Kay Voges‘ Abschiedsinszenierung in Dortmund: „Play: Möwe“

Ein Trigorin mit drei Ninas: Szene aus „Play: Möwe“ in Dortmund mit Marlena Keil, Uwe Rohbeck, Bettina Lieder, Caroline Hanke, Andreas Beck und Anke Zillich (von links). Foto: Hupfeld

Dortmund – So furios hat man Nina Saretschnaja selten toben gesehen, entflammt von der eigenen „verfickten Mittelmäßigkeit“. Bettina Lieder fängt sachte an, dann enteilt sie in die Kulissen, verfolgt von Kameramann Tobias Hoeft durch die Gänge und Räume, die Bühnenbildner Michael Sieberock-Serafimowitsch für Videoeinblendungen geschaffen hat, klaustrophobische Gänge, ein schmuddeliges Bad. Bettina Lieder ereifert sich, wütet über Selbstzweifel und Lampenfieber und Empfindlichkeit, als müsste sie nie mehr Luft holen. Und immer wenn man meint, jetzt hat sie alles rausgelassen, holt sie aus zu einer nächsten Runde.

Dies ist einer von vielen wunderbaren Monologen, in denen das Ensemble des Schauspiels Dortmund noch einmal zeigt, welche Klasse in ihm steckt. Intendant Kay Voges stellt seine vorerst letzte Inszenierung hier vor, „Play: Möwe“. Im nächsten Jahr wechselt er ans Volkstheater Wien. In „Play Möwe“ steckt Tschechows berühmtes Künstlerdrama „Die Möwe“, das auch. Aber Voges und sein Dramaturgenteam Anne-Kathrin Schulz, Matthias Seier, Roman Senkl haben den Klassiker auf links gedreht, mit Loops, Remixes und Mash-Ups. Man erlebt einen szenischen Essay über das Theater, angeregt von und aufgefüllt mit Passagen aus Jean-Luc Godards Filmprojekt „Histoires du cinema“. Und weil es so etwas wie eine Summe von Voges‘ zehnjährigem Wirken in Dortmund ist, sind Momente aus früheren Inszenierungen eingefügt. Mal flitzen der große rosa Plüschhase, Adam und Eva, der Astronaut und die Lolitas über die Bühne. Mal schlüpfen Loriots für das ZDF geschaffene Figuren Wum und Wendelin in die Rollen von Nina und Treplew. Auf die Bühne wird eine Bühne gestellt, auf der eine Bühne steht. Gazeschleier und Vorhang werden Projektionsflächen, auf denen live gefilmte Akteure mit realen Darstellern kommunizieren. Voges ruft noch einmal die ganze Pracht seines szenischen Repertoires ab.

Diese zweieinhalb Stunden Powerplay beginnen sacht. Andreas Beck sitzt vorn rechts am Schreibtisch vor dem Regal, ein Wiedergänger Godards, und sinniert ruhig über das Wesen der Kunst. Den realen Schauspieler übersieht man. Stattdessen blickt man auf Becks filmisches Abbild in Schwarz-Weiß, tiefenscharf in Kinoqualität, rhythmisiert in langsamen Schnitten und Blenden. An Becks Stelle treten später Björn Gabriel, Anke Zillich, Friederike Tiefenbacher, Ekkehard Freye... Einmal überlagern sich die Gesichter Freyes und Lieders zu einem verwischten Gebilde.

Wiederholung und Variation ist ein Prinzip, das Voges an diesem Abend virtuos verfolgt. Immer wieder treffen Nina und Trigorin, der ältere der beiden Dichter in Tschechows Drama, aufeinander. Aber stets in anderer Gestalt, stets in anderer Konstellation und Atmosphäre. Gern werden die Figuren vervielfacht. Während vorn Christian Freund die Selbstzweifel Treplews vorträgt, mit einer Leiter wie in Tschechows Stück, steigt hinten Björn Gabriel als Treplew II einen kleinen Tritt auf und ab. Und es folgen weitere Treplews, die dann auch noch als Filmbild verdoppelt werden. Freund und Gabriel sprechen manchmal synchron, dann wieder wechseln sie sich ab.

Das Absurde steigert sich manchmal zum Horror: Marlena Keil kommt im kanariengelben Kleid als Nina auf die Bühne, mit steifen Schritten wie ein Zombie, ein Robot, eine Frankenstein. Ihr folgen zwei weitere Ninas, sie reihen sich auf und werden nacheinander von Beck als Trigorin angeschmachtet. Dann beißt er sie wie ein Vampir in den Hals, eine nach der anderen. Aber die Nina-Leichen leben noch, stehen auf, beißen in Möwen, was ein Gemälde des Surrealisten René Magritte zitiert.

Das Paar erlebt man später neu. Da sitzen Anke Zillich und Uwe Schmieder in Rollstühlen und blicken auf ihre ungelebte Beziehung zurück.

Auch den Monolog über das Schreiben (oder auch das Schauspielen) als Zwangsneurose hört man mehrmals. Es steckt viel Tschechow in diesem Abend. Aber die „Möwe“ dient vor allem als Vehikel, um Spielweisen, Tonarten, Atmosphären zu demonstrieren. Man erinnert sich an Voges‘ Inszenierung von Thomas Bernhards „Theatermacher“, der in neun Anläufen geloopt und geremixed wurde. Tschechows Geschichte wird fragmentiert in prägnante Szenen, die ganz ähnlich eingesetzt werden. Das komplexe Liebes- und Beziehungsgeflecht des russischen Dramatikers wird vorausgesetzt, vielleicht mitgedacht, aber nicht entfaltet.

Das hat durchaus seine Längen. Aber immer wieder findet die Inszenierung zu Momenten und Bildern von großer Intensität. Da stehen auf einmal fünf Frauen in weißen Kleidern und erinnern sich, in welcher Inszenierung sie das Brautkleid getragen haben. Bis auf Anke Zillich, die fragt, warum sie nie eine Jungfrau gespielt habe, um dann einen kurzen Moment aus Werner Schwabs „Präsidentinnen“ einzuflechten, mit Mariedl, die beherzt in die Kloschüssel greift.

Ein bisschen zu ausführlich schwelgt Voges im Fäkalhumor, lässt Wum parallel zum Text seinen Durchfall in die Toilette brummen. Andererseits: Wenn das dazu führt, dass Ekkehard Freye das Lächerliche wieder in Verzweiflung überführt, wie er mit runtergelassenen Hosen dahockt und die Muse beschwört, die doch nur ihre beste Freundin schickt, die Krise, wie er immer wieder gestört wird, als säße er auf einer Parkbank, das ist ein Kabinettstück, in dem sich Komik und emotionale Tiefe verbinden.

Ja, in diesem Abend schwingt viel Nostalgie mit. Wie sollte es bei einer Rückschau anders sein? Es fehlt der Schauer des Neuen, den man beim „Goldenen Zeitalter“, bei der „Borderline Prozession“ fühlte. Dennoch ist dies ein Abend, an dem ein Theater gespielt wird, das man nicht so schnell vergisst.

16., 23., 25.10., 10., 15., 24.11., 19., 28.12., 11., 25.1.,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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