Geplatztes Geständnis vor dem Landgericht Siegen

Misshandelte Flüchtlinge in Burbach: „Es war kein ,die gegen uns‘“

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Die Wachfrau S. sprach von einem generell guten Verhältnis zwischen Bewohnern und Security.

Siegen/Burbach. Weitere Einlassungen von Angeklagten waren am Mittwoch im Prozess um misshandelte Flüchtlinge in der ehemaligen Notunterkunft in Burbach vor dem Landgericht in Siegen zu hören. Dabei zeichneten zwei ehemalige Wachleute ein differenziertes Bild vom Verhältnis der Wachmannschaft zu den Bewohnern. Der Tenor: es war nicht „die gegen uns“. Doch zunächst kassierte der Angeklagte P. eine „Klatsche“ der Kammer.

Zwei Verhandlungstage lang hatte sich der ehemalige Wachmann eingelassen und Stellung bezogen. Ein Geständnis sollte es werden. Doch die immensen Erinnerungslücken und Widersprüche haben es platzen lassen: „Wir sehen uns nicht länger an diese Verständigung gebunden, da das Verhalten des Angeklagten nicht dem der Prognose entsprochen hat“, sagte die Vorsitzende Richterin Dreisbach. Heißt nun aber auch, dass die Angaben von P. im weiteren Prozessverlauf nicht verwertet werden können. Ein Vorteil für die Staatsanwaltschaft, denn P. hatte von Diskrepanzen zwischen Dienstplänen, Eintragungen in Wachbüchern und Abrechnungen berichtet. Dies hätte bei der Beweisführung zu großen Problemen geführt. 

Weiter ging es mit der Einlassung von H., der ebenfalls als Wachmann in Burbach tätig war. Dies allerdings nur für insgesamt acht Wochen – die letzten acht Wochen, ehe die Misshandlungen öffentlich wurden. Für H. sieht es gut aus, denn die Beweislage ist in beiden ihm zur Last gelegten Fällen äußerst dünn. Im Wachbuch gibt es keine Einträge, dass er bei den Verbringungen ins Problemzimmer dabei gewesen sein könnte. Es gibt lediglich eine Zeugenaussage eines ehemaligen Bewohners der Einrichtung – und der ist aktuell laut behördlicher Auskunft nicht auffindbar, da „unbekannt verzogen“. H. legte der Kammer außerdem einen Stundenzettel vor, der belegen soll, dass er an einem der Tattage gar keinen Dienst gehabt habe. Dass ein Zeuge ihn überhaupt belastet, schob der Angeklagte auf eine mögliche Verwechslung. Der Zeuge hatte H. nämlich lediglich aufgrund ihm vorgelegter Fotos identifiziert. Das Verfahren gegen den ehemaligen Wachmann soll nun auf Antrag der Verteidigung abgetrennt werden. Da dürfte dann ein Freispruch im Raum stehen. 

"Es sei denn, die hatten die Augen zu"

Eindrücklich schilderte H. allerdings die allgemeine Lage in der Notunterkunft im August und September 2014: „Tagsüber war es ruhig. Da haben wir teilweise mit den Kindern Fußball gespielt oder Bewohnern bei allgemeinen Dingen geholfen“, sagte der Mann, der damals als studentische Aushilfskraft in Burbach tätig war. Nachts sei alles anders gewesen. Da habe auch er sich regelmäßig bedroht gefühlt: „Einmal ging ich in ein Treppenhaus. Da kam mir von oben ein Feuerlöscher entgegengeflogen. Ständig liefen Bewohner mit Teppichmessern ,bewaffnet‘ herum.“ Gleich an seinem ersten Tag hätten ihm Kollegen daher geraten, sich Handfesseln, Pfefferspray und einen Schlagstock zu besorgen – was er dann auch getan habe. Pfefferspray oder Schlagstock habe er aber nie einsetzen müssen. Auch könne er den Einsatz dessen nicht bezeugen. Im Übrigen habe man diese Utensilien offen getragen, etwa am Gürtel. Dies sei, so H., für jeden Besucher der Einrichtung deutlich sichtbar gewesen. Auch für die Polizei, die oft vor Ort gewesen sei. „Es sei denn, die hatten die Augen zu“, sagte er doppeldeutig. 

Auch die Anklagte S. ließ sich ein. Sie sei zu dem Job in Burbach „wie die Jungfrau zum Kinde“ gekommen. Wie auch H. hatte sie bis zum Engagement in der Flüchtlingsunterkunft keine Berufserfahrung im Security-Sektor. Die Einweisung vor Ort habe „keine ganze Stunde“ gedauert. Fortan sei der Wachcontainer am Eingang ihr Einsatzort gewesen, schilderte die Frau. 

„Der Job hat mir Spaß gemacht. Ich habe viele tolle Leute kennengelernt.“ Sie habe dort viele Kontakte mit weiblichen Flüchtlingen und Kindern gehabt. „Die sind zu mir in den Container gekommen und haben mit mir gespielt. Oder wir haben was genäht oder zusammen geknetet.“ Sie sei „zu sozial“ habe ihr damaliger Chef gesagt, deshalb drohte gar der Jobverlust. „Du passt da gar nicht rein“, sei die Aussage gewesen. 

Es sei jedenfalls kein generelles „die Flüchtlinge gegen uns Wachleute“ gewesen. 

"Geplappert wie ein Papagei"

An aktiven Verbringungen von Flüchtlingen in Problemzimmer will S. nicht teilgenommen haben. Überhaupt habe sie davon so gut wie nichts mitbekommen. Andererseits sei deren Existenz auch „kein Geheimnis“ gewesen. An der Stelle stutzte der Oberstaatsanwalt und auch die Kammer hielt die Einlassung der Angeklagten offenbar für nicht sonderlich schlüssig. „Wenn sie nichts mitbekommen haben, auch nicht über Funk, dann waren sie in dem Container ja fast wie in einer ,Blase“, so die Vorsitzende Richterin Dreisbach. Ja, bestätigte S. – der Container sei „eine Welt für sich“ gewesen. Dass die Freiheitsberaubungen so ganz ohne Kenntnis von S. von statten gegangen sein sollen, stellte der Oberstaatsanwalt jedenfalls gewaltig in Frage. Schließlich habe S. gegenüber der Polizei „geplappert wie ein Papagei“, mit Erinnerungen an kleinste Details. 

An einen dramatischen Vorfall konnte sich S. jedenfalls auch vor Gericht noch genau erinnern. Und zwar so gut, dass sie ihre Ausführungen immer wieder aufgrund von Tränen unterbrechen musste. Damals sei sie nach einer Schlägerei unter Flüchtlingen bei der Essensausgabe zur Verstärkung in die Kantine gerufen worden. Erst habe sich die Lage einigermaßen beruhigt. Doch dann seien bis zu 50 Bewohner aufeinander los gegangen. „Mit Tischen, Stühlen. Mit allem, was die finden konnten“, so S., die versucht haben will, vor allem Frauen und Kinder aus dem Gerangel zu befreien. Doch schließlich habe auch sie einen heftigen Schlag in den Nacken bekommen und sei zu Boden gestürzt. „Dann sind Leute über mich drüber gelaufen“, erinnerte sie sich an die dramatischen Momente. 

Weiter geht der Prozess am nächsten Mittwoch. Dann könnten auch die ersten Zeugen zu Wort kommen.

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