Mit den Augen hören

Gehörloser Pfarrer aus dem AK-Kreis erzählt die Weihnachtsgeschichte mit den Händen

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Pfarrer Detlef Kogge erzählt die Weihnachtsgeschichte mit den Händen - in Gebärdensprache.

Kreis Altenkirchen. Wie kann man die „Stille Nacht“ hören, wenn man nichts hört?  „Hören kann man nicht nur mit den Ohren, hören kann man auch mit den Augen“, stellt Pfarrer Detlef Kogge klar. Mit dem „Nicht-Hören-Können und trotzdem Verstehen“ kennt sich der evangelische Theologe gut aus! Er ist „Gehörlosen-Seelsorger“. Seit 16 Jahren betreut er die gehörlosen Menschen im Evangelischen Kirchenkreis Altenkirchen. 

Seine Arbeitsschwerpunkte und auch das Leben der gehörlosen Menschen haben sich in der Vergangenheit stark gewandelt. Gerade im Vorfeld von Weihnachten hatte er innerhalb seiner Gehörlosen-Gemeinde eine „Zäsur“ der besonderen Art miterleben müssen: Der Gehörlosenverein „Westerwaldperle“ , in dem sich Mitglieder aus dem Kreis Altenkirchen zusammengeschlossen hatten, hat sich nach 42 Jahren regem Miteinanders aufgelöst. Auch für Karlheinz Hundhausen aus Wissen, der 36 Jahre dem Verein vorstand, kein einfacher Schritt. „Traurig und ein bisschen heimatlos“ fühle man sich jetzt. Aber die zuletzt noch 14 Mitglieder sahen keine Zukunft mehr: es mangelt an engagierten Nachwuchskräften, die Interesse an dem traditionellen Vereins-Miteinander haben und die bewährten Strukturen fortsetzen wollen.

„Die Gehörlosen-Vereine, in denen Gehörlose einst eine Heimat fanden, weil nur hier barrierefreie Kommunikation möglich war, haben an Bedeutung eingebüßt, aber längst nicht gänzlich verloren“, schildert der 59-jährige Theologe, der vielfältigen Wandel wahrnimmt. „Das Leben für gehörlose Menschen hat sich enorm verändert und an manchen Stellen sehr verbessert“, merkt der Pfarrer in seiner vielfältigen Arbeit. „Aber es gibt – vor allem auch im Vergleich mit anderen Ländern - immer noch reichlich „Luft nach oben“. Es gibt immerhin weniger Stress um die Bezahlung der Einsätze von Gebärdendolmetschern, aber sie gehören noch nicht selbstverständlich dazu!“ 

Positiv und hilfreich sieht Kogge die technischen Errungenschaften: mussten gehörlose Menschen früher eingeschränkt mit Schreibtelefonen oder Faxgeräten agieren, sind sie heute dank Smartphone und Internet mittendrin in der allgemeinen Kommunikationswelt. „Barrierefreier ist es geworden“, resümiert er, „aber längst noch nicht barrierefrei, und es mangelt noch vielerorten an Verständnis für die besondere Situation gehörloser Menschen…“ 

Seine Gottesdienst-Gemeinde wird zu einer alternden und schrumpfenden Gemeinde. „Mobilität und Sehfähigkeiten lassen nach – wie bei vielen älteren Menschen; aber die Gehörlosen treffen diese zusätzlichen Einschränkungen besonders hart.“ Sie müssten weite Strecke für die Gottesdienste zurücklegen. Jüngere Menschen fänden sich kaum bei Versammlungen und Gottesdiensten ein. „Ein gesellschaftlicher Trend, der aber nur bedingt mit der Gehörlosigkeit zu tun hat!“ 

Immer wieder reagiert Kogge auf die Veränderungen. Musik - in einem „normalen“ Gottesdienst wichtiges Verkündigungselement - wird bei ihm durch optische Hinführungen, etwa PowerPoint-Präsentationen, ersetzt. In der Gottesdienstgemeinschaft der Gehörlosen gibt es auch kein starres „Hintereinander-Sitzen“, sondern Verbundenheit im direkten Augenkontakt. Statt „einer predigt, und viele hören zu“, tausche man sich direkt aus, frage, was einen bewegt und teile die christliche Botschaft so direkt miteinander. 

