Es hat beim Aufbau auch schon geschneit

KulturPur29: Wie auf dem Giller binnen kurzer Zeit eine kleine Stadt entsteht 

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Grund/Siegen. Mal ehrlich: Man kann schon so und so oft bei KulturPur gewesen sein, der erste Gedanke, wenn die Zelte in Sicht kommen, ist doch immer „Och! Schön!“ Diese Zelte und alles, was dazu gehört, erinnern zwar ein bisschen an Ufos, landen aber trotzdem nicht über Nacht. KulturPur 29 findet vom 6. bis zum 10. Juni statt, wie immer über Pfingsten. Die „heiße Zeit“ aber beginnt schon Wochen vorher. 

„Wir bauen da oben eine Stadt“, stellt Festivalleiter Jens von Heyden klar. Bis alles fix und fertig ist, vergehen zwei Wochen. Dann sind 10.000 Quadratmeter (davon 5000 überdacht) reines Festivalgelände mit allem bestückt, was es braucht, um den Betrieb reibungslos am Laufen zu halten. Dann ist ein Kilometer Wasserleitung verlegt worden, sind nicht nur die Zelte, sondern auch sieben Backstage- und Garderobencontainer aufgestellt, dann ist in den Gastrozelten alles palletti, sind die Holzböden verlegt, ist auch der letzte Scheinwerfer aufgehängt, dann kann es heißen: Vorhang auf!

Bei Jens von Heyden und Christine Domnick laufen die Fäden zusammen. 

Dabei beginnt das Festival für die, die es möglich machen, schon einige Zeit bevor die erste Eröffnungsrede beklatscht wird. Von Heyden grinst: „Die Organisationsleitung macht am längsten Urlaub dort oben.“ Ein eng zusammengestecktes Puzzle sei KulturPur, und zwar eins, das den Beteiligten auch nach all den Jahren bei aller Herausforderung viel Freude macht. 30 bis 40 Gewerke greifen beim Aufbau ineinander. Dazu kommen die hauseigenen Mitarbeiter, 180 an der Zahl. 

Ja, wo ist er denn, der Platz?

Keine feste Truppe, sondern Leute, die sich teils das erste Mal sehen, die auch bei widrigen Umständen ihren Job machen müssen. Regen? Nacht? Miese Laune? Kollege nicht nett? Das darf keine Rolle spielen: „Da geht es teilweise um Stunden“, nickt der Festivalchef, der weiß: „Es sind halt Menschen, die da aufeinander treffen.“ Unvergessen jenes Jahr, als der Winter sein Comeback auf der Lützel feierte, natürlich pünktlich zum Aufbau. Wo denn jetzt der Platz sei, wollte eine Reporterin wissen, den Blick ratlos über die schneebedeckte Fläche schweifen lassend. Ja, wo war er, der Platz? Und was tun, wenn das Gelände derart durchweicht ist, dass ein ganzer Lkw drin steckenbleibt? Einen kühlen Kopf bewahren, anders geht es nicht, auch wenn die Uhr läuft.

Ist alles fertig, reisen die Künstler und deren eigener Tross an, teils aus aller Herren Länder, bringen ihre jeweils ganz eigene Mentalität, ihre Wünsche und ihre Vorstellungen mit. Dann ist da das KulturPur-Team, dann sind da die Rettungskräfte vor Ort und so weiter. Da nicht den Überblick zu verlieren, das ist nicht nur Aufgabe, sondern geradezu das Steckenpferd von Christine Domnick. Die stellv. Organisationsleitung ist ein Eigengewächs des Kulturbüros, stieg seinerzeit als Praktikantin ein und orchestriert heute gemeinsam mit von Heyden diesen Riesen-Apparat hinter den Kulissen, wobei „orchestriert“ bei der studierten Musikwissenschaftlerin genau der richtige Begriff ist. 

„Jeder kann sich auf jeden verlassen“

„Da ist Fingerspitzengefühl notwendig“, nickt sie lächelnd, schon ganz vorfreudig auf die bald beginnende Saison. Es gehe darum, hinter der Bühne schon Positives zu schaffen, das dann wiederum auf die Besucher ausstrahle. „Jeder kann sich auf jeden verlassen und muss das auch können. Das ist ein besonderes Zusammenspiel. Jeder macht in seinem Aufgabengebiet alles dafür, dass es perfekt ist“ - vom Platz für den Nightliner bis hin zur Technik.

Was die Übernachtungsbusse der Künstler betrifft, so wird es in diesem Jahr auf Parkplatz-Nintendo hinauslaufen, werden doch gleich vier auf einen Schlag erwartet. „Ein Nightliner-Ballett“, lachen von Heyden und Domnick, eins abseits der Bühne und trotzdem spannend. Mit Spannung erwartet wird auch der Auftritt von Weltklasse-Parcussionist Martin Grubinger, der erstmals auf dem Dirigentenpult steht. Das hat auch die überregionale Presse spitzgekriegt und möchte einen Platz im Zelt. Und dann ist da ja noch die Pyro-Show von InExtremo, die spezieller Sicherheitsvorkehrungen bedarf. „Was machen wir bei Kosmonautenklang?“ - „Irgendwas mit Lasern?“ Und so bringt jedes Festival seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich. „Wir stehen fünf Tage unter Strom“, lacht Christine Domnick, die jeden Morgen im Kopf erst mal für sich den Tagesplan nachvollzieht, bevor es losgeht.

Von Anfang an ein grünes Festival im Grünen 

KulturPur war von Anfang an ein grünes Festival – wie sollte es auch nicht, bei diesem Spielort? -, seit diesem Jahr allerdings eins mit Brief und Siegel, gab es doch von der Energie-Agentur NRW den Green Music Award. „Wir haben immer schon auf Nachhaltigkeit geachtet, schließlich ist das ein Naturschutzgebiet“, sagt Jens von Heyden, „da geht es darum, schonend mit der Landschaft umzugehen“. Jetzt ist der Blick noch geschärfter. 

„Wir haben alle Bereiche überprüft“, ergänzt Christine Domnick, „vom Stromaggregat der neusten Generation bis zur Pommesgabel“. Von Heyden: „Wir haben uns Gedanken gemacht: Was geht, was geht nicht.“ Die Gastronomie bekommt ein neues Abfallsystem, aber wo es möglich ist, wird Porzellan eingesetzt, „wir versuchen so viel wie möglich im Glas zu servieren“.

120 Ständer für die Drahtesel 

Dafür gibt es eine Spülstation. Lampen und Scheinwerfer sind sparsam. Der Pendelverkehr gehört ohnehin seit fast eh und je zum Festival, „jetzt haben wir möglichst schadstoffarme Busse nachgefragt“, berichtet der Festivalchef. Betrachtet man KulturPur mit seiner ganzen Infrastruktur, so ergeben sich hier Themen wie Müllvermeidung und Energiesparen wie in jedem Ballungsraum, nur eben verdichtet, sinnt von Heyden laut nach. Und auch wenn im Siegerland wohl keine Münsteraner Verhältnisse mehr Einzug halten werden, so ist ein Trend auch hier ganz deutlich spürbar: „Den Fahrradboom merken wir sehr!“ 

Deswegen wird es in diesem Jahr erstmals Ständer für die Drahtesel geben, 120 Stück, nicht zuletzt deshalb, damit die Räder nicht mehr länger am Zaun stehen müssen, in denkbar knappem Abstand zu Bussen und anderem hier oben noch zugelassenen Verkehr. Denn alles in allem reden wir immer noch vom Wald und von der Heide – auch wenn hier einmal im Jahr eine Stadt entsteht.

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