Das Von-der-Heydt-Museum vergleicht die Impressionisten Degas und Rodin

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Büste mit Lebensspuren: Auguste Rodins „Der Mann mit der gebrochenen Nase“, 1864, ist im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zu sehen.

WUPPERTAL - Die eingeschlagene Nase von Bibi hatte es Auguste Rodin angetan. Er fand sein Modell auf dem Pariser Pferdemarkt und schuf eine Gipsbüste, die sich von der klassischen Skulptur unterschied. Aber 1864 wurde „Der Mann mit der gebrochenen Nase“ zum Großen Salon nicht zugelassen – noch nicht. Und Rodin musste weiter als Bauplastiker arbeiten.

Erst 1875 sollte die erste impressionistische Skulptur ausgestellt werden und Rodins Aufstieg zum gefeierten Künstler festigen. Im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum wird neben Rodin auch sein Freund und Zeitgenosse Edgar Degas ausgestellt. Was beide, die zeitgleich 77 Jahre in Paris gelebt haben, verbunden hat, zeigt die prächtige und aufschlussreiche Schau „Degas & Rodin. Wettlauf der Giganten zur Moderne“.

Museumsdirektor Gerhard Finckh ist eine Überraschung gelungen. Bislang wurden die Impressionisten nie im Vergleich präsentiert. Auf einer Postkarte bedankte sich Degas (1834–1917) bei Rodin (1840–1917) für einen Käufer. Es ist der einzige schriftliche Beleg für eine Verbindung zwischen den Künstlern. Dass sich beide im Hause Monets beim Essen begegnet sind, ist verbürgt. Und im Paris der Jahrhundertwende waren das Opernhaus, der Große Salon und die Treffen der Impressionisten feste Anlaufstellen.

Das Von-der-Heydt-Museum, das 270 Exponate präsentiert, hat auch hausinterne Motive für diese Vergleichsschau. Eduard von der Heydt sagte 1958, dass ihm Degas der wichtigste Impressionist sei. Zehn Bilder zählen zur Sammlung. Und die Familie Wichlinghausen hatte Anfang des 20. Jahrhunderts dem damals noch Elberfelder Museum eine Rodin-Skulptur geschenkt. Für den „schreitenden Mann“ ermöglichte Rodins Sekretär, Rainer Maria Rilke, ein Treffen mit dem weltberühmten Bildhauer in Paris.

Die kuratorische Leistung in Wuppertal ist nun, Gemeinsamkeiten beider Künstler herauszuarbeiten: es geht um Aufstieg und Scheitern. In zwölf Kapiteln mit je 100 Werken der beiden Impressionisten (und 70 der Freunde und Zeitgenossen) werden Interessen verglichen: Tänzerinnen, Landschaft, Fotografie, Pferde, der weibliche Akt. Und im Kapitel Skandale wird erläutert, dass Rodin vor ein Ehrengericht musste und seine Neider abschüttelte, während Degas sich den bösen Unterstellungen in der Presse beugte und seine Skulpturen nicht mehr ausstellte. Die „Tänzerin mit 14 Jahren“ (1881) ist eine naturalistische Wachsfigur Degas’, die als Objekt mit verluderten Merkmalen diffamiert wurde. Im 19. Jahrhundert unterschied man Lust- und Schwerverbrecher mithilfe von Gesichtsvermessungen. Da Degas’ „Tänzerin“ neben Bildern mit Verbrechern ausgestellt war, wollte man einen Hang zur Verderbheit bei Degas’ Figur erkannt haben. Der Künstler war beleidigt. Ab 1881 hielt er alle Plastiken bei sich. Erst nach seinem Tod wurden 72 Werke aus Wachs und Ton im Nachlass entdeckt und in Bronze gegossen. So kann seine „Kleine Tänzerin“ (1888) in Wuppertal anmutig das Bein schwingen, während Rodins „Tanzstudie F“ (um 1911) den Moment der Bewegung kraftvoller betont. Beide Arbeiten sind in einem großen Kabinett zu sehen. Herrlich.

Rodin, der das Thema Tanz erst ab 1905 aufgriff, war nach dem Krieg 1870/71 verunglimpft worden. Sein „Junger Mann“ in Gips, der sich an eine Kopfwunde greift und mit gebrochener Lanze einen Gefallenen darstellt, sollte nur abgegossen sein. Freunde belegten, wie unsachlich diese Unterstellung war. Und Rodin sollte Jahre später in Paris mit eben dieser Figur zum bekannten Künstler aufsteigen. Er nannte den Bronzeguss des Kriegsdenkmals nun „Das eherne Zeitalter“ und rührte damit an die pariotischen Gefühle nach der Niederlage gegen Deutschland. In Wuppertal ist die Skulptur von 1877 zu sehen.

Rodin, der aus einfachen Verhältnissen stammt, stieg zum Weltkünstler auf. Degas dagegen – sein Vater war ein wohlhabender Bankier – musste sich als Maler strecken und verbitterte. Für Rodin kam Edward Steichen aus den USA und fotografierte 1902 Skulpturen wie „Der Denker“ als dunklen Monolith und mystifizierte die so lebensnahe Plastik.

Rodin übermalte Fotografien, um neue Skulpturen zu entwickeln. Degas fotografierte selbst und experimentierte mit Doppelbelichtungen. Die Bewegungsstudien des Fotografen Eadweard Muybridge (ab 1876) belegen in Wuppertal, wie Degas zu Pferdeabbildern inspiriert wurde („Vor dem Rennen“, 1888). In Pferdezeichnungen arbeitete Rodin dagegen das Formvolumen heraus („Rossbändiger“), es sind Skizzen zur plastischen Arbeit.

Beim weiblichen Akt „mit angezogenem rechten Bein“ zeichnete Rodin direkter, ohne pornografisch zu werden. Degas suchte in „Nach dem Bade“ (1895) die Nähe und Alltagsszenen. Beide ließen sich auf Charles Baudelaires Maxime ein, als Künstler die eigene Zeit zu reflektieren. Das spiegelt die Ausstellung bis in die Arbeitsmethoden. Und an einer kleinen Büste, die Rodin in Gips (1888/89) zeigt, wird das Prinzip seiner Plastik besonders augenfällig. Unter dem markanten Künstlergesicht scheint der Bart gar lebendig zu schäumen: So sah ihn Camille Claudel.

Bis 26.2.; di, mi 11 – 18 Uhr, do, fr bis 20 Uhr, sa, so 10 – 18 Uhr; Tel. 0202/563 6231; www. degas-rodin-ausstellung.de

Katalog, Kettler-Verlag, Dortmund, 25 Euro

Quelle: wa.de

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