Uralte Kulturtechnik geht verloren

"Copy & Paste" mit Butterbrotpapier

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Ausstellung "Die Kunst der Pause" in Köln

Köln - Copy & Paste - das machte man früher mit Butterbrotpapier. Man pauste ab. Dauerte etwas länger, konnte aber auch Spaß machen. Und das Ergebnis war immer eine Überraschung. Jetzt ist die Kulturtechnik schon ein Fall fürs Museum.

In grauer, tief analoger Vorzeit, in den 70er oder 80er Jahren, war es gar nicht so einfach, ein bestimmtes Bild zu kopieren. Zum Beispiel ein Plattencover, das man gut fand. Smartphones waren noch nicht erfunden. Einen Fotoapparat hatte meist nur Papa, und der gab ihn nicht her. Fotokopien waren teuer. Deshalb tat man Folgendes: Man nahm durchscheinendes Butterbrotpapier - Transparentpapier, wie man es nannte - legte es auf das Plattencover und zeichnete alles ab, was hindurchschimmerte. 

Abpausen nannte man das - eine uralte Technik. Die jetzt gerade verloren geht. Bevor es soweit ist, widmet ihr das Wallraf-Richartz-Museum in Köln ab Freitag eine eigene kleine Ausstellung mit Stichen von unter anderem Albrecht Dürer: "Die Kunst der Pause". Die Schau schärft einmal mehr das Bewusstsein dafür, was für einen fundamentalen Einschnitt der Beginn des digitalen Zeitalters darstellt. 

Mona-Lisa, abgepaust - kaum vom Original zu unterscheiden ;-) 

Es hat eine unendliche Bilderflut über die Menschheit gebracht. Kopieren, Weiterleiten, Vervielfältigen - das geht heute in Sekundenschnelle. Diejenigen, die damit aufgewachsen sind, kennen es nicht anders. Aber es war mal anders. Ganz anders. Noch vor 40, 50 Jahren. Viele Jahrhunderte lang war das Abpausen gang und gäbe, denn es war eine vergleichsweise einfache und preiswerte Form des Kopierens, erzählt Kurator Thomas Ketelsen. 

Vor Erfindung des Butterbrotpapiers musste man allerdings recht einfallsreich sein, was das Material betraf. Ein Beispiel: die Fischleimpause. Man nehme Haut, Gräten oder Blase eines Fisches, koche sie aus - Achtung: stinkt furchtbar! - setze einige Substanzen zu, streiche den so gewonnenen gelantineartigen Leim auf Stein aus, lasse ihn härten und ziehe ihn ab. Dann hält man eine durchsichtige Folie in der Hand. Ebenfalls geeignet sind Schweinsblase und Rinderdarm. 

Die Ausstellung "Die Kunst der Pause - Transparenz und Wiederholung" läuft vom 24. März bis zum 11. Juni dieses Jahres im Wallraf-Richartz-Museum in Köln.

Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat bis 22 Uhr. An Feiertagen 10 bis 18 Uhr. Montags geschlossen. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4,50 Euro.

Die so hergestellte Folie legt man auf das zu kopierende Bild und zeichnet dann die Konturen ab. Anschließend zieht man die Folie ab, legt sie auf ein Papier und ritzt mit einem Griffel oder einer Nadel die Linien nach, so dass sie auf das Papier übertragen werden. Dadurch geht die Folie natürlich kaputt - der Grund dafür, warum sich so wenige Pausen erhalten haben. Jeder, der schon mal gepaust hat, weiß: Die Pause sieht anders aus als das Original. Sie vereinfacht die Vorlage, da sie meist nur die Hauptkonturen wiedergibt. Dadurch kann aus der Wiederholung ein schöpferischer Akt werden - aus dem Kopierprozess geht ein Werk hervor, das für sich stehen kann. Eine Art Remake. Als Nebeneffekt schult das Nachziehen der Linien das Gefühl für Umrisse und Proportionen. 

Über viele Epochen hindurch war unter Künstlern die Vorstellung verbreitet, dass man sich ein Motiv auf diese Weise "einverleiben" konnte. Man hatte es dann in sich und konnte es gegebenenfalls wieder neu hervorbringen. Copy & Paste à la Leonardo sozusagen. Heute gibt's das Abpausen noch in Architektenbüros. Aber im Kunstunterricht wird es schon kaum noch praktiziert. Es stirbt aus. Ein Verlust? Wahrscheinlich wird dafür etwas anderes entstehen. 

Eins aber müssen sich die "Digital natives" wohl erst mühevoll aneignen - falls sie es überhaupt noch erstrebenswert finden: die Fähigkeit, sich für länger als ein paar Sekunden mit ein- und demselben Bild auseinanderzusetzen.

Quelle: wa.de

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