"Afrika lockte unwiderstehlich"

Vier Monate vor der Kapitulation der Schutztruppe ließen sich diese drei Herdorfer in der afrikanischen Stadt Otjiwarongo ablichten: v.l. Alois Heidrich, Siegfried Lichtenthäler und August Helmert. Foto: Archiv Rainer Wirth

Herdorfer arbeiteten als Bergleute oder in der Schutztruppe am schwarzen Kontinent

Herdorf. (rai)

Die Terminologie der Bundeswehr ist seit einigen Jahren um einen neuen Begriff reicher geworden. Bundeswehrsoldaten, zumeist Spezialtruppen, sind in Form einer Schutztruppe in vielen Ländern der Erde aktiv und präsent, von den Balkanstaaten über Afghanistan, den Irak bis nach Somalia. Sie handeln dabei im Völkerauftrag der UNO oder auf Betreiben der Europäischen Union, nie aber im Auftrag der Bundesrepublik alleine. Das war vor 100 und mehr Jahren ganz anders: Kaiserliche Schutztruppen waren in Venezuela, auf Samoa, in Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika stationiert. Gerade zu Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, hat Herdorf, eine lange und andauernde Beziehung. Die reiche Kupfermine in Tsumeb im nördlichen Namibia hat eine große Zahl Herdorfer Bergleute angezogen. Und diese Herdorfer Bergleute (1911 waren es bereits 35 Mann), zumeist noch im Kaiserreich als Soldaten ausgebildet, waren beim Hereroaufstand 1904 bis 1907 und zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 in der aktiven Schutztruppe hoch willkommen. Viele Bergleute und Soldaten deckt für immer die afrikanische Erde, andere haben ihre Erinnerungen an diese Zeit in schriftlicher Form hinterlassen.

In vielen Herdorfer Familien — u.a. Schlosser, Helmert, Euteneuer, Schneider, Hellinghausen — wird das Andenken an die "Afrikaner" bis heute wachgehalten und gepflegt. So auch in der Familie von Heinz Schlosser in der Friedrichstraße. Der Großvater von Heinz Schlosser, August Euteneuer, wanderte 1909 nach Südwest aus, kehrte 1913 nach Deutschland zurück um ein Jahr später erneut nach Afrika zu reisen. Von 1914 bis 1915 diente er bei der Schutztruppe, kehrte 1925 dem schwarzen Kontinent endgültig den Rücken und verstarb 1940 in Herdorf. Ein Bild des Großvaters, hoch zu Ross, ziert die Wohnstube in der Friedrichstraße.

Lebendige

Aufzeichnungen

Der Bruder von August Euteneuer, Peter Euteneuer, hat über seine afrikanische Zeit sehr umfangreiche und lebendige Aufzeichnungen gemacht, die es auch heute noch wert wären, als Buch aufgelegt zu werden. Der spannende Bericht gibt einen sehr informativen Einblick in das Leben der Herdorfer Bergleute in Tsumeb, in die Schutztruppenzeit und die Jahre danach, als es den Herdordern wieder gestattet wurde, in die Grube einzufahren.

Alleine 1909 wanderten aus Herdorf nach Tsumeb aus: August Mockenhaupt (1914 zurückgekehrt), Josef Schmidt (verunglückte am dritten Tag in der Mine tödlich und liegt in Tsumeb begraben), Albert Helmert (kehrte 1919 zurück), Emil Sander (blieb nur einige Monate und wanderte in die USA aus), Johann Jörg, August Euteneuer (kehrte 1925 zurück), Wilhelm Böcher (blieb in Südwest), Louis Molzberger (kehrte 1919 zurück), Obersteiger Wilhelm Oerter (kehrte 1914 zurück, wurde Betriebsleiter in Rottleberode/Harz, später auf San Fernando, Herdorf). Mit dabei auch Fritz Weber aus Neunkirchen und Ernst Krumm aus Schutzbach. Eine weitere Auswandererwelle gab es Mitte der 20er und Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Herdorfer Bergleute fuhren am 6. Januar 1910 erstmals in die Mine Tsumeb ein. Die Bergleute vom Westerwald und aus dem Siegerland waren wegen ihres Fleißes, ihres Könnens und ihrer Zuverlässigkeit hoch geschätzt. Sie fuhren, wann immer es ging, Sonderschichten. Dabei kamen viele auf Löhne um die 700 Mark im Monat. Gegenüber den 90 bis 140 Mark in der Heimat ein sehr hoher Lohn, wenn in Tsumeb auch viel Geld für Unterkunft und Verpflegung zu bezahlen war. Auch musste die Schifffahrt von Hamburg nach Swakopmund abgestottert werden. Dennoch fand manches Goldstück den Weg zu den Familien in der Heimat.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges machte der Entwicklung samt und sonders ein Ende, alle Bergleute wurden zur Schutztruppe eingezogen. Darüber berichtet Peter Euteneuer in seinen "Afrikanischen Notizen": "Nach dem Ausbruch des Hereroaufstandes wollte ich mich als Freiwilliger melden, wurde aber nicht angenommen. So wurde ich denn erst einmal Soldat, dann wieder Bergmann auf der Bollnbach. Als mein Bruder aber 1913 von Afrika nach Herdorf kam und aus seinem Leben berichtete, gab es kein Halten mehr. Am 9. April 1914 gab es schmerzlichen Abschied von Frau und zwei Kindern. Afrika lockte mich unwiderstehlich."

Inflation fraß

Vermögen auf

Im Mai kam er in Tsumeb an, am 8. August wurde er bereits eingezogen und wurde Fahrer bei der Artillerie. Es ging 800 Kilometer weit in den Süden nach Sandfontain, wo es zum ersten Gefecht mit den Südafrikanern kam. Die Deutschen schlugen den Gegner zurück, wichen dann aber vor der Übermacht. Bei einem weiteren Gefecht bei Jakalswater wurde der Herdorfer Albert Aßmann tödlich verwundet und in Swakopmund auf dem Ehrenfriedhof begraben.

Am 9. Juni 1915 war der Krieg für die Herdorfer Schutztruppler zu Ende, darunter auch für Siegfried Lichtenthäler, August Helmert und Alois Heidrich. Peter Euteneuer kehrte zur Kupfermine Tsumeb zurück. Nach vielen Abenteuern, auch im afrikanischen Busch, kehrte er 1921 nach Herdorf zurück. In seinem Besitz ein erspartes kleines Vermögen von 4800 Shilling. Kurz darauf verkaufte er seine einmalige Mineraliensammlung für die stolze Summe von 25.000 Mark. Das ganze Geld wurde wenig später von der Inflation restlos vernichtet. Der Verzicht auf Heimat und Familie hatte sich letzten Endes nicht gelohnt. Mitte der 50er Jahre ist Peter Euteneuer dann verstorben. Die Erinnerung an die Schutztruppenzeit aber lebt in vielen Herdorfer Familien fort.

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