In Kredenbach wird an Alfred Freudenberg erinnert

„Verurteilt § 175“: Ein Stolperstein vor Hausnummer 9 

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„Ein Mensch wird erst lebendig, wenn klar ist, man hat ein Gesicht vor Augen“, sagt Jürgen Wenke. Zwischen den beiden Aufnahmen Alfred Freudenbergs liegen nur 13 Jahre.

Kredenbach. Rein optisch hat sich seit damals wahrscheinlich nicht viel verändert in der kleinen Straße. Die Häuser stehen noch immer dicht an dicht, ein bisschen vorgeneigt. Nur im Pflaster vor Nummer 9, da wird künftig etwas ganz leicht glänzen: Hier liegt jetzt ein Stolperstein.

„Verurteilt §175“ steht da zu lesen – Alfred Freudenberg, der bis zum 2. September 1940 hier lebte, starb, weil er schwul war. Im Kreis Siegen-Wittgenstein gibt es inzwischen 290 dieser Steine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. In erster Linie sind es die Schicksale jüdischer Mitmenschen, die mit dieser von dem Kölner Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufenen Aktion assoziiert werden. Der Stein für Alfred Freudenberg ist der erste im Kreis, der sichtbar macht: Es starben auch Männer, weil sie Männer liebten. „Überall, wo ich hinkomme, ist es der erste Stolperstein für Homosexuelle“, erzählt Jürgen Wenke im Gespräch mit dem SiegerlandKurier. Der 60-jährige Bochumer ist die treibende Kraft auch hinter dieser Kredenbacher Stolperstein-Verlegung, der 30. für die sog. 175er. Eine geringe Zahl, bedenkt man, dass es inzwischen insgesamt 61.000 dieser kleinen, in den Boden eingelassenen Gedenkplatten gibt. Doch angesichts der Tatsache, dass Wenke erst im Jahr 2007 mit Nachforschungen begann, sind es schon viele. 

„Es gibt niemanden, der zu diesem Thema forscht. Es ist an der Zeit“

„Irgendwann hatte ich Listen mit Namen“, erinnert er sich an die Anfänge. Der frühere Leiter der Bochumer Schwulen- und Lesbenberatung macht sich auf die Suche, und die führt ihn rasch aus dem Ruhrgebiet heraus. Was ihn antreibt, ist simpel: „Es gibt niemanden, der zu diesem Thema forscht. Es ist an der Zeit.“ Also beginnt Wenke damit und stößt irgendwann auch auf Alfred Freudenberg. Seiner, erzählt er, sei ein besonderer Stolperstein, denn Freudenberg hat Nachkommen. Sie leben bis heute im Haus mit der Nummer 9. Sie wussten, dass der Großvater im KZ war, aber sie wussten nicht, warum, bis Wenke zu ihnen Kontakt aufnahm. Die Familie war ihm bei seinen Forschungen behilflich, „das ist die Ausnahme“, sagt Jürgen Wenke. Denn nicht selten empfinden Familien Scham darüber, dass ein Vorfahre wegen seiner Homosexualität inhaftiert war.

Jürgen Wenke (rechts im Bild)   mit    Gunter Demnig. 

Zunächst mag mancher stutzen: schwul, aber Nachkommen? „Der Widerspruch bleibt erhalten, den werde ich nicht auflösen“, sagt Jürgen Wenke bei der Verlegung. Bekannt ist einzig, dass Alfred Freudenberg am 14. Februar 1924 in Kreuztal Lina Anna Bülow heiratete und beide eine Tochter namens Elfriede hatten, die wiederum drei Töchter und einen Sohn bekam. Diese vier Enkel von Alfred Freudenberg haben wiederum Kinder. 

Gunter Demnig persönlich ist an diesem Tag nach Kredenbach gekommen, um zur Kelle zu greifen. Irgendwann kniet sich ein Mann zu ihm auf den kalten Boden und fasst mit an: Es ist Axel Katzmarzik, ein Enkel Alfred Freudenbergs. Nicht allzu viele Menschen sind an diesem Tag Zeuge des Erinnerns, zu ihnen zählt der stellvertretende Kreuztaler Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Stahlschmidt: „Die Stadt Kreuztal unterstützt diese Verlegung als Zeichen gegen das Vergessen.“  Die Kreuztaler Grünen haben die Patenschaft über den Stolperstein übernommen. 

