„Total Records“ zeigt starke Plattencover

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Auf Vinyl gepresst: Brian Duffy fotografierte David Bowie zur Compilation „Fashions“ 1982.

BERLIN Schallplatten sind wieder hip. Vinyl heißen die Tonträger heute. Sie sind gerade bei jungen Leuten angesagt, wertig und kultig zugleich. Welche Newcomer Band will nicht auch auf Vinyl erklingen?

Auf dem deutschen Musikmarkt wächst der Anteil von Vinyl. Immerhin wurden von 1,59 Milliarden Euro Jahresumsatz 2016 rund 4,4 Prozent für Schallplatten ausgegeben. CD-Alben (53,8 Prozent) sind in Deutschland nach wie vor am meisten gefragt vor Streaming (24,1) und Downloads (12,2).

Zu diesem Trend passt eine Ausstellung in Berlin aus der hohen Zeit der Schallplatte. „Total Records – Vinyl & Fotografie“ thematisiert eine Kunstform von 1960 bis in unsere Zeit. Damals stilisierten Fotografen und Künstler die Coverbilder der Unterhaltungsmusik. Sie waren häufig für das Image einer Band und den Erkennungswert eines Albums verantwortlich. Zum Beispiel hat das Album „The Dark Side of The Moon“ (1973) von Pink Floyd einen besonderen Platz in der Ausstellung der C/O Galerie im Amerika Haus erhalten. Das britische Grafikkollektiv Hipgnosis hat die psychedelische Cover-Ikone entworfen – der farbig brechende Lichtstrahl in einem Pyramidenglas auf schwarzen Grund. Chefgrafikdesigner war der Franzose Jean-Paul Goude. Auch der brennende Mann auf dem Cover „Wish You Were Here“ (1975) wird in Berlin gewürdigt. Wer kennt ihn nicht?

Die Ausstellung ist in Kapitel unterteilt. „Verboten“, „Nackte Haut“, „Andy Warhol“, „Neue Berliner Schule“ oder „Geniale Dilettanten“. Meistens aber werden Fotografen und Künstler in „Total Records“ vorgestellt, wie Jim Rakete, der über 350 Cover gestaltet hat. Oder der Niederländer Anton Corbijn, der mit seinen Panoramafotos und Videos der irischen Rock-Band U2 („The Joshua Tree“) zu einem programmatischen Image verhalf. Kuratoren der Schau sind Antoine de Beaupré, Serge Vincendet und Sam Stourdzé.

Fotografen wie David Bailey visualisierten auch die musikalische Entwicklung ihrer „Motive“. Der Brite bebilderte die Rolling Stones in ihren ersten zehn Jahren ab 1964, und als sie noch zu fünft waren. Das Bad-Boy-Image der Stones („Out of our Heads“) hellte sich später mit Baileys sanften Farben auf. Und der Mythos der Band entwickelte sich. Bailey gehörte neben Terence Donovan und Brian Duffy zu Black Trinity, den Fotografenstars und Chronisten der Londoner Sixties.

David Bowie ließ seine Mutationen als Pop-Künstler gleich auf die Vinyl-Single pressen und ergänzte so das Cover extrem wirkungsvoll. Von Ziggy Stardust über Halloween Jack zu Aladdin Sane sind in Berlin neun Singles des Briten (1947–2016) zu sehen. Er arbeitete auch mit Brian Duffy zusammen, der die dokumentarische Modefotografie entwickelte.

Neben artifizieller Selbstdarstellung – Lady Gagas „Artpop“ (2014) von Künstler Jeff Koons zählt dazu – war das Cover auch Visitenkarte für Plattenlabels. Das „Modern Jazz Studio 1“ beim DDR-Tonträgerproduzenten VEB Deutsche Schallplatten Berlin setzte auf konturstarke Schwarzweißfotos – Kapitel „Ostplatten“. Fotograf Roger Melis überzeugte dagegen mit einem empfindsamen wie authentischen Stil, als er den Systemkritiker Wolf Biermann in seiner Privatwohnung aufnahm: „Warte nicht auf bessere Zeiten“ (1973).

Und neben all den Heroengeschichten, zu denen auch die Toten Hosen („Reich und sexy II“, 2002) mit Andreas Gursky/Nina Pohl sowie die Gruppe Kraftwerk („Kraftwerk“, 1970) mit Bernd und Hilla Becher zählen, gibt es auch Anekdotisches unter den 400 Exponaten zu entdecken. Die Gruppe PVC – nicht jeder wird die Punkgruppe kennen –– ließ Fotos von einer Schlachtperformance des Künstlers Hermann Nitsch auf ihr Cover „Hermann Nitsch/PVC“ (1979) drucken – Tierfleisch in Schwarzweiß. Dieter Roth, wegen seiner Speise-, Köttel- und Materialkunst bekannt, startete eine 500. Auflage der LP in seinem Verlag. Es sollte die erfolgreichste Platte von PVC bleiben – wahrscheinlich nicht wegen der Musik.

Bis 23. April; täglich 11 bis 20 Uhr; Katalog 22 Euro; Tel. 030/ 284 44 160; www.co-berlin.org

Quelle: wa.de

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