Die ersten Flüchtlinge sind da

Stegskopf: Flüchtlinge sind im neuen "Zuhause" auf Zeit angekommen

Die ersten 50 Flüchtlinge bezogen gestern die Unterkunft auf dem Stegkopf.

Emmerzhausen. Eine leichte Brise weht und spielt mit den bunt gefärbten Blättern, die leise rascheln. Es liegt eine andächtige Stille über den Holzhäusern mit den weißen Fenstern – fast wie in  einem Feriendorf, das kurz vor der Ankunft neuer Gäste steht. In der Küche dampfen schon die Töpfe. Helfer tragen Matratzen von Haus zu Haus, treffen die letzten Vorbereitungen. Die perfekte Herbstidylle. Scheinbar.

Denn das hier hat mit Urlaub nichts zu tun. Die Helfer, das sind Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes, Soldaten, Polizisten. Und die Gäste, das sind keine Urlauber, sondern Flüchtlinge aus Kriegsländern. Menschen, die eine lange Reise hinter sich haben. Die ihre Heimat, ihre Familien und Freunde zurücklassen mussten.

Das Telefon von Winfried Conrad, dem kommissarischen Leiter der Erstaufnahme-Einrichtung auf dem Stegskopf, steht nicht still. Es gibt noch viel zu klären, zu planen, zu organisieren. „Noch heute sollen drei Busse mit Flüchtlingen eintreffen. Wann genau, das erfahren wir selbst erst kurz vorher“, so Michael Maurer, Sprecher des Führungsstabes Flüchtlingshilfe Rheinland-Pfalz. Bekannt ist nur: Es sind 150 Menschen, die aus einer Erstaufnahme-Einrichtung in Trier kommen. Dort wurden sie schon registriert untersucht, und befinden sich nun in einem Bus auf dem Weg nach Emmerzhausen. „Die Zahlen ändern sich täglich“, sagt Mauer, „wir müssen von Tag zu Tag entscheiden und handeln.“

Trotzdem hat sich Winfried Conrad Zeit genommen, um sich den Fragen der Reporterschar zu stellen. Er nimmt’s gelassen und beantwortet jede Frage mindestens drei Mal. Seit Wochen arbeiten hier haupt- und ehrenamtliche Helfer Hand in Hand, um die nötigen Kapazitäten zu schaffen: Wasser, Abwasser, Sanitär. „Wir sind wirklich ein gutes Team, alle sind hier hoch motiviert. Die Arbeit macht wirklich Spaß“, sagt Conrad und man glaubt ihm einfach, dass er für diese Aufgabe brennt.

"Ich habe ein richtige Gänsehaut"

Dann kommt plötzlich ein Anruf rein: „Der Bus mit den Flüchtlingen ist nur noch wenige Kilometer entfernt.“ Plötzlich herrscht geschäftiges Treiben. Spätestens jetzt wird allen klar: Gleich passiert das, wofür sie seit Wochen so hart gearbeitet haben – die Notunterkunft wird in Betrieb genommen. Nach und nach finden sich Mitarbeiter, Helfer und Offizielle vor Gebäude fünf ein. Darunter auch die „Kleiderkammer-Frauen“, die hier seit vier Wochen Kleidung für die Flüchtlinge sortieren und bereitstellen. Die Anspannung ist deutlich zu spüren. Wird alles klappen? Haben wir unsere Arbeit gut gemacht? Was kommt auf uns zu? Man spürt aber auch, dass sich die Helfer auf die Menschen freuen, die für einige Wochen hier ein Zuhause auf Zeit finden. Sie wollen, dass sich alle wohlfühlen. „Ich habe eine richtige Gänsehaut“, beschreibt eine der Frauen ihre Gefühlslage. Und dann kommt der Bus um die Ecke.

Die Situation ist irgendwie unwirklich – auch wenn man solche Bilder aus den Medien kennt, kann man sich kaum vorstellen, was die Menschen hinter den getönten Scheiben bis jetzt hinter sich haben müssen – und vielleicht ist das auch besser so. Auf die Frage nach den Nationalitäten der Ankömmlinge antwortet Winfried Conrad schlicht: „Es sind Flüchtlinge.“ Die Bustüren öffnen sich und die Menschen steigen aus. Familien mit Kindern dürfen den Bus zuerst verlassen. Und die sehen nicht annähernd gefährlich, kriminell oder wie Schmarotzer aus – wie viele Einheimische befürchtet hatten. Es sind Menschen, die froh sind, endlich angekommen zu sein. Ein Mann humpelt, wird von anderen gestützt. Alles geht ganz ruhig und geordnet zu, von Chaos keine Spur. Das Gepäckfach des Busses ist so gut wie leer, hier und da fischt jemand eine einfache Plastiktüte mit den wenigen Habseligkeiten heraus.

Wie sich bei der Anmeldung herausstellt, kommen die meisten der 50 Flüchtlinge aus Syrien. „Viele Kinder, die hierherkommen, haben ihr Leben lang nur Krieg und Zerstörung erlebt, sie sind traumatisiert“, sagt Michael Maurer. Er geht aber davon aus, dass sich die Lage hier schnell normalisieren wird. In anderen Einrichtungen habe er bisher erleben können, wie die Kinder aufleben. „Sie können dort spielen, Fahrrad fahren.“

Entgegen aller bösen Zungen, die etwas anderes behaupten: Was die Flüchtlinge in den nächsten Wochen erwartet, ist sicher kein Luxus. Die Unterkünfte: spartanisch. Erstmal gibt es Feldbetten und Schlafsäcke, in den nächsten Tagen dann Doppelstockbetten. Aber zumindest können sich die meisten mit ihrer Familie einen Raum teilen. Keiner der Flüchtlinge wollte seine Heimat verlassen und der Aufenthalt am Stegskopf ist sicher auch keine Urlaubsreise. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschen hier eine kurze Verschnaufpause einlegen, um dann irgendwann irgendwo endgültig in einem neuen Zuhause ankommen können.

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