Mozarts „La Clemenza di Tito“ unter Teodor Currentzis in Dortmund

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Teodor Currentzis.

DORTMUND - Mozarts vorletzte Oper „La clemenza di Tito“ preist die Milde eines humanistischen Machthabers, der Verrat und Anschläge auf seine allerhöchste Person vergibt. Derzeit tourt der musikalische Bilderstürmer Teodor Currentzis mit seinem Ensemble MusicAeterna, nachdem er seine „Clemenza“ bei den Salzburger Festspielen vorgestellt hatte. Dort führte Regisseur Peter Sellars Flüchtlinge auf die Bühne und bearbeitete das Thema Terror. Im Konzerthaus Dortmund war die Oper ohne Handlung zu erleben.

Die „Clemenza“ ist in dieser Fassung ergänzt um Teile aus Mozarts großer c-moll-Messe. Dafür sind lange Rezitative gestrichen worden. Dramaturgisch tut das der Oper gut.

Los geht es mit Currentzis' üblichem Vorpreschen. Die Ouvertüre bürstet er mit scharf akzentuierter Klangrede gegen den Strich. Zum Finale hat er einen Nervensturm herbeigespielt.

Es erscheint Vitellia (Karina Gauvin), die, von Titus verschmäht, auf Rache sinnt und den sie liebenden Sesto zum Mord aufwiegelt. Gauvins flackernde Linien, die kurzatmige Phrasierung skizzieren eine Diva unter Starkstrom. Alles treibt, hastig, ruckhaft, wie Treibgut im Fluss auf ein Unglück zu. Currentzis’ Vorpreschen macht aus der Oper einen Pageturner mit Antik-Setting. Das aus der c-moll-Messe geholte „Laudamus“, mit dem Servilia Titus dankt, weil sie nicht ihn heiraten muss, sondern Annio ehelichen darf, tönt seltsam spöttisch. Anna Lucia Richter singt mit Koketterie, nach dem Motto: Gebet dem König, was des Königs ist, preiset ihn - und dann lasset die alte Marmorbüste links liegen. Thriller im alten Rom! Ist das Currentzis’ Formel?

Aber nein. Die Aufführung ist janusköpfig, und es ist kein Zufall, dass sich der Wechsel schon in Sestos erster große Szene ankündigt. Hier erhält die Oper Tiefe, und das ist zu einem erheblichen Teil dem eleganten, nuancenreichen französischen Mezzosopran Stéphanie d’Oustrac zu verdanken. Sie singt tief in den Zwiespalt der Rolle hinein. Sesto soll aus Liebe morden - was bewirkt das in dem Menschen, der er ist? Die Oper dreht sich nicht mehr um den Herrscher: Sie ist das Drama des Sesto.

Das Finale des ersten Aktes leiht sich finstere Großartigkeit vom „Don Giovanni“ mit seinem ausgefeilten Höllentheater. Doch der zweite Akt beginnt mit dem „Kyrie“ aus der c-moll-Messe, gesungen von Jeanine de Bique als Annio (von den Salzburger Solisten sind sie und Sir Willard Whites Publio geblieben). Der grandios farbmächtige, wortdeutliche und ausdrucksstarke Chor aus Perm bereitet den Boden mit einem präzise aufgefächerten Schrecken. Allein das lohnt das Hören!

Jetzt geht es ans Eingemachte. Aus Posen und Affekten muss Haltung errungen werden. Gauvin wandelt ihre nervöse Energie zum Porträt einer tief unsicheren Frau. De Biques kultivierter Annio ruft die mitfühlende Verzweiflung eines machtlosen Zeugen ab.

Noch viel schöner: Currentzis prescht nicht mehr. Er arbeitet Farben heraus, macht die Musik beredt mit subtiler, geschmeidiger Phrasierung. Sie atmet, gewinnt Tiefe und Schönheit.

Die Milde muss sich Titus abringen, es ist eine Gnade auf Messers Schneide. Leider ringt Maximilian Schmitt, der im ersten Akt eher den jungen Liebhaber gab als den Herrscher, heftig nach dramatischem Ausdruck, übersteuert, singt hektisch und kurzatmig. Nein, dies ist ein Abend der Frauen, vor allem der Abend D’Oustracs.

Titus vergibt den Tätern, aber der auskomponierte Dank klingt marmorn - da hatte Mozart etwa im Finale der „Entführung aus dem Serail“ menschlichere Töne gefunden. Currentzis findet ein mehrdeutiges Ende, er hängt an Mozarts Schluss eine selbst erstellte Chorfassung der Maurerischen Trauermusik an, die durch den herausragenden MusicAeterna-Chor herbe Unerbittlichkeit erhält.

Damit kehrt das Drama ins Politische zurück. Was würde wohl aus Titus’ Gnade nach ein paar Jahren an der Macht, ein paar langen Jahren Einsamkeit? Das fragt der Schlusschor, Antwort offen.

Quelle: wa.de

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