Walt Whitmans Roman „Jack Engle“ ist wiederentdeckt worden

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Der amerikanische Dichter und Schriftsteller Walt Whitman.

Sein Credo war radikal und rebellisch. Walt Whitman wollte mit Anfang 30 dem Gefühl nachgeben, sich „kompromisslos in literarischer Form“ auszudrücken, folglich seine „eigene physische, emotionale, moralische intellektuelle und ästhetische Persönlichkeit“ preisgeben. Mitte des 19. Jahrhunderts war das für einen Amerikaner der Weg zu sich selbst und zu einer amerikanischen Literatur, die sich von europäischen Vorbildern abgrenzen ließ. Whitmans „Leaves of Grass“ („Grasblätter“) kam 1855 erstmals mit zwölf Gedichten heraus und sollte zu der Sammlung amerikanischer Dichtkunst werden, die heute noch als „Ur-Meter moderner Lyrik“ überhaupt gilt.

„Er war Amerika“, schrieb Ezra Pound (1885–1972) nachträglich und anerkennend. Bevor Whitman allerdings dichtete, trat er mit Prosatexten in die Öffentlichkeit. Vom 14. März bis 18. April 1852 erschien sein Fortsetzungsroman „Jack Engles Leben und Abenteuer“ im Sunday Dispatch, einer New Yorker Zeitung („Drei-Cent-Blatt“), die auf ihre Geschichten in der „New York Times“ aufmerksam machen musste. Aber nur über so eine Anzeige stieß der Literaturwissenschaftler Zachary Turpin (Uni Houston) 2016 auf Whitmans Geschichte. Außerdem gab es eine Eintragung des Dichters in einem seiner roten Notizbücher, wo er die Charaktere zu „Jack Engle“ skizziert hatte. Beides führte dazu, dass Turpin nach 165 Jahren den Roman im Sunday Dispatch Walt Whitman (1819–1892) zuordnen konnte.

Whitman hatte seinerzeit auf seinen Verfassernamen verzichtet. Er wollte wohl die Autorenfiktion als Spannungsmoment seines Fortsetzungsromans wahren.

Im Manesse Verlag ist der Roman nun auf Deutsch erschienen, und Literaturkritiker Wieland Freund sortiert Walt Whitmans „Jack Engles Leben und Abenteuer“ zur frühen Whitman-Dichtung, die der Lyriker später sogar eigenhändig vernichtete. Kurz gesagt: „Jack Engles“, die Story um einen Waisenjungen in New York, fehlt viel von dem, was den Ruhm Whitmans nur wenig später begründete.

„Jack Engle“ wird von einem auktorialen Erzähler geschrieben, der auf der Suche nach der Herkunft seiner Hauptfigur ist und dabei satten Unterhaltungsstoff bietet, wie ihn Leser erwarteten, die das wechselvolle Leben in New York meistern mussten.

Walt Whitman zeigt sich hier als ausgebuffter Storyteller. Er nimmt den Leser an die Hand und lässt ihn mit Mr. Foster zum Rechtsanwalt Mr. Covert ziehen, wo der Waisenjunge Jack erst mal etwas lernen soll, bevor er selbst entscheiden darf, wohin sein Leben ihn führt. Das soziale Elend – ein publikumsträchtiger Topos seit Charles Dickens – wird über die Figur Wiggelsworth eingeführt, der mittellos war, nach Tabak stank und dem Hungertod näher rückte, aber noch als Bote für den Rechtsanwalt taugte. Dass er mal begütert war, signalisiert, wie schnell das Schicksal zuschlagen konnte – lieber Leser.

Die Ausgabe zu „Jack Engle“ im Manesse Verlag gibt die kurzen Inhaltshinweise wieder, die den Zeitungsleser damals in den Roman ziehen sollten. Dazu kommen Merksätze Whitmans wie „Warum schaut Mr. Covert so seltsam?“ und „Woher stammt Jack Engle?“. Immer wieder werden Geschichten in der Geschichte geboten, die in eine Vorzeit der Großstadt zurückreichten, als alle Extreme noch denkbar waren – Fantasie ist gefragt. Denn irgendetwas verbirgt Mr. Covert, sonst würde er Jack nicht so unaufrichtig behandeln. Und was mit Martha ist, einer jungen Quäkerin, das treibt die Spannung auf die Spitze, ist Jack ihr doch zugetan („Die Erzählung von Marthas Vater“).

Es muss vorangehen im Leben, das ist eine unausgesprochene Losung im Roman. Dabei helfen Typen wie Tom Peterson, ein „prachtvoller junger amerikanischer Handwerksmann“, der Frauen einschätzen kann, wenn sie, wie Rebecca Seligny „ziemlich anstrengend“ sind.

Ja, die Liebe. Es gibt auch absichtsvolle Lebenshilfe, wenn Jack Engle „das beste und das wahrhaftigste Gefühl“ sucht, als Voraussetzung für eine Ehe. Und Martha weckte genau dieses Gefühl in ihm. Walt Whitman zieht ganz souverän die Register der Lovestories, wenn das junge Paar in schwierigen Momenten aneinander wächst und sich schätzen lernt – sittsam.

Dazu referiert Whitman frühe US-Geschichte über Helden, die im Unabhängigkeitskrieg den Engländern die Stirn boten und sich unsterblich gemacht haben. Auf einem alten Friedhof führt er seinen Jack zu frühen Orten christlichen Bekenntnisses („Trinity-Kirche“) und bringt so Staats- mit Glaubensgeschichte zusammen. Der Roman „Jack Engle“ ist auch im weiteren Sinn Erbauungsliteratur. Und vor allem ein kommerzielles US-Beispiel für zeitgeistige Alltagsschriften anno 1852.

Dass sich ein bisschen „Grasblätter“ herauslesen lässt, belegt Wieland Freund, wenn er im Nachwort an stimmungsvolle Momente des Romans erinnert. Whitman versöhne auch „Todesgewissheit und Lebenslust“, wie später in den Gedichten der „Grasblätter“, so Freund, die zahlreicher und qualitätvoller wurden. Am Ende spürt man den Schaluppen in Richtung Hoboken nach, die „wie große Flussgespenster“ über den Hudson River gleiten. Das tut gut, kann aber nicht über den ganzen „Jack Engle“ hinweghelfen.

Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli. Manesse Verlag, Zürich. 184 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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