„Triumph ohne Sieg“: Haltern erinnnert an Roms Ende in Germanien

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Das Mosaik aus dem kaiserlichen Palastbezirk in Trier zeigt Euterpe, die Muse des Flötenspiels, die einem Schüler hilft, zu sehen ist das Fußbodenbild im Römermuseum Haltern.

HALTERN - Vielleicht hätten die Römer auch in Haltern ein so kunstvolles Mosaik hinterlassen wie einst in Trier. Euterpe, Muse des Flötenspiels, unterweist einen Musiker. Das Fußbodenbild (3. Jahrhundert) war in der römischen Gründung an der Mosel gefunden worden, wo die antike Weltmacht zur Stadtentwicklung beitrug.

Nur für Aliso, östlich des Rheins und nördlich der Lippe, kam nicht der Befehl, dass der Militärstützpunkt zur Colonia mit Theater, Tempel, Thermen und Verwaltung ausgebaut werden sollte. Der römische Kaiser Tiberius zog 16 n. Chr. seine Truppen aus Germanien zurück. Fortan war der Rhein die Grenze zwischen Rom und Germanien – Zivilisation kontra Stammesgesellschaft.

Diese Zusammenhänge bilden den interessanten Ausblick einer Ausstellung, die mit dem „Siegeszug“ des Germanicus im Römermuseum in Haltern beginnt. Ab Freitag, 2. Juni, werden 250 Exponate von über 40 internationalen Leihgebern präsentiert. Die Schau „Triumph ohne Sieg“ thematisiert ein großes Fest in Rom, das vor 2000 Jahren am 26. Mai gefeiert wurde. Aber der Triumphzug des Germanicus, so Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), war „Symbolpolitik“, denn zu feiern gab es nichts. Der LWL organisierte die Ausstellung.

Für Rudolf Aßkamp, Direktor des Römermuseums, endete 16 n. Chr. der fast 30-jährige Krieg Roms gegen Germanien. Hatten die Stiefsöhne Kaiser Augustus‘ 15 v. Chr. noch ihren Alpenfeldzug begonnen, so reagierte Tiberius 7 v. Chr. auf germanische Überfälle gegen Gallien. Stützpunkte wie das Zwei-Legionen-Winterlager in Anreppen setzten den Germanen zu. Als Feldherr Tiberius nach Ungarn musste, übernahm Varus die Legionen in Germanien und verlor in der Schlacht am Teutoburger Wald 9. n. Chr. 15 000 Soldaten gegen Arminius, dem germanischen Heerführer. Das Truppenlager Aliso fiel allerdings nicht.

Der Niederlage wollte Tiberius begegnen. Insgesamt setzte er acht Legionen gegen die germanischen Stämme ein. Als er nach Augustus‘ Tod 14 n. Chr. Kaiser wurde, ließ er seinen Adoptivsohn Germanicus noch drei Jahre Krieg führen östlich des Rheins. Aber außer der Bestattung der Varus-Opfer und einigen Strafaktionen im heutigen Hessen und Sauerland blieben nur hohe Kosten. Die Truppen, die 16 n. Chr. über den Seeweg nach Rom verschifft wurden, gingen teilweise in der Nordsee unter oder wurden bis England abgetrieben.

Für die Ausstellungsmacher steht fest, dass Tiberius seinen Feldherrn Germanicus zurückholen wollte. Auch weil er selbst die Erfahrung gemacht hatte, dass mit Verhandlungen mehr erreicht wurde als mit Kämpfen gegen die germanischen Stämme. Der versprochene Triumphzug 17 n. Chr. in Rom verdeckte, dass die Mission Germanien ein Reinfall war. Historiker Tacitus (um 56 – 118) schrieb „ungefähr Zweihundertzehn Jahre: So lange schon wird Germanien besiegt“.

Es gab weitere Gründe: Germanien wurde keine römische Provinz, weil es keine Stadtgesellschaften östlich des Rheins gab, denen die Römer ihr Verwaltungssystem aufstülpen konnten. Die Stammeskultur war nicht in eine soziale mediterrane Ordnung zu transformieren. Außerdem gab es außer einer Mine mit Bleivorkommen im Sauerland keine wirtschaftlich interessanten Rohstoffe. Blondes Germanenhaar für die Perücken römischer Damen und Bernstein-Funde rechtfertigen kein Zuschussgeschäft.

Statt diese Fakten anzuerkennen, feierte Rom am 26. Mai 17 n. Chr. Germanicus’ „Triumph“. Die Feststimmung in Rom bildet die Ausstellung in einem Gang ab, der mit Dekowänden voller Rosenblätter überrascht. Und wie sich Römer an Siege erinnern, das zeigen Bronzefiguren aus Herculaneum (41–54 n. Chr.), die wohl auf einem Triumphwagen gestanden haben. Pathetisch wirken sie, obwohl Lanze und Zepter mittlerweile fehlen. Auf einem Kalksteinrelief an anderer Stelle wird der Sieg gegen Illyrium (Kroatien, Bosnien, Herzegowina) gefeiert. Die Gegner hocken gefesselt auf ihren Waffen (1. Jh. n. Chr.). Und ein kleiner Tropaion aus Bronze zeigt Brustpanzer, Helm und Beinschienen, wie sie die Römer auf Baumstämme hängten und auf Schlachtfeldern ausstellten, um ihren Sieg sichtbar zu machen – für die Götter.

Überreste von Germanicus’ Feldzügen sind in Wandvitrinen ausgestellt: beispielsweise der Legionärshelm ohne Wangenklappen (Oberaden), die Pionieraxt und Zeltheringe (Hedemünden, nahe der Werra), Krug und Geschosse aus der Militärtöpferei von Beckinghausen (bei Lünen). Weiter gibt es Funde aus Holsterhausen (Kreis Recklinghausen), Olfen (Kreis Coesfeld), Anreppen (Kreis Paderborn) und Haltern.

Die Ausstellung geht noch der Bedeutung von Triumphzügen nach und präsentiert herrliche Objekte aus den Siedlungen Roms, die westlich des Rheins lagen. Ein Relief zeigt eine römische Mähmaschine, die die Getreideernte mit Handsichel ablöste (1. Jh. n. Chr.) Feine Glasobjekte aus Köln für Substanzen der Körperpflege sind zu sehen, und ein Pferdekopf aus Bronze, der noch Spuren von Blattgold zeigt. Diese Skulptur zierte entweder ein Forum oder den Ehrenbogen der Augusta Vindelicum, dem heutigen Augsburg. Zu römischer Pracht, zu Bädern oder Brot und Spielen ist es in Aliso/Haltern nicht gekommen.

Triumph ohne Sieg. Roms Ende in Germanien im Römermuseum in Haltern.

2.6.– 5.11.; di – fr 9 – 17, do bis 19, sa, so 10 – 18 Uhr;

Tel. 02364/ 93760;

www.lwl-roemermuseum-haltern.de

Begleitbuch, Verlag Philipp von Zabern, München 39,95 Euro

Quelle: wa.de

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