Zeitinsel für Michael Wollny im Konzerthaus

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Frühes Kintopp, musikalische Avantgarde: Michael Wollny und das Norske Blåseensemble klein im Konzerthaus unter einer Szene aus „Nosferatu“ mit Alexander Granach.

DORTMUND - Michael Wollny, 1978 in Schweinfurt geboren, ist der deutsche Jazzpianist der Stunde. Nur folgerichtig, dass das Konzerthaus Dortmund dem Musiker eine „Zeitinsel“ widmete, die besonders intensiv ausfiel. An drei Tagen absolvierte Wollny in unterschiedlichen Konstellationen sechs Konzerte. Das Spektrum reichte vom Duo mit dem Indie-Pop-Sänger Konstantin Gropper bis zur Annäherung an Bachs „Goldberg-Variationen“.

Den Auftakt machte ein ebenso aufwendiges wie aufregendes Projekt: Wollny begleitete live mit dem Norske Blåseensemble unter Leitung von Geir Lysne Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu“. Wollny moderiert das Konzert an, erzählt, dass er zum Vampirfilm schon mehrfach musiziert hat. Aber diesmal ist die Konstellation besonders: Er improvisiert mit einem großem Ensemble. Zu sehen war eine restaurierte Fassung der Murnau-Stiftung, und es wurde ein gefeierter Abend mit einem Gesamtkunstwerk.

Natürlich waren die Musiker mit dem Film vertraut, wurden also von Schauereffekten oder einer Verfolgungsjagd auf Knock, den Anhänger des Monsters, nicht überrascht. Aber wie da Idyllen kippen in Momente des Befremdens und dazu eine Flötistin und eine Klarinettistin eine flirrende Klangfläche schaffen, wie heitere Momente mit einer Art Vaudeville-Sound beflügeln, wie die dramatische Wettfahrt zwischen dem Schiff, das die Särge des Blutsaugers nach Wisborg transportiert, und dem um seine Frau bangenden Hutter, der zu Pferd den Landweg nimmt, akustisch mit Spannung aufgeladen wird, das war großes Kino im Wortsinn. Jazz war das nicht unbedingt, eher eine improvisatorische Suite mit vielen Momenten der klassischen Moderne, mal rhythmisch pointiert, mal mit atonalen Clustern, mal mit impressionistischer Klangmalerei wie glockenartigen Akkorden auf dem Piano oder schwermütiger Linien der Posaunen beim Tod des Kapitäns der „Empusa“. Das passte zu dem Schauerfilm, als wäre es von vornherein so gedacht gewesen. Jubel für einen magischen Abend.

Tags drauf stellte Wollny sein aktuelles Projekt mit dem französischen Akkordeonisten Vincent Peirani vor. Gerade ist eine Duo-CD („Tandem“, Act) erschienen. 2012 hatten die Musiker sich kennen gelernt. In Dortmund stand zunächst Wollnys Trio mit Schlagzeuger Eric Schaefer und Bassist Christian Weber auf der Bühne und spielte eine gute halbe Stunde lang einen Querschnitt durch sein Repertoire, von Filmmusik aus „Twin Peaks“ mit dem wunderbar verschleppten Schlagzeuggroove über Varianten mittelalterlicher Choräle bis zu Eigenkompositionen. Wollny überschreitet gern Genregrenzen, klingt mal wie ein Nachfahre Mahlers, um im nächsten Moment krachend dissonante Akkorde über einem heftigen Rockgroove zu entladen. Die romantische Grundstimmung, die schon das Filmkonzert prägte, ist sicher leitend für ihn. Die einzelnen Kompositionen werden zu langen Suiten verbunden.

Das gilt auch, als Peirani die Bühne betritt. Ein Virtuose wie seine deutschen Kollegen, der die Spieltechniken auf seinem Instrument erweitert, auf dem Korpus trommelt, das Akkordeon mal zwitschern lässt wie ein Vögelchen, Akkorde atmosphärisch unter die Improvisationen der Kollegen legt. Hier sind Austausch und Interaktion gefragt. Wunderbar das Duo-Set von Wollny und Peirani, die sich von singbaren Popmotiven über kammermusikalische Strenge bis hin zu einem im Turbo-Tempo hingefetzten Thema von Thelonious Monk durch musikalische Welten arbeiten. Auch hier großer Jubel.

Quelle: wa.de

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