Bertas großes Abenteuer

7500 Kilometer in 16 Tagen in einem Opel Zafira: Zwei Siegerländer nehmen an der Baltic Sea Circle-Rallye teil 

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Eray Günes (l.), Tobias Kysel und „Berta“ waren zu Besuch beim Kurier.

Dahlbruch/Kreuztal. Als „Berta“ irgendwann im Jahr 1999 vom Band rollt, da ist ihr das typische Leben einer Familienkutsche vorherbestimmt. Dass sie 20 Jahre später mit sage und schreibe 243.000 Kilometern auf dem Tacho nochmal ins ganz, ganz große Abenteuer aufbrechen würde, das hätte sie bestimmt nicht gedacht.

Zu verdanken hat „Berta“, der behäbige Opel Zafira, ihr zweites Leben Tobias Kysel und Eray Günes. Gemeinsam mit ihr wollen die beiden durch neun Länder reisen und das gegen die tickende Uhr: 16 Tage Zeit haben sie, nachdem sie am 15. Juni gemeinsam mit 279 anderen Teams vom Hamburger Fischmarkt aus aufgebrochen sind. Der Startschuss zum Baltic Sea Circle ist der Startschuss zu einer Fahrt 7500 Kilometer durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen. 500 Kilometer am Tag, „und das ohne Autobahn!“ 

„Wir sind keine Schrauber“

Nebenbei bemerkt: Keiner der Beiden hat einschlägige Erfahrung, sieht man einmal davon ab, dass Günes als Optikermeister zwar hin und wieder Werkzeug in die Hand nimmt, aber eben eher feinmechanischer Natur. „Wir müssen offen kommunizieren, dass wir keine Schrauber sind!“, lacht er, dreimal auf den Tisch klopfend: Toitoitoi, dass alles gut geht. Tobias Kysel arbeitet als Erzieher. Da hat er, wie er berichtet, zwar viel über den Umgang mit Stresssituationen gelernt, „aber wenn der Kühler raucht, wird es schwierig“. Mit einem Do-it-yourself-Buch an Bord und quasi grenzenlosem Vertrauen in „Berta“ zum einen, zum anderen in den Kfz-Mechaniker, der die Opel-Dame für den großen Trip vorbereitet hat, brechen sie auf. 

Inzwischen ist „Berta“ auch beklebt - wie sich das für ein richtiges Rallye-Fahrzeug gehört. 

Der 30-jährige Kysel lebt in Dahlbruch, der ein Jahr jüngere Günes stammt aus Kreuztal, wohnt in Gießen. Die beiden kennen sich seit ihrer Schulzeit. Dass die Teilnahme am Baltic Sea Circle auch eine Herausforderung für ihre Freundschaft werden könnte, ist ihnen bewusst. Gemeinsam waren sie noch nie unterwegs, geschweige denn auf solch einer Tour. Tobias Kysel leckte Blut bei einem Neuseeland-Trip: „Man lernt beim Reisen ganz viel über sich selbst“, bestätigt er, was gemeinhin gern gesagt wird. Und Eray Günes ließ sich anstecken. „Ich muss raus aus der Bubble“, nickt er entschieden, „denn ich mag es bequem!“ 

Wieso heißt „Berta“ Berta? 

Das mit dem Komfort wird er unterwegs erstmal abhaken können. Zwar wird „Berta“ hinten umgerüstet, aber auch der fähigste Konstrukteur macht aus einem Familienvan eben kein Vier-Sterne-Hotel. Übrigens, wieso eigentlich „Berta“? Eray Günes grinst: Benannt ist sie nach der Haushälterin in „Two and a Half Men“ – „sie ist mürrisch, hat ihren eigenen Kopf und will immer mehr Geld“ . Ihre Rückbank kommt raus, dafür eine spezielle Konstruktion rein, die obenauf Platz für die Matratze und unten Stauraum bietet, alles wird mit Campingausrüstung aufgefüllt. Dazu eine Box aufs Dach. Ein Zelt haben die beiden Piloten der 57RacingCrew zwar auch an Bord, aber stellenweise wird mit Bären zu rechnen sein – da rückt man dann doch lieber im Auto etwas zusammen. 

