Die Wiener Philharmoniker in Essen

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Deutet russische Musik neu: Ingo Metzmacher mit den Wiener Philharmonikern in der Philharmonie Essen.

DORTMUND - In diesem Winter schneien die Gastspiele hochkarätiger Orchester in großer Dichte ins Ruhrgebiet. Neben der Ruhrresidenz der Berliner Philharmoniker im Februar kommen allein zwei Mal die Kollegen aus Wien. Am 26. März spielen sie in Dortmund unter Andris Nelsons. Essen hatte sie schon früher da: In der Philharmonie gastierten sie, nur einen Tag nach ihren ersten Auftritten in der Hamburger Elbphilharmonie, unter Ingo Metzmacher mit einem russischen Programm.

Metzmacher, Experte für Neue Musik, lenkt den Wiener Schönklang in analytische Bahnen. Deshalb ist Dimitri Schostakowitschs elfte Sinfonie in dieser Kombination so hörenswert. Die Sinfonie ist vordergründig Programmmusik. Schostakowitsch schrieb sie zum 40-jährigen Gedenktag der Oktoberrevolution und widmete sie – linientreu – dem Gedenken an den „Petersburger Blutsonntag“, die Niederschlagung der Russischen Revolution von 1905 durch die Truppen des Zaren. Es wird aber seit langem und ausdauernd über Schostakowitschs echte oder angebliche Dissidenz zum Sowjetregime gestritten; in diesem Fall wird diskutiert, die Sinfonie sei in Wahrheit eine kritische Auseinandersetzung mit der Niederschlagung des Ungarnaufstandes von 1956 durch die Sowjets. Diese Aufführung bewegte sich über den Kontroversen. Metzmacher behandelt den Aufruhr und den Zwiespalt der Musik aus der Daraufsicht. Die lange, schwebende Eingangsphase ist hier eine Folge langsamer Farbtemperaturwechsel mit härter werdenden Verläufen und Kollisionen. Die Widerhaken in der Musik werden nicht ausgestellt, sondern behutsam herausgeholt.

Wenn die Stimmung wechselt, der Rhythmus aus den Bässen heraus zu dominieren beginnt, dann ist es das gleiche Spiel unter anderen Bedingungen: Metzmacher baut die Steigerungen unaufgeregt auf, lässt es in den Höhepunkten zwar krachen, aber ohne drastischen Pomp. Hinterher nimmt er den Faden vorsichtig wieder auf. Der Wechsel von den großen, wie zerhauenen Märschen, dem überwältigenden Chaos zu einer vorsichtig aufgenommenen Melodie ist Entlastung und unerbittlicher Fortgang zugleich. Und auf die edelklingenden Wiener ist Verlass, wenn das Anfangsthema am Ende des ersten Satzes in Celesta und Harfen geisterhaft wieder auftaucht und die Geigen leichenfahl beben. Das ist auch eine große historische Gruselmusik.

Als Ohrenfreude davor gab es vor dem Schostakowitsch das Violinkonzert von Tschaikowsky mit Joshua Bell. Bell spielt leichthändig, die zurückgenommenen Passagen gerade im ersten Satz silbrig-spöttisch und messerscharf artikuliert, die großen Kantilenen dagegen breit bis cremig, das Ganze umduftet vom reduzierten Schönklang des Orchesters. Die Canzonetta ist der Sologesang der Violine als Klassenprimus. Wieder hält Metzmacher das Orchester zurück, während Bell seinen Part als Salon-Liebeslied in den Raum singt. Der Übergang zum Finale klingt danach, als hole sich das Orchester kurz die Lufthoheit zurück mit duftigen Klängen; und die Geigen der Wiener können einem ohnehin Schnörkel ins Herz spielen.

Das Finale ist weniger ein Ausrasten in vivacissimo als vielmehr ein raffiniertes Showcase. Bell macht Umwege ins Liebliche. Er fächert sein Können zwischen Bravour und Kammermusik auf, nimmt dafür oft Dynamik heraus, auch in den eigentlich schnell vorgesehenen Parts, und präsentiert sich als Einzelredner. Eine Zugabe spielte er nicht.

Quelle: wa.de

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