Nach über 40 Jahren ist bald Schluss 

Drogerie Beier in Hilchenbach öffnet am 31. Dezember zum letzten Mal 

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Beate Franz, Ulrike Beier und Dagmar Taplick (v.l.) verabschieden sich am 31. Dezember von ihren Kundinnen und Kunden.

Hilchenbach – Auf der grau bezogenen Schaukelcouch sitzt ein kleiner roter Bär, selbst genähtes Geschenk einer Kundin zum 40-jährigen Bestehen der Drogerie Beier im Mai. Schon da deutete es sich an: „(...) danach wandert ihr Blick ganz langsam Richtung Ruhestand...“, so stand es in der Geburtstagsanzeige zu lesen, erschienen im Kurier.

Fußpflege – Drogerie – Reformwaren: Ulrike Beier schließt ihren Laden am Markt 9 am 31. Dezember für immer. An diesem letzten Tag wird der gewöhnliche Geschäftsbetrieb stattfinden, verbittersüßt mit einem Glas Sekt für die Kunden. Und auch wenn die 66-Jährige nicht „halb Hilchenbach“ einladen wird, wie sie lachend beteuert, so wird es sich doch Mancher auf keinen Fall nehmen lassen, persönlich Tschüss zu sagen.  

Richtig gute erste Jahre

Denn viele dürften traurig sein – so wie die ältere Dame, die gerade den Laden betritt. Ihr Braunhirse-Mehl wird die Stammkundin künftig woanders kaufen müssen, auch wenn sie im Moment noch keine Ahnung hat, wo. Das sei ja auch alles nicht so einfach, ohne Führerschein, sagt sie und hebt ratlos die Achseln. Seit Oktober kleben überall im Laden die Prozent-Schildchen: auf den Cremes und Tiegeln, den Flaschen und Fläschchen, den Handtüchern und den Geschenkartikeln. 1979 übernimmt ihr Mann, Drogist Ulrich Beier, das Geschäft von Heinrich Scheib. 

Die drei von der Drogerie stöbern in einer Dose mit alten Etiketten, die noch vom Gründer der Drogerie stammen. 


Die ersten Jahre seien richtig gute Jahre gewesen, erinnert sich Ulrike Beier. Das Interieur des Ladenlokals mitsamt seinen Kanistern, Flaschen und Tinkturen bekommt neue Besitzer – und Beate Franz bekommt neue Chefs. Sie hat ihre Ausbildung bei Scheib gemacht, an den sie sich gern erinnert. Mit den Beiers wehte frischer Wind durch den Laden, erzählt sie lächelnd: „Das fand ich schön. So schön, dass sie blieb, bis heute. Wenn Ulrike Beier ihren Laden schließt, geht auch Beate Franz in Rente. Dagmar Taplick ist die Dritte im Bunde, auf deren freundliche Beratung die Hilchenbacher künftig verzichten müssen. Auch sie ist seit über 35 Jahren dabei.  

Die drei Frauen, die herzlich miteinander lachen können, sind viel mehr füreinander als Chefin und Angestellte oder Kolleginnen. Ulrike Beier erinnert sich besonders an die Zeit nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2008, als sie allein mit dem Geschäft da stand – und doch nicht allein. „Ohne die Beiden hätte ich das nie geschafft. Man hat im Leben so viel geteilt. Jeder konnte sich auf jeden verlassen.“ Nach der Geschäftsübernahme Ende der 70er lief es zunächst gut – so gut, dass die Beiers den Laden anderthalb Jahre später schon vergrößern. Heute verfügt er über das Doppelte der ursprünglichen Verkaufsfläche. Ihr Mann macht eine Ausbildung zum Heilpraktiker und eröffnet eine Praxis.

„Für mich fühlt es sich richtig an“

Später kommen noch Filialen in Krombach und Littfeld dazu, die allerdings wieder geschlossen werden. Ulrike Beier hebt die Schultern. „Das sind so Fehler, die man gemacht hat. Ich verbuche das unter Lebenserfahrung.“ Damals war Drogerie etwas anderes als heute. „Weißt du noch, die Blechtonne mit dem Unkraut-Ex!“, fragt Beate Franz und lacht. Als sie bei Scheib lernte, da verfügte die Drogerie sogar noch über eine Dunkelkammer. Reinigungsbenzin und 96-prozentiger Alkohol gingen hier ebenso über die Theke wie destilliertes Wasser. 

