„Trump“, Mike Daiseys Stück am Theater Dortmund

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Er kommt einem ganz nah: Andreas Beck spielt im Stück „Trump“ einen Wahlkampfmanager, zu sehen im Megastore des Dortmunder Schauspiel. Zuschauer trifft er am Stehtisch.

DORTMUND Bettina Lieder weiß genau, warum die Zuschauer in den Megastore gekommen sind, die Ausweichspielstätte des Theaters Dortmund. Amüsieren wollen sie sich, „die roten Fleischfetzen sehen“, sie wollen erleben, „wie Donald Trump zu Ihrem Vergnügen gehäutet wird – von seinem orangenen Riesenkopf bis zu seinem ekeligen Pavianarsch“. Wenn es doch so einfach wäre…

Das Theater Dortmund setzt den erst wenige Wochen amtierenden Präsidenten der USA auf den Spielplan, mit dem Stück „Trump“ von Mike Daisey. Der Schauspieler ist sozusagen die Bühnenausgabe von Michael Moore, in zornigen, informationsgesättigten Monologen widmet er sich politischen Problemen. Sein Text über Donald Trump entstand schon vor der Wahl. Mike Daisey trägt „The Trump Card“ als Monolog vor, am Pult sitzend, man kann das auf Youtube anschauen.

In Dortmund inszeniert Marcus Lobbes eine ganz andere Situation. Das Publikum kommt in einen mit Girlanden, Fähnchen, Glitzerlicht dekorierten Raum (Bühne: Lobbes und Pia Maria Mackert), in eine Wahlparty vielleicht, und vorab dürfen sich Hungrige einen Hot Dog und ein Getränk abholen. Mittendurch läuft Andreas Beck als smarter, schon etwas abgekämpfter Wahlkampfmanager und begrüßt die Eintreffenden mit Handschlag und netter Floskel. Der Text ist auf zwei Schauspieler verteilt. Und sie erklären ziemlich früh, warum das mit dem Häuten nicht funktioniert: Trump ist zu schnell fürs Theater. Der Mann setzt täglich ein Dutzend Tweets ab, haut Sprüche raus, ist unberechenbar. Bevor man einen Schock verdaut hat, kommt schon der nächste, etwas größere. Und da müssen Beck und Lieder das Publikum frustrieren, denn was sie auch aufzählen, das Abbürsten eines Reporters als „Lügenpresse“, den Einsatz für die Modemarke der Tochter – das weiß man doch schon. Es ist nicht einmal mehr lustig. Was die herumstehenden Partygäste erwarten, die unbedingte Aktualität, das können sie hier nicht bekommen.

Beck und Lieder geben stattdessen die Spaßbremsen. Während sie das ganze Politparty-Dekor abräumen, erst Fähnchen, Pappbecher, Papierschlangen einsammeln, später die Tische forttragen, sind sie mitten unter den Zuschauern. Da kann sich Lieder, in schulterfreiem Kleid, auf goldenen High Heels, an einen Mann schmiegen und verbildlicht ganz die Unterwürfigkeit der US-Behörden, die gegen Trumps Unternehmen nach langem Zögern wegen Rassismus ermitteln. Oder sie greift sich eine Frau, die nun den Subunternehmer darstellt, den Trumps Vater um seine Bezahlung prellen will: „Du bist am Arsch...“

Auch in Dortmund sehen die Zuschauer offensichtlich den US-Präsidenten eher kritisch. Aber die Gastgeber machen sich nicht gemein, sondern fordern das Publikum heraus. Die Inszenierung verzichtet auf die Ha-Ha-Gute-Laune-Stimmung (obwohl durchaus auch gelacht wird). Stattdessen versuchen Beck und Lieder, das Phänomen Trump zu durchleuchten. Zum Beispiel mit den Vaterfiguren, die ihn prägten, seinem leiblichen Vater Fred, von dem er nicht nur das Vermögen erbte, sondern auch den Rassismus und die Rücksichtslosigkeit. Oder mit seinem frühen Rechtsberater Roy Cohn, der ihm die Grundregeln der Trump-Kommunikation beibrachte, die Technik, dreiste Lügen mit einem für die Sache belanglosen Kern von Wahrheit zu befestigen. Unterdessen löst sich die Fotoprojektion des Weißen Hauses im Hintergrund in einer Explosion auf, als sei dies „Independance Day“. Die Analyse wirkt überzeugend, vereinfacht aber stark, weil es hier so sehr um Trump als Phänomen geht. Das Theater opfert dabei Tiefgründigkeit der Schlagkraft.

Bettina Lieder und Andreas Beck spielen großartig die Zerstörung der Illusion, man könne den Rechtsrutsch einfach weglachen. Sie gibt mitreißend die Society-Lady, die spießige Putz-Fanatikerin mit Staubwedel, und wenn sie mädchenhaft von der bösen Verführungskraft von Trumps TV-Show „The Apprentice“ schwärmt, fliegen ihr die Herzen zu. Er zieht souverän alle Register vom smarten Moderator über den dämonischen Paten bis zum Proll, der das Publikum mit Fußball-Slogans aufwiegelt. Und beide gehen wunderbar direkt auf Tuchfühlung mit ihren Gästen.

Trump erscheint als Prototyp des populistischen Politikers, als einer, der immerwieder ausprobiert, wie weit er gehen kann, womit er durchkommt. In dem Punkt wird Daiseys Stück anwendbar auf die Verhältnisse hierzulande, wo der Tabubruch der Radikalen ebenfalls für Abstumpfung sorgt. Am Ende steht eine Mischung aus Resignation und Appell, ein trauriges „Jetzt erst recht“, das die beiden Darsteller abgeschminkt und in Alltagskleidung aussprechen. Die Techniker haben sogar den Teppichboden aus dem Saal gerissen. Die Party ist vorbei, und Trump immer noch da.

12. 3., 14., 22. 4. (alle Termine bereits ausverkauft), Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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