Im Gespräch mit Kulturgemeinde-Geschäftsführer Hartmut Kriems

Große Begegnungen, Kleinkunst und Garderoben-Kuchen

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Hartmut Kriems an seinem Arbeitsplatz im Steiler Weg. 

Hilchenbach. Zu Beginn des nächsten Jahres wird sich Hartmut Kriems, der Geschäftsführer  der Hilchenbacher Kulturgemeinde, in den Ruhestand verabschieden. Die vom SiegerlandKurier herausgegebene „Stadtzeitung Hilchenbach“ hat sich mit ihm zu einem kleinen Rück- und Ausblick verabredet. 

Plakate an den Wänden – Figaro, Carmen, KulturPur – leises Klassikradio. „Das hier ist unser Hauptbüro“, lächelt Kriems. Und so stellt man sich die Schaltzentrale des Gebrüder-Busch-Kreises im Steiler Weg irgendwie auch vor. 34 Jahre lang hat er hier (und vom Hilchenbacher Rathaus aus) Theater gemacht. Und Musik. Und Kleinkunst. Ein Bühnenmensch von Kindesbeinen an, kam Hartmut Kriems seinerzeit als Nachfolger für Wolfgang Burbach aus dem traditionell studentisch geprägten Marburg nach Hilchenbach. Hier fand er mit seiner Familie nicht nur schnell eine neue Heimat, sondern auch die Herausforderung, das, was er bisher „in einem kleinen Rahmen“, nämlich bei der Marburger Studiobühne, getan hatte, in ganz anderer Umgebung umzusetzen. Die Rahmenbedingungen stimmten: „Ich habe eine funktionierende Kulturgemeinde vorgefunden“, erinnert sich Hartmut Kriems, „und die Konkurrenzsituation war damals klein“. 

Gar nicht so klein waren dafür die Fußstapfen, die er auszufüllen hatte, immerhin hatte sein Vorgänger große Namen des Theaters wie zum Beispiel Martin Held in die Provinz locken können. In den 80er-Jahren war bereits die Philharmonie Südwestfalen in Hilchenbach angesiedelt, auch auf der Wasserscheide wurde gespielt und musiziert. Ein paar Kilometer weiter in Kreuztal gab es jedoch noch nichts dergleichen, und von einem Siegener Theater war keine Rede. Höhepunkte in Hartmut Kriems erster Saison 1984/1985: ein Zweipersonenstück mit Claus Theo Gärtner und Günter Strack, außerdem Kammerkonzerte mit Buschpreisträgern. An der Magnetwirkung des Namens Busch für hochwertige Ensembles hat sich über die Jahrzehnte nichts geändert. Anderes hingegen war und ist durchaus in Bewegung, und das schließt die Abonnentenzahlen mit ein, die seit den 90ern zurückgegangen sind. 

Nie „Grottenschlechtes“ erlebt

Entwicklungen, denen der Gebrüder-Busch-Kreis mit neuen Produkten wie zum Beispiel dem Wahl-Abo Rechnung zu tragen wusste. „Die Ansprüche haben sich geändert“, hat Hartmut Kriems beobachtet. Spätestens als sich im früheren Siegener Kino erstmals der Theatervorhang teilte, hatten sich die Parameter für das Non-Profit-Unternehmen Gebrüder-Busch-Kreis endgültig verschoben: „Das Apollo macht gutes Programm, damit haben wir zu kämpfen“, nickt Kriems.  Die richtige Mischung zu finden im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz ist und bleibt eine der wichtigsten Aufgaben für Kultur-Macher wie ihn, und natürlich irre man sich auch mal, räumt er lächelnd ein. Das hochgelobte Stück „Verbrennungen“ war solch ein Fall: „Die Leute fanden das super, aber es war ganz schlecht besucht.“ Er habe aber nie „Grottenschlechtes“ erlebt, versichert der Geschäftsführer, „eher, dass das Stück nicht gut gemacht war“. 

Geht es um Musik, so bevorzugt Hartmut Kriems Seele statt Sterilität. Wie er da so am Konferenztisch sitzt, gerät der 65-Jährige beinahe ins Schwärmen: „Man muss erleben, wie etwas entsteht und im gleichen Moment vergeht!“ Was die Auswahl im musikalischen Bereich betrifft, so hat Hartmut Kriems stets nicht nur auf sein eigenes Gehör vertraut, sondern „gute Informanten“ konsultiert, auf deren Urteil man sich verlassen könne: „Man lernt das zu beurteilen und muss den eigenen Geschmack zurückstellen.“ Grundsätzlich gilt in der Musik wie auch im Theater: Das Publikum möchte beschwingt und fröhlich sein und sich nicht ärgern müssen. Theaterstücke über Mobbing oder ein schwules Paar, das ein Baby adoptieren will („Patrick 1,5“) wussten die Gebrüder-Busch-Freunde nicht sehr zu begeistern. „Doch wenn es inhaltlich gut ist, spricht nichts gegen ein anspruchsvolles Stück.“ Bestimmte Dinge passen aus Kriems Sicht allerdings überhaupt nicht auf die Bühne „seines“ Gebrüder-Busch-Theaters: moderne Theaterformen mit Musik, auch Operetten- oder Opern-Produktionen. „Weil wir das nie gemacht haben, gibt es dafür auch kein Publikum.“ 

Von Sternstunden und nicht so netten Menschen

Für etwas anderes hingegen konnte er sich von Anfang an begeistern: Als erstmals zu Pfingsten die Zelte auf dem Giller aufgeschlagen wurden, saß der Gebrüder-Busch-Kreis bei der Programmplanung mit am Hebel; den damaligen Kulturdezernenten Wolfgang Suttner kannte Kriems sogar noch aus gemeinsamen Zivi-Zeiten. Nach und nach sei das dann in die Hände des Kultur!Büros übergegangen. KulturPur empfindet er inzwischen als ein wenig zu musiklastig, „ich erwarte da mehr Kabarett und Varieté“. 

