„Es gibt hier keinen, der das nicht bedauert“

Zum Schluss ganz schnell: Das Ev. Krankenhaus Kredenbach ist Geschichte

Am Samstag verlassen keine "lebenswichtigen" Dinge mehr die Klinik, doch es kommt immer noch genug zusammen. 

Kredenbach. Gegen halb elf vermeldet Pflegedirektor Sascha Frank, dass der letzte Patient abgeholt wurde. Noch mehr Kartons werden auf den Flur getragen, irgendwann legt eine Schwester zwei Wanduhren obenauf. Ein Bild mit Symbolkraft: Nach über 50 Jahren ist die Zeit des Ev. Krankenhauses Kredenbach, der Bernhard-Weiss-Klinik, abgelaufen.

Gegen Ende gab es keine Neuaufnahmen mehr. Nur noch neun Senioren mussten am Schluss von der geriatrischen Station nach Siegen, ins Ev. Jung-Stilling-Krankenhaus, transportiert werden. Dass deren Verlegung reibungslos klappt, dafür sorgen Pflegedienstleiter Wolfgang Müller und Stephan Müller vom Qualitätsmanagement. Seit 9 Uhr rollen die Rettungswagen der DRK-Ortsvereine im Zehn-Minuten-Takt in die Patientenanlieferung, die heute eine -abholung und dann erst einmal verwaist ist.

Dieser Herr, der freundlich seine Einwilligung gab, abgelichtet zu werden, ist einer der letzten neun Patienten, die das Kredenbacher Krankenhaus verlassen. 

Alles geplant, alles organisiert. Denn natürlich fällt dieser Tag für niemanden vom Himmel. Nicht für die Mitarbeiter, nicht für diejenigen, die sich wie auch immer mit dem Haus verbunden fühlen. Der Geschichte der 1965 eröffneten Klinik waren in den vergangenen Jahren einige aufwühlende Kapitel hinzugefügt worden, Demonstrationen und öffentliche Diskussionen inbegriffen. Die Menschen nicht nur im nördlichen Siegerland haben für ihr Krankenhaus gekämpft. 

Die Schließung falle der Diakonie schwer, wird Dr. Joseph Rosenbauer als Geschäftsführer der Diakonie in Südwestfalen in einer Pressemitteilung zitiert. Die wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen ließen dem Betreiber jedoch keine Wahl, wird noch einmal betont. Zudem sei es schwierig, Mediziner zu finden, die in einem solch kleinen Ort wie Kredenbach arbeiten wollen, ergänzte Verwaltungsleiter Fred-Josef Pfeiffer. 

Die Rettungswagen der DRK-Ortsvereine fahren im Minutentakt vor. 

Pressesprecher Stefan Nitz ist ebenfalls vor Ort. „Es geht der Diakonie als konfessionell geprägtem Unternehmen nicht um Gewinnmaximierung“, betont er, aber genau wie 300 inzwischen in ganz Deutschland geschlossene kleine Kliniken könne man auch dieses Haus betriebswirtschaftlich nicht mehr führen. Behauptungen, die Diakonie hätte den Standort absichtlich geschwächt, will Nitz mit Nachdruck in das Reich des „völligen Nonsens“ verwiesen wissen: „Nach der Entscheidung 2012/2013 für die Reduzierung auf die zwei Fachdisziplinen Geriatrie und Innere war die große Hoffnung da, das Krankenhaus dauerhaft betreiben zu können.“

Bild mit Symbolkraft: Die letzten Patientenzimmer werden leer geräumt. Wie es mit den Etagen 1 + 2 des früheren Krankenhauses weitergeht, ist noch nicht spruchreif, sagt die Diakonie. 

An diesem Samstag fahren also die letzten Krankenwagen bergabwärts. Die Straße trägt den Namen des Arztes, der 1946 mit der Eröffnung seiner Privatklinik in einer Siemag-Villa eine lange medizinische Tradition begründete, die Ende Februar mit der offiziellen Abmeldung dieser Betriebsstätte des Diakonie-Klinikums endet. Freilich ist das dann nur noch ein Verwaltungsakt. Abschied nehmen die Mitarbeiter schon länger, ein Krankenhaus zieht schließlich nicht mal eben um. 