Detlef Kogge selbst beherrscht die Gebärdensprache (vor allem auch den hiesigen „Dialekt“) und kommuniziert mittels Mails, aber vor allem per WhatsApp-Nachrichten. Die Weihnachtsgeschichte kann er mit den Händen erzählen. „Mit den Händen wird eine „Theaterkulisse“ aufgebaut, in der sich die Weihnachtsgeschichte abspielt. „Die Hirten im Zentrum, die Engel mit dem großen Chor.“ Dann – so Kogge, wird „ran gezoomt“. Mittels Mimik wird klar, wie etwa der Hirte an der Krippe staunt ob des Erlebten. „Wenn man das so ‚spielt‘, ist man mittendrin. Wie einst als Kind beim Krippenspiel“. Ganz nah dabei, und viel intensiver als beim Lesen der Texte, findet Kogge. „In solchen Zusammenkünften/Gottesdiensten ist es dann so still, wie sich manch Hörender die „stille Zeit“ wünscht.“ 

An Heiligabend/Weihnachten selbst gibt es keine speziellen Gottesdienste für gehörlose Menschen. Das Zusammenkommen ist bei den großen Entfernungen ein zu großer Aufwand. Gehört Detlef Kogge damit zu den seltenen Exemplaren von Pfarrern, die in der „Arbeitshochphase“ des Jahres frei haben? „Als Gehörlosen-Seelsorger habe ich an Weihnachten tatsächlich dienstfrei“, schmunzelt er. Aber seit einigen Jahren weiß er sich an anderer Stelle gut im Einsatz: Er ist über die Feiertage, die manchmal auch so reich an schmerzlichen Momenten sind, als Notfallseelsorger im Einsatz. Damit entlastet er die Gemeindepfarrer, die zeitlich gar nicht flexibel sein können, und steht denjenigen Menschen bei, denen in ihrer Not der Blick auf die Krippe versperrt ist. 

Für den Seelsorger selbst ist sowieso der Advent die „berührende Zeit“: „Was dabei für mich immer im Mittelpunkt steht, ist der Adventskalender. Jeden Morgen ist es für mich wichtig, mit einer kleinen Adventsgeschichte, einem speziellen Bild, einem Gedicht oder einem Text - über den man ein wenig nachdenkt - zu beginnen. Das erwärmt mir oft das Herz für den ganzen Tag, manchmal gebe ich auch etwas in einer Andacht weiter. Deshalb gibt es immer zwei Kalender, einen für zuhause und einen für den Büroflur unserer Integrationsfirma InForma“, erzählt er.

Für den gehörlosen Karlheinz Hundhausen und einen Bekannten, der in seiner Hörfähigkeit stark eingeschränkt ist, ist die Weihnachtszeit schon lange keine „stille Zeit“ mehr. Das geschäftige Treiben, der immer stärkere „Konsumterror“ mit seinen permanenten Verführungen, zerstöre für sie die Vorweihnachtsidylle immens. Nichtdestotrotz lieben sie als Gehörlose und damit als „Augenmenschen“ bestimmte Weihnachtsmärkte. Eine Gelegenheit, sich als Gehörlose in der Vorweihnachtszeit gemeinsam – und mit „hörenden Angehörigen“ – einzustimmen auf das besondere Fest. 

Gerne erinnern sie sich – wie viele Menschen – an die Besonderheit der „kindlichen Weihnacht“: das spannungsgeladene Warten auf die Bescherung, der schön geschmückte Baum und die Freude an den kleinen und großen Geschenken. Dass sie als Gehörlose Weihnachten dennoch anders erleben als hörende Menschen, beantworten beide mit einem eindeutigen „Ja“. Vor allem das Leben mit einer „hörenden Familie“ bedeutet anstrengende Anpassung und fordert heraus. Etwa beim Kirchgang in einen „normalen Weihnachtsgottesdienst“. „Übertragungsleitungen“, die technisch beim „Hören“ helfen könnten, fehlten vielfach in den Kirchen, seien falsch eingestellt oder die zur Technik „passenden Sitzplätze“ an einem solchen Feiertag anderweitig blockiert. Anhand von Gestik und Mimik können sie als „Augenmenschen“ nur teilweise das einfangen, was die Hörenden besonders an weihnachtlichen Ritualen, etwa beim gemeinsamen Gesang, schätzen. So bedeutet „Weihnachten“ für die beiden Gehörlosen, immer wieder Aufmerksamkeit, Konzentration und Kraft einzusetzen. Ziemlich weit weg von „entspannten Feiertagen“. 

Muss man eigentlich hören können, um die Weihnachtsbotschaft mit ihrem vielen „Reden“ zu empfangen? Bei dieser Fragestellung ist sich Karlheinz Hundhausen einig mit Gehörlosen-Seelsorger Kogge: „Die Weihnachtsgeschichte muss so nahegebracht werden, dass sie das Herz erreicht!“ Ob dies über das Ohr oder das Auge geschehe, sei letztlich nicht entscheidend.

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