Mit Sprachkurs, Fahrradwerkstatt und Nähstube soll es weitergehen

Drei Jahre Flüchtlingshilfe mit Kleiderladen und Möbelbörse: Abschied von „Haus ErnA“ in Dahlbruch 

+
Am Mittwoch (12. Dezember) war Schluss im Haus ErnA: Seit 2015 Kleiderladen, Möbelbörse und Zentrale eines kontinuierlich gewachsenen Netzwerks, haben hier viele Flüchtlinge eine (erste) Anlaufstelle gefunden. Auf die gemeinsam gestemmte Aufgabe gönnten sich die Helferinnen und Helfer mitsam Bürgermeister ein Schlückchen Sekt.

Dahlbruch. Die Regale sind so gut wie leer, ein paar letzte Bücher werden in Kartons verstaut, auf dem Tisch liegen drei, vier Paar Schuhe. Abschiedsstimmung im „Haus ErnA“ am Ernst-August-Platz. An diesem Mittwoch wird letztmals der Schlüssel herumgedreht. Zumindest was die Kleider- und Möbelbörse betrifft, wird die Flüchtlingshilfe Hilchenbach hier ihre Arbeit endgültig einstellen: Wie bereits berichtet, sind Auftrag und Mission erfüllt.

Nach und nach trudeln immer mehr der zuletzt etwa 35 Helferinnen und Helferinnen ein – zwischenzeitlich waren es bis zu 100 – , auch der Bürgermeister schaut vorbei. Karl-Heinz Jungbluth, Sprecher und Koordinator der Gruppe, befördert in sauberem Bogen und mit angemessenem Knall den Korken aus einer Sektflasche. „Ich bin einfach stolz auf euch und auf uns alle, dass wir das durchgezogen haben“, wendet er sich an seine Mitstreiter. Sicher, es sei ein wenig auf und ab gegangen, „aber es gab nie großen Ärger oder Unmut, es ist kein böses Wort gefallen. Wir haben das in Hilchenbach wirklich geschafft“. 

„Anstrengende Zeit für uns alle“

Bürgermeister Menzel erinnert sich an eine „anstrengende Zeit für uns alle“, Rathausmitarbeiter ebenso wie Ehrenamtler, doch zusammen habe man alles hervorragend gemeistert, findet er. Zwar habe es auch weniger positive Ereignisse gegebenen, „aber keinen dramatischen Zwischenfall“. 

Eine Frau (fast) der ersten Stunde ist Gisela Glaubitz, die mit mildem Erstaunen auf das zurückblickt, was eine enorme Kraftanstrengung gewesen sei: „Es wird einem erst im Nachhinein bewusst, was man da geleistet hat.“ Ihre Dankbarkeit richtet sich an jene, ohne deren Spendenbereitschaft das Projekt zum Scheitern verurteilt gewesen wäre: „Die Bevölkerung hat verstanden, dass Hilfe gebraucht wird.“ Seit Ende 2015 war die alte Schule (erste) Anlaufstelle für in Spitzenzeiten bis zu 380 Flüchtlinge, die Bindung vieler von ihnen an das Haus ErnA und Dahlbruch ist eng. 

Noorjan und ihr Mann Junaid aus dem Nordirak zum Beispiel: mit den beiden Söhnen Mohammad und Omar (heute elf und neun) waren sie seinerzeit bei den ersten, die über Dortmund nach Hilchenbach kamen. Noorjan erinnert sich noch genau, was im ersten Paket steckte, das sie vom „ErnA“-Team bekam: Ihre Jüngste auf dem Arm haltend, zählt sie diverse Küchenutensilien auf und lacht dabei. Maria mit den schwarzen Locken wurde in Deutschland geboren, „bald geht sie vielleicht in den Kindergarten“, freut sich die Mutter. 

Neues Zuhause in Dahlbruch 

Ihre Familie hat hier ein Zuhause gefunden. Die Jungs besuchen die Grund- und Realschule und sprechen fast akzentfrei unsere Sprache. Wenn Mohammad „jo“ sagt, dann klingt das ziemlich exakt so wie im Siegerländer „en joh“. Bald wird auch Noorjan, die Deutsch bislang mehr im Vorbeigehen lernte, einen Kurs besuchen. Dort wird ihr Mongi Zoghlami buchstäblich erst einmal A bis Z beibringen – ihr und den anderen, die ab Januar in seinen Alphabetisierungskurs kommen. Er weiß: Deutsch lernen, wenn man nicht lesen und schreiben kann und keine Schulerfahrung hat, das ist eine Herausforderung, die viele meistern müssen. 

Zoghlami ist der, den Karl-Heinz Jungbluth „Brückenbauer“ nennt – von Anfang an dabei, mit seinen Arabischkenntnissen als Übersetzer unentbehrlich, wenn es darum ging, die Neuankömmlinge in Listen zu erfassen, sie in Deutsch zu unterrichten, sie zum Arzt zu begleiten, ihnen später bei der Wohnungssuche zu helfen. Zunächst, erzählt er, sei er alleine gewesen, dann seien mehr und mehr Helfer dazugekommen. Nach Möglichkeit habe er den Flüchtlingsfamilien dann deutsche Paten zur Seite gestellt. 

„Was danach kommt, muss man sehen“

1971 kam Zoghlami aus Tunesien nach Deutschland, um hier zu arbeiten. „Ich wusste nicht, was ,Guten Morgen' heißt“, erinnert er sich, „aber ich habe in drei Monaten Deutsch gelernt“. Von den Teilnehmern seines Kurses erwartet der Mann, hier allerwelts „Mongi“, vor allem Eigeninitiative und haut auch mal auf den Tisch, wo es ihm geboten erscheint. 

Sein Deutschunterricht wird also weitergehen, ebenso die Arbeit in der Fahrradwerkstatt und in der Nähstube. Wie genau, das jedoch hängt derzeit noch etwas in der Schwebe. „Wir drehen den Schlüssel herum im Haus ErnA“, nickt Karl-Heinz Jungbluth in Richtung der Helfermannschaft, wie sie da vor den leeren Regalen steht, Plastikbecher mit Sekt und Saft in den Händen. „Was danach kommt, muss man sehen.“ 

Vielleicht bringt Bürgermeister Holger Menzel ja ein wenig Licht ins Dunkel, der das ErnA-Team für den 15. Januar zu einer offiziellen Dankeschön-Veranstaltung eingeladen hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare