Die „Königin“ geht in Rente

Ev. Kirche in Herdorf erhält eine neue Orgel – Die alte kommt ins Museum

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Orgelbauer Szent Pa’li Ferencz entnimmt nach und nach ganz vorsichtig die einzelnen Pfeifen aus dem wuchtigen Instrument. 

Herdorf. Stück für Stück zieht Szent Pa’li Ferencz die Pfeifen aus ihrer Halterung und legt sie in einen Eimer, der an einem Seil über der Brüstung der Empore baumelt.

Ein paar Meter unter ihm, im Altarraum der Ev. Kirche in Herdorf, zwischen unzähligen Pappkartons und anderen Verpackungsmaterialien, nimmt sein Kollege den provisorischen Flaschenzug in Empfang. Vorsichtig müssen sie zu Werke gehen, hier darf absolut nichts kaputt gehen. Die beiden jungen Männer sind in besonderer Mission unterwegs. Sie bauen die Orgel ab, um sie an ihren neuen Bestimmungsort zu bringen: ins Museum der Orgelbaufirma Rieger in Schwarzach, Österreich.

Denn nach 62 Jahren schickt die Ev. Kirchengemeinde Herdorf-Struthütten ihre „Königin der Instrumente“ in Rente. 1956 war die Orgel, eine sogenannte Freipfeifenorgel, von eben jener Firma Rieger auf der Empore der Herdorfer Kirche aufgebaut worden. Eine großartige, ja schon fast revolutionäre Ingenieursleistung für 24.000 DM sei das damals gewesen, weiß Presbyter Klaus Bachmann zu berichten. Schließlich hätten auf engstem Raum 21 Register, also über 1000 Pfeifen, Platz gefunden. „Man hat sogar Pfeifenmaterial in der Zwischendecke zur Sakristei verbaut, damit auf der Empore noch die Chöre und Musikgruppen Platz haben“, so Bachmann.

Über fünf Jahrzehnte tat das Instrument hier anschließend treu seinen Dienst, doch seit geraumer Zeit traten vermehrt Probleme auf. Materialschäden, etwa Risse in den Pfeifen, sorgten immer öfter für Missklänge. Zwar sei das Instrument regelmäßig gestimmt und Anfang der 2000er für 30.000 DM auch schon mal repariert worden. Aber der Verschleiß sei dennoch nicht zu verhindern gewesen. „Das Problem ist, dass die Pfeifen sehr dünnwandig sind. Das Material der Nachkriegszeit war einfach von schlechter Qualität“, erklärt Organist Marcel Schwarz. Hinzu komme, dass die Windversorgung von Anfang an nicht ausreichend gewesen sei. Die kompakte Bauweise erschwere außerdem die freie Klangentfaltung sowie die Zugänglichkeit zu den einzelnen Pfeifen. Ergo: Es musste dringend etwas passieren.

Restauration lohnte sich nicht mehr

Ursprünglich wollte die Kirchengemeinde das Instrument restaurieren lassen. Der Orgelsachverständige der Ev. Kirche im Rheinland, Michael Müller-Ebbinghaus, kam in einem Gutachten jedoch zu dem Schluss, dass „eine Überarbeitung der Orgel in diesem Raum keinen Sinn macht und eine unnötige Vergeudung von finanziellen Mitteln wäre“: objektive Messungen hätten ergeben, dass das Instrument nicht für den Raum geeignet sei. Rieger sind derartige Probleme bei diesem Orgel-Typ inzwischen bekannt. Aber auch sie könne „die technisch einwandfreie und problemlose Funktionstüchtigkeit“ nicht gewährleisten, erklärte die Firma in einem Schreiben. Deshalb entschloss sich die Gemeinde letztlich dazu, die Orgel gegen eine neue zu ersetzen.

Die wird im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin „nur“ 20 Register haben, soll aber mehr Platz bekommen. Die Stufen auf der Empore, auf denen sich früher Sänger und Bläserchöre tummelten, werden zurückgebaut, damit der Boden auf einem Niveau liegt. Dass Musikgruppen im Gottesdienst hinter der Orgel stehen, habe sich eh nicht bewährt, so Klaus Bachmann. Auch im Aufbau wird sich die neue Orgel von der alten unterscheiden. Es geht weg von der kompakten Bauweise hin zu einem ganz klassischen Aufbau in einem Holzgehäuse, der für das liturgische Orgelspiel bestens geeignet sei, wie Organist Marcel Schwarz darlegt. Er hat das Orgelwerk gemeinsam mit dem Kreiskantor, mit dem Orgelsachverständigen und mit der zuständigen Orgelbaufirma Oppel aus Schmallenberg zusammengestellt. Ganz besonders freut er sich über das neue Klangbild, das künftig nicht mehr neobarock, sondern romantisch sein wird und dadurch mehr Spielmöglichkeiten eröffne.

Herdorfer spendeten bereits über 44.000 Euro

162.000 Euro lässt sich die Kirchengemeinde das Instrument kosten, das einerseits aus gemeindeeigenen Rücklagen, andererseits über Spenden finanziert wird. 44.200 Euro legten die Herdorfer bereits in den Spendentopf. „Dafür sind wir sehr dankbar“, so Klaus Bachmann und Marcel Schwarz. Wenn alles nach Plan läuft, soll die Orgel im Herbst aufgebaut werden und pünktlich zu Weihnachten das erste Mal erklingen. Die offizielle Indienststellung werde aber erst im kommenden Jahr erfolgen, schließlich müsse das Instrument erst eingespielt werden, sagt Marcel Schwarz. Bis dahin werde man sich im Gottesdienst mit einem E-Piano behelfen.

Auch Organist Marcel Schwarz (oben) und Presbyter Klaus Bachmann packen beim Abbau mit an - dort, wo sie können. Hier bringen sie gerade eine metergroße Pfeife nach unten.

Die bisherige Orgel, die am vergangenen Sonntag in einem Gottesdienst feierlich, und – wie Klaus Bachmann verriet – auch mit ein paar Tränen in den Augen, „verabschiedet“ wurde, wird dann schon längst ein neues Zuhause gefunden haben – und zwar im Museum der Erbauerfirma Rieger in Schwarzach. Die möchte das Stück gerne aufgrund seiner Kompaktheit ausstellen. Szent Pa’li Ferencz und sein Kollege müssen deshalb bei der Demontage nicht nur darauf achten, dass nichts kaputt und/oder verloren geht, sondern sie müssen auch ganz genau dokumentieren, wo welche Pfeife gesessen hat, damit sie das Instrument später wieder genau so zusammensetzen können. „Fotos machen ist das A und O“, erklären die beiden unisono.

Eigentlich wollte die Kirchengemeinde ein paar noch gut erhaltene Pfeifen aus der alten in die neue Orgel einbauen lassen. Da Rieger das Instrument aber originalgetreu übernehmen wollte, spendierte das Unternehmen den Herdorfern als Ersatz fünf neue Register. „Außerdem bekommen wir historisches und hochwertiges Pfeifenmaterial aus England, insgesamt elf Register aus dem Jahr 1890“, freut sich Marcel Schwarz. Der Rest komme von dem neuen Orgelbauer.

Noch bis Anfang nächster Woche werden Szent Pa’li Ferencz und sein Kollege damit beschäftigt sein, die bisherige Orgel in ihre teilweise meterhohen, teilweise nur zentimetergroßen Bestandteile zu zerlegen. Dann wird sie in vielen Einzelpäckchen dorthin gebracht, wo ihre Geschichte vor 62 Jahren begann: nach Schwarzach in Österreich.

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