Wiebke Rüter inszeniert Kroetz‘ „Furcht und Hoffnung in Deutschland“

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Szenen aus dem Leben der Arbeitslosen: Ekkehard Freye, Marlena Keil (rechts) und Julia Schubert in dem Kroetz-Abend am Schauspiel Dortmund.

DORTMUND - Es bricht aus ihm hervor, die ganze Ladung, von den viel zu vielen Asylanten über der Hass auf die ausländische Presse („die amerikanischn Oberjuden“) bis zur Forderung nach der Wiedereinführung der Todesstrafe („schon um der Lynchjustiz zuvorzukommen“). Ekkehard Freye gibt dem als grauer Politfunktionär verkleideten Wutbürger am Schauspiel Dortmund erschreckende Präsenz. Sein Herr Meierhauser würde sich in der AfD wohlfühlen, dazu braucht es gar nicht die Erwähnung von Gaulandt, Petry und Höcke.

Die junge Regisseurin Wiebke Rüter hat im Megastore zwei Stücke von Franz Xaver Kroetz zu einem eindringlichen Abend montiert: „Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk“. Der bayrische Dramatiker reagierte damit unter anderem auf eine erste Serie von Anschlägen auf Flüchtlingsheime in den 1990er Jahren, kurz nach der Wiedervereinigung. Damals stiegen die Zahlen der Asylbewerber sprunghaft an. Die Politik reagierte mit dem „Asylkompromiss“ von 1993, der das Grundrecht auf Asyl beschnitt und Sozialleistungen für Flüchtlinge einschränkte. An Kroetz’ Szenen lässt sich ablesen, wie sehr die ausländerfeindlichen Sprüche der Gegenwart Echo sind von Aussagen von Politikern, die einmal eine Regierung trugen. Das Haus bietet in einem Doppelabend Geschichtsunterricht: Vor einer Woche hatte Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ über die Anfangsphase des rechten Terrors im NS-Staat Premiere. Nun wendet es sich der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung zu. Kroetz bezog sich schon im Titel seines älteren, 1984 uraufgeführten Stückes auf den Vorgänger. Beide Abende sind aber eigenständig.

Die Dortmunder Inszenierung montiert Kroetz‘ Szenen um. Rüter erfindet eine Dokumentarfilmerin (Julia Schubert), die das Leben von Willi (Freye) und Martha (Marlena Keil) begleitet – er ist arbeitslos und sitzt nun frustriert zuhause, während sie Geld verdient. Wie so oft in Dortmund sieht man einen Live-Film, gedreht in einem Bühnenkubus, dessen offene Seite später zum Publikum gekehrt wird (Bühne: Tobias Schunck, Video: Tobias Hoff). Das ändert die Erzählhaltung: Kroetz wollte in Momentaufnahmen eine Zeitstimmung abbilden. Wiebke Rüter erzählt eine durchgehende Geschichte, was nicht immer für Klarheit sorgt.

Allerdings zeigt die Inszenierung mit dem klugen Einsatz von Videotechnik, wie sehr das heutige Unterschichtenfernsehen mit Frauentauschern und ehelustigen Landwirten eine Verfallsform des kritischen Volkstheaters ist. Kroetz wollte mit seinen Entblößungen noch Missstände sichtbar machen. Willi hat durch die Arbeitslosigkeit seine Selbstachtung verloren. Nun steht er am Herd, er verweiblicht. In der Küchenszene zeigt Freye als Fast-Nacktkoch im Slip wunderbar, wie der arme Kerl immer psychotischer wird, schmiert sich mit dem Bratenfett ein, ferkelt mit einem Suppenhuhn und einer Möhre herum.

Kroetz war nie subtil, kein Mann der Zwischentöne, und die Idee, dass ein Arbeitsloser zur Selbstverbrennung getrieben wird, ist so schrill wie die Familienschießerei zwischen dem SPD-Vater und seinem Neonazi-Sohn. Da hilft es, dass Rüter den Volksbühnen-Realismus zurücknimmt, das Geschehen als Fiebertraum inszeniert. Die Dokumentaristin wird aufgesogen von dem, was sie aufnimmt, am Ende steckt sie in der Küche fest. Und wenn Schubert dem Mauerblümchen eine Stimme gibt, das verzweifelt einen Mann sucht, sieht man, dass Kroetz zumindest ein Gespür für die Sehnsüchte der kleinen Leute hatte.

Der Abend profitiert sehr von den Darstellern, die hingebungsvoll in die vielen Rollen schlüpfen und selbst den Dialekt meistern.

23.12., 29.1., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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