Am Flurschrank klebt noch ein Plakat für den Abschiedsgottesdienst, der vor ein paar Tagen stattfand; Krankenhausseelsorgerin Karin Schlemmer-Haase sprach da vor Mitarbeitern und Wegbegleitern vom Loslassen und von Neuanfängen: „Lasst uns das Gute aus der Vergangenheit bewahren und mitnehmen.“ Auch sie wird ans Jung-Stilling wechseln. Hubert Becher, der Geschäftsführer des Diakonie Klinikums, hatte festgestellt, dass eine Ära ende, und bekräftigt: „Unter diesen Bedingungen können wir nicht weitermachen, zumal eine Verbesserung in Sicht ist.“

Im Dienstzimmer auf der geriatrischen Station III läuft die Spülmaschine, einige Pflegekräfte beratschlagen, was noch zu tun ist. Die meisten Patientenzimmer sind leer, hier und da wartet noch ein Bett auf den Abtransport. Ein Karton Kleiderbügel, Rollstühle, Toilettenstühle stehen etwas verloren auf den Fluren. Es herrscht Geschäftigkeit, schließlich füllt sich der 7,5-Tonner, der gleich wieder auf den Hof rollen wird, nicht von selbst. 

Das Team der Geriatrie wird geschlossen ins Jung-Stilling-Krankenhaus wechseln, in dem es gute Bedingungen erwarten darf. Aber viele sind seit Jahrzehnten hier beschäftigt, und das hier, das war für sie „ein zweites Zuhause“, wie eine Mitarbeiterin formuliert: „Hier kennt jeder jeden!“, „Viele unserer Kinder sind hier geboren!“ „Ich selbst bin als Kindergartenkind hier rein- und raus gelaufen!“ „Es gibt hier keinen, der das nicht bedauert!“, sagt eine Schwester mit fester Stimme, dass „das“ betonend.

Ihre Kollegin hat zuvor einen der letzten Patienten mit einem munteren „Bis morgen!“ verabschiedet. Natürlich wird es weitergehen – aber eben nicht hier.

Diakonie: „Kein Abschied vom Standort“

  • Das Krankenhaus in Kredenbach verfügte zum Schluss über insgesamt 100 Betten 
  • 50 davon (Geriatrie) werden im 13,5 Millionen-Neubau auf dem ehemaligen Hubschrauber-Deck des Jung-Stilling-Krankenhauses stehen, in dem auch die Urologie, die Neurochirurgie, die Internistische und das Ambulante Rehazentrum untergebracht sind. 
  • Während die Geriatrie in Kredenbach 800 Quadratmeter zur Verfügung hatte, sind es künftig 2700. Die neue Station verfügt über eine Dachterrasse und einen Therapiebereich. 
  • Eine Arbeitsgruppe aus Kredenbach konnte bei der Gestaltung mitreden.
  • Die 50 internistischen Betten werden ebenfalls ans Jung-Stilling wechseln. 
  • Drei Viertel der 128 Angestellten werden dort arbeiten, ein Viertel im Krankenhaus Bethesda. Es gab eine Beschäftigungsgarantie seitens der Diakonie. 
  • Die will sich nicht gänzlich vom Standort verabschieden: In Kredenbach bleiben im Erdgeschoss die Praxen des MVZ erhalten, ebenso wie die Praxis Nuklearmedizin als Mieter.
  • Im Untergeschoss haben die Sozialen Dienste der Diakonie in Südwestfalen eine Wohngruppe mit neun Plätzen für Jugendliche eingerichtet, die nicht bei ihrem Familien leben können.
  • Für die Etagen 1 und 2 gebe es Ideen, so Pressesprecher Nitz, aber es sei noch nichts spruchreif. Es ist von Diakonie-nahen Angeboten die Rede.

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