Werner Plumpes Biografie zum Chemie-Manager Carl Duisberg

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Carl Duisberg (links) mit Melone, Friedrich Bayer jun. (unten) und Henry Theodor Böttinger (rechts) mit Gattinen in Ägypten 1910 vor der Cheops Pyramide.

Es war eine Bilderbuchkarriere: Aus einfachen Verhältnissen stammend, arbeitete Carl Duisberg sich an die Spitze der deutschen Wirtschaft. Der Direktor der Bayer-Werke siedelte das Unternehmen in Leverkusen an und initiierte mit der I. G. Farben einen ebenso erfolgreichen wie berüchtigten Firmenverbund. Duisberg (1861–1935) war zu Lebzeiten Deutschlands einflussreichster Konzern-Vorstand, der sich in politischen Fragen erstaunlich flexibel, manchmal zu flexibel zeigte. Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe hat ihm eine bemerkenswerte Biographie gewidmet.

Duisberg ist heute aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden. Gelegentlich wird darüber diskutiert, die eine oder andere Carl-Duisberg-Straße umzubenennen, der Firmenchef ließ Giftgas produzieren und stand den Nationalsozialisten nah. Duisberg verstand es, sich in drei Systemen mit den herrschenden Verhältnissen zu arrangieren.

In Barmen wurde er in die autoritäre Welt Preußens hineingeboren. Er kam aus kleinen Verhältnissen: Die Eltern waren Bandweber und hielten sich mit einer Nebenerwerbslandwirtschaft über Wasser. Doch ihren Jungen schickten sie aufs Gymnasium. Der Aufstieg ging schnell vonstatten: 1879 Abitur, Chemiestudium in Göttingen und Jena, 1882 Promotion, 1883 Einstieg in die Farbenfabriken Friedrich Bayer in Elberfeld. Fünf Jahre später war er dort Prokurist.

Duisberg war geschickt, diszipliniert und ehrgeizig. Der studierte Chemiker galt in der Fabrik wenig, vom Wert der Naturwissenschaft für die Industrie musste er die Firma erst überzeugen. Mit Farbstoffpatenten sicherte Duisberg dem Unternehmen Millionenumsätze und sich selbst den Platz an der Konzernspitze.

Plumpe zeigt einen Mann, der für seinen Aufstieg lebte, technischen Entwicklungen offen gegenüberstand und von sich selbst überzeugt war. Eine standesgemäße Familiengründung wurde praktisch nebenbei erledigt, Probleme im Betrieb paternalistisch geregelt. Duisberg sah sich als „Herr im Haus“, war aber auf einen Ausgleich mit den Angestellten bedacht.

Duisberg plante groß, siedelte die Firma aus dem beengten Tal der Wupper am Rhein an; Leverkusen ist bis heute ein Synonym für Bayer. Vom Ersten Weltkrieg hielt er zunächst nichts; schließlich brach das internationale Geschäft zusammen. Doch dann stellte er die Produktion auf Sprengstoffe um, ließ Giftgas herstellen und propagierte für Hindenburg und Ludendorff den „Siegfrieden“.

Doch letztlich stand Politik für Duisberg an zweiter Stelle. 1924 hatte sich seine Haltung geändert. Er forderte ein Zugehen auf Frankreich, um einen europäischen Wirtschaftsraum zu schaffen. Den demokratischen Regierungen in Berlin galt er als verlässlicher Ansprechpartner in der deutschen Industrie. Sein Lebenswerk war 1925 mit der Gründung der IG Farbenindustrie AG vollbracht, einem Zusammenschluss der größten deutschen Chemiefirmen. Bis 1935 führte er den Aufsichtsrat.

Duisbergs Rolle im Dritten Reich ist Plumpe zufolge nicht eindeutig: Er nahm Ämter wahr, half aber gleichzeitig diskret jüdischen Bekannten. Die tiefen Verstrickungen der IG Farben in die Mordmaschine der SS hat er nicht mehr erlebt.

Werner Plumpe zeichnet Duisbergs Lebensweg detailliert nach und zeigt einen fähigen Manager, der früher als andere die gesellschaftlichen Dimensionen wirtschaftlichen Handelns begreift, der sich mangels eigener Überzeugungen aber als Opportunist erweist.

Werner Plumpe: Carl Duisberg. 1861–1935. Anatomie eines Industriellen. C. H. Beck Verlag, München. 992 S., 39,95 Euro

Quelle: wa.de

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