Originale von Sander hängen im Seniorendorf

Das Bild mit Sander-Fotos der zehn Mitglieder des Stinner-Clans. Foto: Rainer Wirth

Portraits des Stinner-Clans mit Zeichnungen

Herdorf. (rw)

Als der Herdorfer Berthold Mertens (71) in das Seniorendorf Stegelchen umsiedelte, nahm er die halbe Verwandtschaft mütterlicherseits mit. Freilich nicht in Person, sondern als Lichtbild. Und zwar sind es zehn ernst dreinschauende Mitglieder der Familie Stinner, die da aus einem vergoldeten Bilderrahmen auf den Betrachter hernieder schauen. Das wäre weiter kaum eine Notiz wert, denn Ahnengalerien hat fast jeder, mehr oder weniger repräsentativ gestaltet, bei sich zu Hause. Das Besondere an der Galerie Stinner ist aber, dass der weltberühmte Lichtbildner August Sander die zehn Stinnerabkömmlinge im Jahre 1906 porträtierte, mit seinen Signum versah und auch noch rahmte. Ein kunstvoll gemalter Eichenzweig symbolisiert Spross und Ableger und auch diesen Zweig hat der Meisterfotograf gezeichnet. Was nur wenige wissen: August Sander galt auch als durchaus talentierter Zeichner und Maler.

Das großformatige Bild mit den zehn Lichtbildern repräsentiert unter Liebhabern einen beträchtlichen Wert und die SK-Stiftung Köln würde sicher einiges dafür geben, die Aufnahmen in ihren Besitz zu bringen. Das ist freilich ein hoffnungsloses Unterfangen, die Bilder sind Familienbesitz und sollen es auch bleiben.

Ihr Besitzer Berthold Mertens ist den Herdorfern sicher besser als "Gödes Berthold" bekannt, ein Spitzname, der sich nun schon seit Generationen hält. Die Urgroßmutter von Berthold Mertens war nämlich über 16 Kinder Patin oder "Göde", wie man in Herdorf sagt. Daher rührt der Name "Gödes", der nun schon in der vierten Generation für die Abkömmlinge des Stinner-Clan im Schwange ist.

Und noch ein Stinner hat es in den Anekdotenschatz von Herdorf geschafft. Das ist der "lange Gödes mit der weißen Weste". Der Großvater von Berthold Mertens, Franz Stinner, war besonders groß geraten und bevorzugte zum Sonntagshabit eine weiße Weste. Einmal im Jahr reiste er mit dem Gründer der KG Herdorf, August Düber und weiteren Spaßvögeln nach Köln und durchstreifte die Kneipen der Altstadt. Die (harmlosen) Streiche wurden im Laufe des Jahres zu wahren Heldentaten aufgebauscht und der "lange Gödes mit der weißen Weste" galt in den 20er Jahren fortan als profunder Kenner der Kölner Szene und als Spaßmacher par excellence.

Wie der Fotograf der Stinner- Bilder, August Sander, zum Zeichnen gekommen ist, hat er 1958 anlässlich seiner Ernennung zum Ehrenbürger von Herdorf in seiner Laudatio erzählt. August Sander: "Anfang der 90er Jahre wurde ich aus der Volksschule entlassen und musste auf die Grube. Bei der kinderreichen Familie gab es da keine Diskussionen. Mein Elternhaus stand im Sottersbachtal. Mein Vater hatte große Freude am Zeichnen. Unter anderem waren die Katzen, die im Winter hoch auf dem Ofen lagen, seine Modelle. Eins von uns Kindern kniff eine Katze in den Schwanz, die dann fauchend vom Ofen auf den Boden sprang. Diese Bewegung im Sprung hielt mein Vater dann zeichnerisch fest.

Ich versuchte mich ebenfalls im Zeichnen, was mir auch bald gelang. Inzwischen lernte ich das Bergmannshandwerk und musste eines Tages auf die Halde. Hier sah ich einen Mann mit einer großen Kamera und einem Stativ. Der Obersteiger öffnete ein Fenster und rief mir zu, dem Fotografen den Weg zu zeigen und sein Gerät auf den Flussstein zu tragen.

Ich durfte zum ersten Male durch die Fixierscheibe schauen und ich überblickte erstaunt und begeistert die gesamte Landschaft mit Wolkenhimmel, Menschen und weiten Auen. Von diesem Augenblick an wuchs meine Begeisterung und ich setzte alles daran, eine eigene Kamera zu besitzen. Ich wollte und musste Fotograf werden."

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