witze zwischen dem ungleichen Ermittlerpaar schon gerissen, die Kriminalfälle hingegen langweilig! Dass da noch manche Geschichte schlummert, zeigt der 35. Fall, der nicht anders heißen kann als „Lakritz“. Diesmal ist eine Institution der Schauplatz, der Wochenmarkt, „Münsteraner Lebensart in Reinkultur“, wie Boerne feststellt. Hannes Wagner, 40 Jahre Marktmeister und damit Entscheider darüber, wer hier gutes Geld verdient, wird tot aufgefunden. Vergiftet, wie Boerne und seine Assistentin „Alberich“ Haller mit feiner Nase erschnüffeln. Gestorben an Zyankali, das bitter nach Mandeln riecht. Da braucht es würzige Kost, damit jemand es schluckt, ohne etwas zu merken. Zum Beispiel Lakritz.

Regisseurin Randa Chahoud und Autor Thorsten Wettcke haben einerseits die vertrauten Züge des Münster-„Tatorts“ beibehalten, die flotten Wortwechsel, die Running Gags. So ist Thiel (Axel Prahl) gerade auf dem Gesundheitstrip, startet in den Tag mit Smoothie statt Kaffee, was merklich auf seine Laune schlägt. Vor allem, wenn der nach einer Party hackevolle Boerne (Jan Josef Liefers) sich auf der Fahrt zur Leiche mit der Vitaminladung ausnüchtert – und Thiel noch hungriger ans Werk muss. Staatsanwältin Klemm (Mechthild Grossmann) qualmt provokativ, während sie auf Thiels großem Medizinball schaukelt. Thiels Vater (Claus Dieter Clausnitzer) dealt unterdessen mit schmerzstillenden und appetitanregenden Haschkeksen am Seniorenheim.

Alles wie gehabt also. Und auch wieder nicht. Denn Boerne erlebt bei jedem Kontakt mit Lakritz Erinnerungsschübe an seine Kindheit. Schon damals hatte er mit einer Leiche zu tun und versuchte, mit seinen entscheidenden Beobachtungen zu helfen. Nur dass der dicke Kommissar damals nicht auf ihn hörte. Diese Rückblenden nach 1979, unterlegt mit Oldies aus den 1960er Jahren, gefilmt in einem milden Sepiaton, zeigen den arroganten Schnösel von einer anderen, verletzlichen Seite, ohne die Figur zu verraten. Wie seine zwei Jahre ältere Nachhilfeschülerin, Tochter des Lakritzmachers, anbietet, ihm ihre Brüse zu zeigen, damit er schweigt, wenn sie, statt Mathe zu pauken, ihren Freund besucht, das spielt Vincent Hahnen wortlos, aber wunderbar beredt aus, ein Gefühlsbad zwischen momentanem Begehren, Pflichtbewusstsein, Eifersucht auf den rüden, tumben, aber eben älteren Bernhard. Und am Ende hat der Todesfall, der diesen schönen Moment stört, auch noch mit dem Mord am Marktmeister zu tun. Professor Boerne erinnert sich, erfreut bei aller Bescheidenheit: „O Gott, ich war ja damals schon so genial!“

Wagner, das ermitteln Thiel und sein Team schnell, war nicht gerade ein Sympathieträger. Korrupt bis in die Knochen zog er jede Menge Vorteile aus seiner Position. Die Folge: Jede Menge Feinde. Und Verdächtige. Hat der joviale holländische Lakritzverkäufer Bellekom (Ronald Top), von dem die tödliche Nascherei stammte, auch das Gift eingerührt? Oder steckt Boernes unglücklich Angebetete von einst dahinter, jene Monika (Annika Kuhl), die inzwischen geschieden den väterlichen Laden in die Insolvenz brachte, weil ihr Stand an die Konkurrenz aus den Niederlanden ging? Ausgerechnet die Kinder der konkurrierenden Häuser sind befreundet: Romeo und Julia in Lakritz.

Wagners Haushälterin (Martina Eitner-Acheampong), sie einmal Spitzenköchin war, scheint auch nicht allzu traurig über das Ableben ihres Arbeitgebers: „Er ist tot. Endlich.“ Und mehrere lokale Politiker machen Druck. Wagner hatte alle in der Hand – mit einem veritablen Archiv der kleinen und größeren Sünden.

Wie da die Handlungsfäden verwoben werden, wie Gäste groß aufspielen, zum Beispiel Walter Hess als Harald Maltritz, der als grummeliger Greis im Elektrorolli herumflitzt, wie ein über 17 Jahre hinweg eingespieltes Ensemble noch neue Töne findet, das macht den Film zu einem der besten Münster-„Tatorte“ seit langem. Und welch ein Moment, wenn Thiel herausrutscht, einen Freund in Not könne man nicht im Stich lassen, was Boerne dann gleich zu Herzen geht. Offiziell befreundet sind die beiden jetzt also, die so lange ihre Launen aneinander ausleben und in ihrer Buddy-Konstellation zuweilen an Vorbilder wie Walter Matthau und Jack Lemmon erinnern, das „seltsame Paar“.

Bei alledem bekommt sogar der Mordfall noch einige Wendungen. Nicht nur witzig ist dieser „Tatort“, sondern auch noch spannend.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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