Das theatermusikalische Projekt „Hagar“ am Schauspielhaus Bochum

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Vier Mal Hagar und staunende Söhne: Szene aus der Globe Opera Performance in Bochum mit Kerstin Pohle, Kristina Peters, Edith Voges Nana Tchuinang, Simin Soraya (von links) und Florian Lauss und David Guy Kono (im Video).

BOCHUM - Hagar gehört heute zu den Schattenfiguren der Bibel. Wo ist die Frau noch Thema, die sich der Stammvater Abraham als Leihmutter für seine Familie auswählte, weil seine Frau Sara zu alt für ein Kind war? Dabei führt die Geschichte jener ägyptischen Sklavin, die zuweilen auch als Pharaonentochter angesprochen wird, an die Wurzeln der drei monotheistischen Weltreligionen, die man auch abrahamitisch nennt. In einer mythischen Familiengeschichte zeichnen sich bereits die späteren großen Konfliktlinien ab.

Am Schauspielhaus Bochum wird aus dem Drama von „Hagar“ ein großer szenischer Abend mit Musik, Tanz und interkultureller Begegnung. Das Fabian Lettow und Mirjam Schmuck vom freien Ensemble kainkollektiv inszenieren die „Globe Opera Performance“. Gleich vier Frauen verkörpern die Titelheldin des Abends, die erste alleinerziehende Mutter, wie sie auch genannt wird. Im Kern geht es um die biblische Erzählung: Hagar wird Mutter von Ismael. Die eifersüchtige Sara bekommt am Ende auch noch einen Sohn, Isaak. Nach einem Streit verbannt Abraham Hagar und Ismael in die Wüste. Der Islam sieht in Ismael den Stammvater der Araber. Die jüdisch-christliche Überlieferung beruft sich auf Isaak.

Der zweistündige Abend versucht einen Brückenschlag zwischen den Kulturen des Ruhrgebiets. Beteiligt sind der Bochumer Kinderchor, der jüdische Chor Bat Kol David, der ökumenisch-christliche ECC-Choir aus Essen und der Nasheed-Sänger Issam Bayan.

Immer wieder rückt die Inszenierung die Geschichte an die Gegenwart. In der Bibel flüchtet Abraham mit seiner Sippe vor einer Hungersnot nach Ägypten. In „Hagar“ laufen die Darsteller im Kreis um den großen Kubus, den Zdravka Ivandija Kirigin als Mittelpunkt des Bühnenbilds geschaffen hat. Diese Fluchtgeschichte spielt im Nahen Osten von heute, der Bürgerkriegsregion. In einer anderen Szene sprechen Sara und Abraham wie ein modernes Paar über den unerfüllten Kinderwunsch und die Möglichkeiten einer künstlichen Befruchtung oder einer Leihmutter. So wird die Chance genutzt, den Mythos mit einer Vielzahl von Motiven zu überschreiben und damit zu aktualisieren. Dieses Musiktheater bekommt dadurch tatsächlich geradezu globale Fülle an Themen, vielleicht sogar etwas zu viel.

Ein zentraler Punkt ist dabei der ideologische Missbrauch, der von den Darstellern in persönlichen Erinnerungen konkretisiert wird: Die persischstämmige Schauspielerin Sirin Soraya erzählt von Besuchen in Teheran. Und sie klagt eine Religion an, die aus Liebenden Sünder macht und zitiert ein Untergrundgedicht: „Ich habe gesündigt voller Lust.“ Der Countertenor Florian Lauss erzählt von seiner Geschichte als Sohn eines katholischen Pfarrers, der fristlos gekündigt wurde, als er zwei Kinder adoptieren wollte, die sonst ins Heim gekommen wären.

Dieses szenische Mosaik nutzt die verschiedensten Mittel. So singen Lauss und die Sopranistin Kerstin Pohle berückende Arien aus der Barockoper „Agar et Ismaele“ von Alessandro Scarlatti, begleitet von einem Streichquartett. Der Kinderchor singt „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“. Es gibt moderne elektronische Bühnenmusik von Rasmus Nordholt-Frieling. Und einen afrikanischen Ritualtanz, den Edith Voges Nana Tchuinnang und David Guy Kono mit dem großen Ensemble anstimmen. Catherine Jodoin tanzt einen Engel, der zuweilen die vielen Akteure wie ein Lotse an den richtigen Ort lenkt, dann wieder die hochkochenden Gefühle in expressive Gesten übersetzt.

Für das Schlussbild kommen alle auf die Bühne zu einer Art Tribunal: Abraham (Antoine Effroy) wird gefragt, ob es wirklich bei der Verbannung von Hagar und Ismael bleibt. Da steht das mythische Geschehen sinnbildhaft für die aktuelle Entzweiung der Religionen, und es scheint die Utopie einer gleichsam familiären Aussöhnung auf. Hier könnte vielleicht das Grundübel der monotheistischen Religionen geheilt werden: Die Überzeugung, dass nur ein Glaube den wahren Gott kennt und damit den anderen überlegen sei. Der Abend verbindet die vielen Stimmen und Stimmungen zu einem eindrucksvollen Ganzen. Großer Beifall.

Bochum: 2.7., Ringlokschuppen Mülheim 30.9., 1.10.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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