Bitterböse und brüllkomisch 

Fröhlicher Friedhof: Katharina, Anna und Nellie Thalbach mit den „Witwendramen“ bei KulturPur

Grund. Übern Tisch gebeugt, leicht lallend, schreit sie dem toten Helmut endlich mal ihre Meinung und ihre neue Freiheit ins Grab, und genau in dem Moment donnert es, dass der Zeltboden vibriert: Hätte sich kein Regisseur schöner ausdenken können, diese Szene Katharina Thalbachs in den „Witwendramen“.

Mit Tochter Anna und Enkelin Nellie war sie am Freitagabend bei KulturPur, um Fitzgerald Kusz tragikomische Sammlung rund um die Witwe auf die Bühne im kleinen, rappelvollen Zelttheater zu bringen. Klar, die Thalbachs zusammen, das wollte sich mancher nicht entgehen lassen, auch dann nicht, wenn sie das Telefonbuch von Rheda-Wiedenbrück rückwärts aufgesagt hätten. Aber der Stoff hier, der passte eben auch wie maßgeschneidert auf das Drei-Generationen-Gespann. 

Gemeinsam lässt's sich besser „trauern“

„Witwe. Wwwwitttweee. Wittttttwwwwwwwwwwe“ – es will ihr ja nicht mal über die Lippen gehen, diese Wort, die Bezeichnung dieses neuen Etiketts. Witwe. Viele Geschichten, Dramen und noch mehr Sprichwörter befassen sich mit dem Dasein der (vermeintlich) zurückgelassenen Gattin, und da sitzen nun gleich drei von ihnen, alle in Schwarz natürlich. Die Älteste, die Jüngere und die ganz Junge. Sie sprechen miteinander und aneinander vorbei, lassen uns einzeln an allem teilhaben, was ihnen gerade durch den Kopf geht und was mit Trauer meistens wenig zu tun hat, es sei denn natürlich, es geht ums eigene verkorkste Leben an der Seite eines Fehlgriffs.

Derart gründlich ziehen sie über ihre Verblichenen her, dass man sich schüttelt vor Lachen. Gelogen wird in Todesanzeigen schließlich schon genug. Kommen nicht gut weg, die drei Toten und nicht nur die nicht, sondern irgendwie alle nicht. Prinzen, die im Laufe der Ehe zu Fröschen wurden, davon soll es ja durchaus auch noch welche unter den Lebenden geben, oder? Dass er sie geschlagen habe, sinniert Katharina, das habe sie ja weggesteckt, aber dieses Schweigen! 

Tränen über einem Toten. Hund. 

Jede allein in ihrer Wut und ihrem Schmerz und dem Drang, es ihm jetzt, wo er sich nicht mehr wehren kann, endlich „heimzuzahlen“, und doch irgendwie zusammen. Bittere Erkenntnis der eigenen Verschwendung („Mein Leben war sein Terminkalender“), bitteres Erinnern und endlich Tränen, wenn freilich auch über einem toten Hund vergossen, nicht über den Kerl, der ihn in die Waschmaschine steckte. 

Die drei Frauen ergänzen einander großartig und haben Spaß; besonders Nellie splinzt immer wieder amüsiert zu ihrer Großmutter herüber, je öfter die in der klappverschlussten Tasche nach noch einem Schnapsfläschchen kramt. Katharina mit ihrer knarzenden Stimme ist mit dem Witwendramen-Skript vor sich genau so eine Naturgewalt wie in jedem Film, aus dem man sie kennt. 

Wer schießt, kriegt keine Witwenrente

Eben noch kurz davor, betrunken ihrem Helmut hinterher zu stürzen, lässt sie im nächsten Moment hoch aufgerichtet eine der prominenten Witwen zu Wort kommen, die unsichtbar über die Bühne defilieren: Helene Weigel etwa oder Margot Honecker, „Auferstanden aus Ruinen“ inbegriffen, klar.

Wer wusste übrigens, dass die deutsche Gesetzgebung folgendes vorsieht: „Frauen, die ihre Männer erschießen, haben kein Anrecht auf Witwenrente“. Gut. Man hätte sich es denken können. Inwiefern das auch für Frauen gilt, die mit Zyankali nachhelfen? „Und samstags habe ich ihn einbetoniert!“, strahlt die Älteste, bevor es zur handfesten Testamentseröffnung geht und zum Schluss nochmal kräftig donnert. 

Der Applaus für diese bitterböse Selbsthilfegruppe kann da locker mithalten. Ein „fröhlicher Friedhof“ sei das ja hier, hatte Katharina Thalbach gleich eingangs festgestellt, mit der Lilie wedelnd. So ist ein KulturPur-Publikum sicher auch noch nicht bezeichnet worden. Aber es passt.

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