Wie sich die Zeiten ändern können, das sollten die neuen Drogerie-Inhaber bald erfahren. Anfang der 80er, das waren die Jahre, in denen Apotheken in Deutschland verstärkt das verkauften, was früher den Drogisten vorbehalten war und immer mehr Discounter die traditionellen Anbieter zu verdrängen drohten. In Hilchenbach war es der Biegert-Markt (die Kette wurde später von Schlecker geschluckt), gegen den man sich am und auf dem Markt behaupten musste. „Da fing es an, echt schwierig zu werden“, berichtet Ulrike Beier. 

In der Drogerie am Markt in Hilchenbach gehen bald für immer die Lichter aus. Die gute Nachricht ist: Die Fußpflege-Praxis an gleicher Stelle wird es weiterhin geben. 

Ab jetzt ging es darum, das Sortiment immer zu verändern und zu erweitern, Dinge aus dem Programm zu werfen, die nicht mehr lohnten und andere hinzu zu nehmen, die es bei der Konkurrenz nicht gab. Kurzum: „Man hat immer versucht, etwas Neues an Land zu ziehen.“ Großer Pluspunkt: die Nähe zu den Kunden. Die drei Frauen könnten sicher vieles aus dem Nähkästchen hervorzaubern, von dem jedoch kaum etwas druckreif wäre. „Die Kunden haben viel privat erzählt“, sagt Beate Franz. „Wir kennen viele von klein auf.“ Kein Wunder, dass diese „wirklich guten Gespräche“ Ulrike Beier am meisten fehlen werden. 

„Ich höre seit gefühlt fünf Jahren auf“

Die Entscheidung, nach über vier Jahrzehnten den Schlüssel für immer herumzudrehen, fällte sie nicht über Nacht. „Ich höre gefühlt seit fünf Jahren auf“, lacht Beier. Doch der Wettbewerb schlafe nicht, gerade im Drogerie-Bereich. Die Rossmann-Eröffnung im neuen Einkaufszentrum bekam sie zu spüren, keine Frage: „Die ersten vier Wochen danach dachte ich: Wenn das so weitergeht, dann machen wir schon im Juli zu!“ Doch die neue Konkurrenz und der Umstand, dass der Wettbewerb immer härter werde, seien nicht die Hauptgründe für die Schließung, versichert sie.

Zu Herrn Scheibs Zeiten wurden hier noch Fotos entwickelt. 

„Die letzten zehn Jahre waren nicht nur lustig.“ Vor allem aber: „Ich möchte mehr Zeit für mich haben. Ich bin noch relativ fit und gesund.“ Pläne hat Ulrike Beier jedenfalls „ohne Ende“, wie sie sagt: mehr wandern, radfahren, reisen. Morgens einfach mal spontan den Rucksack packen und loslaufen. Und dann sind da ja auch noch die drei Enkelkinder. Sie sieht ihrem Ruhestand mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge entgegen: „Für mich fühlt es sich richtig an. Klar sind wir traurig. Klar werden wir es vermissen. Aber es ist genau der richtige Zeitpunkt.“ 

„Wir werden heulen“

Für die Kunden gibt es zum Schluss aber doch noch eine gute Nachricht: Obwohl noch in den Sternen steht, was mit dem Ladenlokal passiert, wird Ulrike Beier ihre medizinische Fußpflege-Praxis an gleicher Stelle weiterführen. „Sie wird bis dato gut angenommen und hat uns über manches hinweggeholfen“. Der letzte Tag des Jahres ist also zugleich der letzte für die drei von der Drogerie. Beate Franz liebäugelt damit, sich im Ruhestand verstärkt ehrenamtlich zu engagieren. Vorerst denkt sie noch nicht gern an den 31. Dezember. Sie weiß: „Wir werden heulen. Das ist wie ein zweites Zuhause gewesen.“ 

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