Wuppertal zeigt den Bauhausmeister Oskar Schlemmer

Eins der populären Gemälde mit Figuren im Raum: Oskar Schlemmers „Gruppe am Geländer“ (1931) ist in Wuppertal zu sehen. Fotos: Museum

Wuppertal – Das Lackkabinett kann man betreten in Wuppertal. Der Raum besteht ganz aus Kunst, aus abstrakten Bildern. Im Von-der-Heydt-Museum ist er als Rekonstruktion zu sehen. Kaum zu glauben, dass diese Farbexperimente zwischen 1941 und 1942 in Deutschland entstanden, mitten im Krieg, mitten in der NS-Diktatur, als solche Übungen von den Machthabern als „entartete Kunst“ beschimpft wurden.

Doch es war so. Oskar Schlemmer (1888–1943) hatte in der Lackfabrik des Wuppertaler Industriellen Kurt Herberts eine Zuflucht gefunden. Der frühere Bauhauslehrer und spätere Kunstprofessor in Berlin war schon vor 1933 von den Nazis als „destruktives jüdisch-marxistisches Element“ bezeichnet worden. 1933 wurde er fristlos entlassen, Ausstellungen geschlossen, Wandbilder am Bauhaus in Weimar wurden abgeschlagen und übertüncht.

Dann, 1936, eröffnete die Lackfabrik neue Perspektiven, nicht nur materiell, sondern auch künstlerisch. Schlemmer, sein Studienfreund Willi Baumeister und weitere Künstler aus dem Bauhaus-Umfeld bildeten den „Wuppertaler Arbeitskreis“. Dabei erkundeten sie die Gestaltungsmöglichkeiten mit Lack. Inspiriert wurden sie von den Surrealisten, einige ihrer Experimente mit Klecksen und ineinanderlaufenden Farben muten heute an wie Vorstudien zur Nachkriegsabstraktion.

All das kann man im Von-der-Heydt-Museum ausführlich studieren. Nicht zuletzt durch eine Schenkung aus dem Nachlass von Kurt Herberts bilden die Werke Schlemmers im Museumsbestand einen Schwerpunkt. In der Ausstellung „Oskar Schlemmer – Komposition und Experiment“ wird das Werk des Künstlers umfassend dokumentiert, von frühen impressionistischen Ölskizzen noch aus der Studienzeit an der Stuttgarter Akademie bis zu den kleinen, anrührend melancholischen „Fensterbildern“, bei denen er in seinen letzten Lebensjahren, als er mit Malverbot belegt war, alltägliche Szenen, eben den Blick aus dem Fenster, geradezu meditativ einfing.

Fast 250 Arbeiten sind ausgestellt, davon rund 30 Gemälde und Skulpturen Schlemmers, neben Arbeiten seiner Freunde und Mitstreiter wie Willi Baumeister. 180 Zeichnungen, Skizzen, Entwürfe geben erstmals in diesem Umfang Einblick in das Spätwerk, das im „Lacktechnikum“ entstand.

Die Aufgaben waren überaus variabel. Die Künstler sollten ausloten, wie man Lacke einsetzen kann, und schufen malerische, aber auch eher technische Materialproben. Sie verzierten Möbel – 1941 gestaltete Schlemmer einen Lackschrank, von demeine Skizze ausgestellt ist. Das ausgeführte Stück wurde zerstört. Raumschmuck in den Fabriken, dekorative Arbeiten, aber auch Prospekte, Zeichnungen von Labortechnikern im Stil ägyptischer Hieroglyphen: Es gab viel Arbeit in der Fabrik. Gewiss waren konventionalle Auftragsarbeiten dabei. Aber die Freiräume waren erheblich. Herberts‘ Fabrik, die unter anderem Lacke für Panzer, Kraftfahrzeuge und Tarnanstriche lieferte, war als kriegswichtig eingestuft.

Am bekanntesten sind heute Schlemmers ikonische Bilder von Menschen im Raum, die in seiner Zeit am Bauhaus entstanden. Berühmt ist zum Beispiel die „Bauhaustreppe“ (1932, Museum of Modern Art, New York). Die Figur ist eine Konstante in seinem Werk. Schlemmer, Sohn eines Kaufmanns in Stuttgart, musste nach dem frühen Tod seiner Eltern schon 1903 die Schule verlassen. Er konnte aber dank einem Stipendium ab 1906 an der Stuttgarter Akademie studieren. Wichtige Einflüsse waren sein Lehrer Adolf Hölzel, aber auch Paul Cézanne, Georges Seurat, Picasso, Paul Klee. Schon im Studium lernte er Willi Baumeister kennen, der lebenslang Freund, Gesprächspartner und Konkurrent war.

1920 berief ihn Walter Gropius ans Bauhaus. Dort setzte sich Schlemmer durchaus ab, setzte zum Beispiel auf die freie Kunst und die Malerei, während die meisten Lehrer für die angewandten Künste eintraten. Er arbeitete in verschiedenen Werkstätten, gestaltete auch das „Triadische Ballett“ (von dem Filmimpressionen zu sehen sind). Schlemmer folgte nicht den abstrakten Tendenzen, sah zum Beispiel die Positionen Kandinskys kritisch. Ihm ging es um Monumentalität, die mit einfachen Mitteln erzielt wird. Um 1930 verstand Schlemmer sich als wahrer Vertreter einer deutschen Kunst, der realisiert, was zum Beispiel die Nationalsozialisten unter einer neuen nationalen Ästhetik verstanden. Er beteiligte sich anfangs auch an Kunst-am-Bau-Wettbewerben des NS-Staates. Die Nazis sahen ihn aber als einen Hauptvertreter dessen, was sie als „entartet“ bekämpften.

Die Ausstellung breitet Schlemmers Werk in chronologischer Folge aus, verortet ihn in den künstlerischen Kontexten zum Beispiel mit Vergleichswerken von Cézanne („Eremitage in Pontoise“, 1881), Seurat (mit der feinen Kreidezeichnung „Mann neben Baum“, 1884/85), Picasso („Harlekinfamilie“, 1908). Schon Schlemmers „Interieur“ (1913) zeigt seine spezielle Bildauffassung, die vereinfacht, geometrische Strukturen betont, aber letztlich beim lesbaren Inhalt bleibt.

Schlemmer arbeitete seriell, das zeigen Gemälde wie die „Fünfzehnergruppe“ (1928), die nach der Zahl der dargestellten Menschen betitelt ist. Die Figuren, überwiegend männliche Akte, sind wie in einer Choreografie arrangiert, bilden Linien und Diagonalen. Bei der „Zwölfergruppe mit Interieur“ (1930) variiert der Künstler die Größe der Figuren. Beim Querformat gibt es drei vertikale Achsen, die aus eng gestaffelten Figuren gebildet sind, dazwischen öffnen sich zwei unterschiedliche Räume, einer mündet auf ein Fenster, der andere ist halb von einem Vorhang verdeckt.

Als Rekonstruktion ist das monumentale, mehr als drei Meter hohe Wandrelief „Homo mit Rückenfigur auf der Hand“ zu sehen, das Schlemmer 1930/31 als Wandschmuck für ein Haus bei Leipzig geschaffen hatte. Hier kombinierte der Künstler Stahldraht, der wie eine Zeichenlinie eingesetzt wird, mit Schattierungen, die mit Farbe gesetzt werden, und einer gegossenen Relieffigur.

Bis 23.2.2020,

di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 0202/ 563 62 31, www. von-der-heydt-museum.de,

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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