Werke des Magnum-Fotografen Jean Gaumy in Iserlohn

+
Der Trawler „Rowanlea“ in einer wuchtigen Woge, fotografiert von Jean Gaumy.

ISERLOHN - Vom bloßen Hinschauen kann einem schwindeln, wenn man vor diesem Bild steht. Jean Gaumy ist 1992 auf dem spanischen Fischtrawler „Rowanlea“ mitgefahren. Sein Foto machte er, als das Boot gerade in eine mächtige Woge eintauchte. Die Gischt scheint übermächtig, unwiderstehlich, und man fragt sich, wie das Schiff da überhaupt wieder rauskommen konnte.

Zu sehen ist das in Großformat abgezogene Schwarz-Weiß-Bild in der Städtischen Galerie Iserlohn. In der erfolgreichen Ausstellungsreihe mit Mitgliedern der Agentur Magnum sind diesmal zwei Serien des französischen Fotografen zu sehen. Zum einen die dynamischen Reportageaufnahmen, die er bei der Hochseefischerei machte: „Men at Sea“. Zum anderen eine prachtvolle Strecke mit Landschaftsfotografien, die er bei Wanderungen im französisch-italienischen Grenzgebiet schoss: „The Temptation of Landscape“ (Die Verführung der Landschaft). Den Besucher erwarten zwei komplett unterschiedliche Bildwelten.

Gaumy, 1948 im Südwesten Frankreichs geboren, begann bei einer regionalen Tageszeitung zu arbeiten. Seit 1977 ist er Mitglied der Agentur Magnum. Er bearbeitet noch viele weitere Themen, am berühmtesten ist wohl sein Foto von schwarz verhüllten Kämpferinnen beim Schießtraining mit Pistolen, das er 1986 in Teheran aufnahm.

In Iserlohn zeigen nun die beiden analog entstandenen Bildstrecken die Spannweite von Schwarz-Weiß-Fotografie. Bei „Men at Sea“ begleitete Gaumy über Jahre hinweg Fischer auf offenen Trawlern. Wenn man die Aufnahmen sieht, auf denen oft die Gischt das Motiv geradezu überdeckt, das geneigte Schiff in Wellenbergen, die Macht der Elemente, dann fragt man sich, wie der Mann überhaupt hier hat fotografieren können. Und die Seeleute leisten Schwerstarbeit unter gefährlichen Bedingungen, eingehüllt in schwere Ölkleidung hantieren sie mit vollen Netzen, wuchtigen Tauen, schneiden Fische auf. Gaumy kommt ihnen nah, zeigt auch den offensichtlich ausgelaugten spanischen Fischer bei einer Zigarettenpause, an die eiserne Schiffswand gelehnt, von der die Farbe bröckelt. Und er ist auch beim Feierabend dabei, wenn sich fünf Fischer in einer engen Kajüte zusammendrängen. Aus dieser dramatischen Welt erzählen die im Gemäldeformat abgezogenen Aufnahmen mit Bewegungsunschärfen, körnig-expressiv, kraftvoll. Es gibt Ruhemomente. Und es gibt eine spukhafte Szene mit einem Möwenschwarm, der einem französischen Trawler folgt. Weiß blitzen die Vögel aus völliger Nachtschwärze.

Wie anders die Landschaftsaufnahmen, die Gaumy durch die Berge des Piemont im französisch-italienischen Grenzgebiet machte. 2007 fotografiert er eine schneebedeckte Bergwand voller Bäume. Das Bild ist wie ein ab-straktes Gemälde, die kahlen Baumstämme ziehen feine Schraffurstreifen über das Querformat. Diese Bilder sind leise, poetisch, voller Atmosphäre. Die Aufnahme eines Felds voller Felsen erinnert an Caspar David Friedrichs Eisschollengemälde. Die schroffen, dünn mit Schnee bedeckten Brocken bilden eine wilde Struktur, und doch erfüllt eine stimmungsvolle Ruhe auch dieses Bild. Oft zeigt Gaumy hier die Naturschönheit von kargen, winterlichen Landschaften als abstrakte Kompositionen. Die Bilder sind großartig komponiert, haben eine Tiefenschärfe, die gerade, wenn es um feine Strukturen geht, an die Meisterwerke eines Ansel Adams erinnern. Der Fotograf verwischt dabei die Grenzen zwischen Makro- und Mikrofotografie: Sehen wir nun eine Bucht in einem zugefrorenen Bergsee, wo gerade das Eis bricht, oder blicken wir auf eine Pfütze am Wegesrand? Gaumy entdeckt hier im Vertrauten das Fremde, das Besondere. Der Mensch ist hier, ganz anders als in der Fischerei-Serie, abwesend. Dass es ihn gibt, merkt man an einer kleinen Hütte in der Ferne, an Ziegelwänden, die sich in die Bergwelt schmiegen. Oder an einer Weggabelung, die eine nebelumzogene Bergwand wie ein fremdes Schriftzeichen überzieht.

Bis 30.4., mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr, Tel. 02371/ 217 1940, www.iserlohn.de/ kultur/staedtische-galerie/

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare