Thorsten Nagelschmidts Roman „Der Abfall der Herzen“

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Überlebte in der Provinz: Thorsten Nagelschmidt schrieb den Rheine-Roman „Der Abfall der Herzen“.

Manchmal ist eine Frage das Konzentrat eines Beziehungsdramas. „Sag mal, wie war das eigentlich damals – wann hast du aufgehört, mich zu hassen?“ So beginnt Thorsten Nagelschmidt seinen Roman „Der Abfall der Herzen“. Das Gespräch stand auch in der Wirklichkeit am Anfang der autobiografischen Geschichte. Zwei Freunde verfeinden sich, weil der eine sich in die Freundin des anderen verliebt hatte, und versöhnen sich wieder. Sascha und Nagel eben.

Thorsten Nagelschmidt, geboren 1976 in Rheine, war Sänger der Punkband Muff Potter, ist Grafiker und schreibt Romane. In seinem Erstlingswerk „Wo die wilden Maden graben“, das er unter dem Kurznamen Nagel veröffentlichte, ging es um das Leben des Sängers einer Punkband. Auch im neuen Roman steht „Ich“ für den Autor. Der ist in jenem verrückten Sommer der Gefühlsverwirrungen 23 und lässt sich treiben in einem Kaff in der westfälischen Provinz, in einer einigermaßen prekären Wohngemeinschaft.

„Wenn nichts los war, betrank ich mich zu Hause, alleine oder mit Richter, Tommi oder Sascha, oder wer auch immer gerade da war. Irgendwer war immer da. Bei uns tauchte man auf, um herauszufinden, was so los war, ob es noch einen Autoplatz zu diesem See oder jenem Konzert gab oder um einfach abzuhängen, zu saufen und Joints zu rauchen, einen Film zu gucken, eine Partie Risiko zu spielen oder über den neuesten Tratsch informiert zu werden.“ Sie leben nebeneinander her, der Kleindealer Pappen-Phil und der Neonazi Dicken, der Lebenskünstler Claus Vosgröne, der Filme für den Bürgerkanal drehte, in Perücke und Sommerkleid als „Jacqueline“ ins „Emsschlösschen“ ging und dort die Zeche mit einem Gedicht beglich, der Wirt Ivo, der sich auf den Handel einließ. Nagel jobbt in einem Versandladen neben Aussiedlern und hört Szenebands wie „Schliessmuskel“ und „Dackelblut“. Gerade hat er seine Freundin Nina an den „Kifferbubi“ Timo verloren und lässt sich als Ausdruck seines Leidens ein monströses Tattoo stechen, eine herzförmige Bombe. Kurz darauf aber kommt er mit Laura zusammen und bereitet seinem Freund Sascha den Kummer, an dem er gerade noch selber litt.

Originell ist die Geschichte kaum. Aber dafür entschädigt anderes, zum Beispiel das mit eigenwilliger Hassliebe gezeichnete Bild des „Schweinekaffs“ Rheine vor der Jahrtausendwende, „dieser Normalität genannte Dämmerzustand, diese gepolsterte Welt aus Reihenhäusern, Schützenfesten und Verkehrsberuhigung, versichert gegen alles und jeden, immer den Weg des geringsten Widerstands, jeder Tag ein einziger fauler Kompromiss“. Es ist ja witzig, wie Nagel durch den Tag treibt, mal nach Zandvoort fährt und einfach findet: „Gute Laune ist“, mal bedröhnt auf der Bühne steht und danach nichts mehr weiß, Filmriss, mal beim Autofahren unter Alkohol von der Polizei erwischt wird, oder auch: „Beim Aufwachen am nächsten Morgen waren wir beide nackt. ,Sind wir letzte Nacht noch Auto gefahren?‘ ,Kurz‘, sagte Theresa. ,Und haben wir noch‘, ich kratzte mich am Kopf, ,irgendwie rumgemacht oder so?‘ ,Auch nur kurz.‘ Das war nicht gut. Das war gar nicht gut. Hoffentlich verknallt die sich jetzt nicht in mich...“ Hübsch, wie Nagelschmidt die Überheblichkeit seines früheren Ichs bloßlegt.

Aber er belässt es nicht bei bittersüßer Rückschau. Er legt den Entstehungsprozess seines Buchs offen. Im Gespräch am Anfang erwähnt Sascha einen Brief, an den Nagelschmidt sich nicht erinnert, den er aber tatsächlich geschrieben hat und erstaunt wieder liest. Er arbeitet auch seine Tagebücher des Jahres durch (es ist wie der „Coming-of-Age-Roman eines Fremden“) und besucht alle Beteiligten der Geschichte. Ihre Versionen, die immer wieder eingeblendet werden, unterscheiden sich nicht unerheblich von seiner Erinnerung. War das Auto, in das Tommi bei einer nächtlichen Fahrt kotzte, das von Wiebkes Mutter oder das von Theresas Mutter? Beide Frauen sind sich sicher, dass es sie erwischt hatte. Am Ende muss Nagelschmidt nicht nur in diesem Detail seine Version der Vergangenheit erfinden. Der Leser hat seine Freude dran.

Thorsten Nagelschmidt: Der Abfall der Herzen. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 445 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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