Fragen über Fragen: Wie viel Gas muss mit, wie viel Wasser, wie viele Teller bekommt man an Bord unter und was kann man kochen, wenn man nicht zwei Wochen bloß von Dosenravioli leben will? Was die Routenplanung angeht, so sind die beiden relativ entspannt. Es gibt „punktuelle“ Destinationen, die erste große: die Lofoten. „Das Nordkap ist ein hochinteressantes Reiseziel“, schwärmt Tobias Kysel jetzt schon, „auch Finnland finde ich total toll!“ Zudem hoffen die Männer auf Spaß und gute Begegnungen. 

Einige ihrer künftigen Mitstreiter haben sie schon kennengelernt, bei einer Fahrzeugtaufe. „Die sind genauso verrückt wir wir.“ Das Miteinander ist trotz Wettbewerb groß. Denn es geht beim Baltic Sea Circle nicht so sehr ums Gewinnen, jedenfalls den beiden Siegerländern nicht. Neben der Navigation – nur Karte erlaubt! – werden die beiden weitere Herausforderungen zu meistern haben. Schließlich gehört es zum Wesen einer Rallye, bestimmte Aufgaben absolvieren zu müssen. So wird unterwegs irgendwo eine Ziege zu besorgen und für ein Stück im Auto mitzunehmen sein, was aber nichts ist gegen die wahre Herkulesaufgabe, für einen Kilometer eine Dose vergorenen Fisch transportieren zu müssen – geöffnet, versteht sich. 

Ein bisschen auch also, aber für den guten Zweck: Es ist Brauch beim Baltic Sea Circle, dass für eine karitative Sache gesammelt wird. Kysel und Günes haben sich für das Kinderhospiz Balthasar in Olpe entschieden. Der Erzieher im Duo kennt die Einrichtung aus seiner Ausbildungszeit, sie hat ihn nachhaltig beeindruckt. Und: „Wir wollten den lokalen Bezug haben.“ 

Mindestens 700 Euro fließen in den Tank 

Für ihre eigenen Unkosten, also Startgeld, den Umbau des Autos, Versicherung und so weiter, kommen sie selbst auf. Allein in den Tank werden mindestens 700 Euro fließen, konservativ geschätzt. Tobias Kysel weiß: „Andere würden von dem Geld eine gute Reise machen.“ Andere haben vielleicht aber auch nur einfach eine andere Vorstellung von einer „guten Reise“. Eray Günes und Tobias Kysel, die Freunde aus Jugendtagen, verbinden damit Freude, Abenteuer und persönliches inneres Wachstum, einen Ausbruch aus dem Alltag und ja, auch einen Jetzt-oder-nie-Moment: „Man muss es einfach machen!“ Wie sie da so am Kurier-Konferenztisch sitzen, wirken sie wie die Gelassenheit in Person. Ein bisschen täuscht das aber: „So bald wir aus Hamburg raus sind, fällt eine Last ab“, lächelt Tobias Kysel. „Wir wollen nicht Erste werden. Erstmal ankommen, am besten in einem Stück. Am besten mit Berta.“

„Berta“ folgen und spenden

  • Die 57RacingCrew benötigt mindestens 750 Euro für das Kinderhospiz Balthasar. 
  • Wer spenden möchte, kann das unter betterplace.org tun. Vier größere Sponsoren sind bereits eingestiegen. 
  • Die 57RacingCrew hält ihre Fans auf Facebook und Instagram auf dem Laufenden und hat einen Podcast. 
  • Wer der Route der Beiden folgen will, kann das über die Travel-Tracker-App FindPenguins tun. 
  • Einen Link dazu und weitere Informationen gibt es auf https://balticrally.superlative-adventure.com/.

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