Zu Hartmut Kriems großen Verdiensten zählt zweifellos die Etablierung der Kleinkunst in Hilchenbach (wenn einige Vorstellungen zunächst auch in Kreuztal über die Bühne gingen, bevor die Kindelsbergkommune ab 2007 auf Solopfaden wandelte). Nochmals etwas Schwärmerei: Eine „Sternstunde“ sei der Auftritt von Georg Schramm gewesen – Begeisterung, die auf Gegenseitigkeit beruht haben muss, war der Kabarettist doch gleich dreimal im nördlichen Siegerland zu Gast. „Ludwig Güttler mochte unsere Küche ganz besonders“, lacht Kriems, sich an seine Hilchenbacher Anfänge erinnernd. Dass er es versteht, die Leute – sprich: die Künstler – „ganz gut“ anzusprechen, hat sich über die Jahre bezahlt gemacht. 

So hat Kriems mit der gemeinhin als etwas sperrig geltenden Hannelore Hoger beim örtlichen Griechen diniert und schätzt sie sehr.  Mit Ellen Schwiers, die stets über die Garderobe zu schimpfen pflegte, telefoniert er regelmäßig und sagt „Du“. Hans Schwab war auch schon 12 bis 14 Mal da: „Das sind große Begegnungen.“ Über wenige große Momente schweigt der Geschäftsführer sich indes diskret aus. Da ist das höchste der Gefühle die Andeutung, Horst Tappert sei „kein netter Mensch“ gewesen. 

Beim Notenblättern sehr nervös

Ob „Derrick“ vielleicht einfach der Kuchen in der Garderobe nicht schmeckte? Es sind diese Kleinigkeiten, die viel ausmachen können, denn nach wie vor seien den Künstlern eine gute Unterbringung und gute Bedingungen wichtig, weiß Hartmut Kriems. Dazu zählen auch die Menschen hinter den Kulissen wie der Technische Leiter Marco Irle, „eine „sichere Bank in so einem Betrieb, jemand der sagt, das kriegen wir hin“. 

Denn Nervosität war über drei Jahrzehnte lang bei aller Routine Kriems leiser Begleiter, wenn es auf die Stunde X zu rückte, das gibt er unumwunden zu: „Man hofft, das alles gut klappt.“ Geht es zum Beispiel um Klavierkonzerte, kann ihn eines noch immer ganz kribbelig machen: „Ich bin beim Notenblättern sehr nervös“, gesteht er lachend. Was er nie erlebt hat: „Ausfall wegen schlechten Wetters oder ein liegen gebliebener Lkw.“ Und das muss sich auch bis zum 28. Februar, seinem offiziell letzten Arbeitstag, nicht ändern. Dann zieht er „ganz regulär mit fünfundsechzigeinhalb“ die grüne Tür im Steiler Weg zum letzten Mal hinter sich zu. 

Kultureller Marktplatz: Zweiter Saal bietet „immer eine Ausweichmöglichkeit“

Hartmut Kriems: „Wenn alle Bauvorhaben beim Kulturellen Marktplatz fertiggestellt sind, gibt es natürlich ein größeres Raumangebot.“ Jochen Manderbach, Inhaber des Viktoria-Kinos, der Gebrüder-Busch-Kreis sowie alle Veranstalter im nichtfilmischen Bereich haben für ihr Angebot augenblicklich nur eine Bühne im Gebrüder-Busch-Theater. „Wenn ein zweiter Saal errichtet ist, der ja nicht nur für Kinoveranstaltungen ausgelegt sein wird, kann der Gebrüder-Busch-Kreis mit kleineren Veranstaltungen wie Kleinkunst, Kabarett und Kammermusik auf diesen Raum zugreifen“, so Kriems. „Der Zugriff auf Veranstaltungstage am Wochenende wäre enorm verbessert, weil immer eine Ausweichmöglichkeit besteht.“ 

Der scheidende Geschäftsführer ist voller Vorfreude: „Es wird eine moderne, attraktive Gastronomie geben, die Foyers im Theater werden sehr viel größer, die Toilettenanlagen werden erweitert und modernisiert, man kann Material ohne Aufzug von der Bühne des großen Saals auf die Bühne des kleinen Saals verschieben.“ Die Anfahrt für Lkw zum Bühneneingang erfolge um das Haus herum von hinten und der Zugang zur Bühne sei dann ebenerdig. Beim Ent- und Beladen müsse also keine Treppe mehr überwunden werden. Der Hinterbühnenbereich für die Technik wird vergrößert und es kommen zwei neue Garderoben hinzu. „Im unteren Bereich des Theaters gibt es dann einen großen teilbaren Saal, der auch für die Konzertvorbereitung des Orchesters genutzt werden kann und soll. Das sind schon eine Menge Pluspunkte“, so  Kriems.

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