„Im Mittelpunkt steht ein Mensch, der keinem von uns bekannt ist“, hebt Jürgen Wenke an. „Dieser Mann ist zu Unrecht im Gefängnis gewesen.“ Was er selbst über Alfred Freudenberg und dessen 51 Lebensjahre herausfinden konnte, passt auf fünf Seiten Papier. Die Diskussion um die sog. Ehe für alle findet Jürgen Wenke „merkwürdig“ – viel wichtiger sei es doch, sich zu vergegenwärtigen, dass die letzten Urteile nach Paragraf 175 erst in diesem Jahr aufgehoben wurden. Alfred Freudenberg wurde im Jahr 2002 rehabilitiert, 57 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod. Jürgen Wenke blickt sich um, der Stolperstein ist inzwischen verlegt. „Das hier ist ein kleiner Ort. Stellen Sie sich vor, Sie hätten hier vor 70 Jahren Ihr Coming-Out gehabt – das wäre Ihr sozialer Tod gewesen.“ Er mahnt: „Nur wenn wir betroffen werden, können wir verhindern, dass es wieder passiert. Es gibt eine Partei am rechten Rand, die will das.“ Und das nur 77 Jahre, nachdem Alfred Freudenberg aus Kredenbach sein Zuhause in der Jung-Stilling-Straße 9 zum letzten Mal sah.

Aus einem Menschen wurde Nummer 6603: Aus dem Leben Alfred Freudenbergs

Alfred Freudenberg wurde am 20. November 1893 in Kredenbach geboren, von Beruf war er Eisenhobler/Dreher. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg, wo er einen Zeh verlor und wegen des Verdachts auf Lungen-Tuberkulose beobachtet wurde. Damals, sinnierte Jürgen Wenke bei der Stolperstein-Verlegung, habe er sicher gedacht, dass ihm nie mehr Schlimmeres passieren könnte. Im September 1940 wird Freudenberg verhaftet und kommt wegen homosexueller Kontakte in Untersuchungshaft. Irgendjemand muss ihn denunziert haben. Schließlich wird Alfred Freudenberg zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach voller Strafverbüßung entlässt man ihn jedoch nicht in Freiheit. Stattdessen wird er im September 1943 von der Polizei in die Steinwache nach Dortmund deportiert. Von dort verschleppt man ihn in das KZ Natzweiler (Elsaß). 

Hier wurde aus dem Menschen Alfred Freudenberg Nummer 6603. Weil Nummern weder Kleidung, noch Brille, noch Tablettendosen benötigen, keine Fotos, keine Brieftasche, keine Pfeife, wurde ihm das alles abgenommen. Schließlich brachte man Alfred Freudenberg ins KZ Dachau bei München, wo er am 23. Februar 1945 ermordet wurde. Als angebliche Todesursache ist „Versagen von Herz und Kreislauf bei Darmentzündung“ vermerkt. Seine Familie muss nach Kriegsende selbst nachforschen, was mit dem Ehemann, Vater und Ernährer geschehen ist, ob er zurückkommen wird oder nicht. Freudenbergs Vater verstirbt, ohne etwas über das Schicksal seines Sohnes zu erfahren. Der unbescholtene Bürger Alfred Freudenberg wurde nach dem aus der Kaiserzeit stammenden und in der Nazizeit verschärften Paragrafen 175 verurteilt, der einvernehmliche Kontakte unter Männern unter Strafe stellte und sie damit kriminalisierte. Dass Freudenberg nach seiner Haftstrafe nicht freigelassen wurde, liegt an einem Erlass Heinrich Himmlers: „Ich ersuche, in Zukunft Homosexuelle, die mehr als einen Partner verführt haben, nach der Entlassung aus dem Gefängnis in polizeiliche Vorbeugehaft zu nehmen.“ 

Diese Vorbeugehäftlinge, wie auch Alfred Freudenberg einer war, trugen im KZ den sog. Rosa Winkel, der sie weithin sichtbar von den übrigen Häftlingen als Homosexuelle nicht nur ab-, sondern sie ausgrenzte. Sie wurden erschossen bei tatsächlichen oder inszenierten Fluchtversuchen, starben durch Folter, Unterernährung, katastrophale hygienische Zustände und Sklavenarbeit.

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