Drei Aktionstage rund um die 50er & 60er Jahre

Heimatmuseum Ferndorf zeigt Radio-, Telefon und Fahrzeugtechnik aus der Zeit, als die Stadt Kreuztal noch in den Kinderschuhen steckte

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Dieter Wörster, Klaus Treude, Andreas Schaffer und Eckhardt Dippel (v.l.) nehmen fürs Foto Platz in einer für die 50er- und 60er-Jahre-typischen Sitzecke.

Ferndorf. Nichts fehlt. Die Cocktailpicker nicht und „Elsa“ auch nicht, Frauenfachzeitschrift für Handarbeit und Wäsche. Nicht der Fleischwolf im originalgetreuen Küchenschrank und nicht der frühe Philishave im edlen Etui, nicht die kleinen Sessel auf ihren kurzen Holzbeinen und nicht der Nierentisch im Miniformat. Nicht die klingende „Hutschachtel“ und auch nicht diese Lampe, bei deren Anblick Design-Liebhabern ganz warm wird.

Aber Obacht: Die Aktionstage 50er & 60er Jahre im Heimatmuseum Ferndorf sind nicht von gestern. Vielmehr werden die Besucher auf eine Reise zurück in die Zukunft geschickt, denn schließlich hat die Technik von damals nicht nur die Jahre überdauert, sie lässt sich auch mit der von heute verbinden. Und mit aktuellen Beiträgen über Handynetz-, Radioübertragungs- und Kfz-Technik schlagen die Veranstalter eine Brücke ins Hier und Jetzt.

Am Samstag, 4. Mai (13 bis 18 Uhr), Sonntag, 5. Mai (11 bis 18 Uhr) und nochmal am Sonntag, 12. Mai (11 bis 18 Uhr; Programm am Ende des Artikels) dreht sich hier alles um Radio-, Telefon- und Fahrzeugtechnik der Wirtschaftswunderjahre – aber eben nicht nur. 

Andreas Schaffer demonstriert die Funktionsweise des Tefifon. Von ihm kam die Idee, mehrere Themenbereiche in den Aktionstagen zu kombinieren.

Diese froschgrüne Sitzbank da zum Beispiel verfügt über eine Federung, die auch das Jüngste Gericht überdauern wird. Sie ist nur eins von vielen Möbelstücken und Wohnaccessoires, die ihren Weg ins Heimatmuseum gefunden haben. Mit dem Kompressor sei man dem guten Stück erst mal zu Leibe gerückt, erzählt ein lachender Eckhardt Dippel, nachdem es gemeinsam mit noch weiteren „Schätzen“ in Fellinghausen geborgen wurde. Unter der Dreckschicht: geradlinige Schönheit, erstklassige Verarbeitung – 60er-Jahre eben. Natürlich kontrastieren die neuzeitlichen Einrichtungsgegenstände mit dem, was das Heimatmuseum sonst so zu bieten hat, aber es ist ein guter Kontrast.

Auch alles Original: So ähnlich könnte früher eine Küche ausgesehen haben.

Dippel und seine Mitstreiter Dieter Wörster, Andreas Schaffer und Klaus Treude haben viele Angebote gesichtet und die Sachen teilweise aufgearbeitet. „Ich bin stolz auf das Team. Ohne hätten wir es nicht geschafft!“, das ist Dippel wichtig. In diesem Jahr wird bekanntlich das Jubiläum „50 Jahre Stadt Kreuztal“ gefeiert, und da lag es nahe, einen kleinen Querschnitt dessen zu präsentieren, wie es hier aussah zu jener Zeit. Die Idee, mehrere Themenbereiche miteinander zu kombinieren, kam von Andreas Schaffer.

Die Besucher erwartet an allen drei Tagen eine kleine Oldtimer-Ausstellung am Museum, unter anderem mit Fahrzeugen der Familie Heinemann aus Kreuztal und allem, was da sonst noch so den Weg findet, ganz nach dem Motto „Schick und schnell ins Wirtschaftswunder“. Dazu ein paar Motorräder, eines gleich von nebenan, vom Lebensmittelgeschäft Stenger. Dieser Veranstaltungsteil steht und fällt allerdings mit dem Wetter, schließlich sind die meisten der edlen Bleche doch eher wasserscheu. 

Fahrzeuge sind auch ein Thema der 50er-Jahre-Bilderschau, die Dieter Wörster aus seinem Privatfundus zusammengestellt hat. Momentaufnahmen von Straßen, Einfahrten, Hinterhöfen und Blicke in Wohnstuben vermitteln einen Eindruck dessen, wie es damals zuging. „Da gab es noch keinen Diagnosecomputer!“, lächelt Wörster, auf eine Aufnahme deutend, die in der Werkstatt des Autohauses Bernshausen in Ferndorf entstand. Man(n) war stolz auf seinen knuffigen Fiat 500, und wer sich's leisten konnte, glitt wie Adenauer im Mercedes180 über den Asphalt. Das dürften die wenigsten gewesen sein, kostete das majestätische Gefährt doch astronomische 9400 DM. 

Dieter Wörster steuert zahlreiche zeitgenössische Fotografien bei. 

Übrigens zahlten unsere (Groß-)Eltern früher in klingender Münze, um in die Röhre zu schauen, auch dafür liefert ein Foto den Beweis: Das „geleaste“ TV-Gerät war an einen Apparat angeschlossen, der pro TV-Stunde eine Mark schluckte, vielleicht auch zwei. Regelmäßig kam der Verkäufer, leerte den Automaten und bekam auf diese Weise sein Geld. War das Guthaben aufgebraucht, blieb der Bildschirm grisselig. Bingewatching war definitiv kein Phänomen der damaligen Ära.

Von den zahlreichen Radiogeräten, die die Entwicklung dieser Technik von deren Anfangszeit bis in die 70er-Jahre abbilden, hat nicht wenige Sammler Reinhard Flöper aus Heinsberg leihweise beigesteuert. High- End-Technik in edlen Holzgehäusen, Designerstücke, Statussymbole. Das Loewe Komet war seinerzeit für 329 Mark zu haben - „das war ein Monatslohn!“, unterstreicht Klaus Treude. Er ist besonders stolz darauf, dass die ausgestellten Geräte auch wirklich funktionieren, von denen im Untergeschoss bis zu denen hoch oben unterm Dach. 

Klaus Treude mit der kleinen Wählanlage für sechs Telefone. Sie ist funktionstüchtig - was auch sonst. 

„Mit Konzertklang!“, freut sich Treude diebisch und dreht bei einem von ihm selbst restaurierten Gerät ordentlich auf. Tatsache: Noch im Untergeschoss klirrt leise das Porzellan in den Vitrinen. Daneben der Grundig RTV 650 läuft seit 50 Jahren, ohne auch nur einmal repariert worden zu sein. Qualität hatte eben ihren Preis, in dem Fall 1300 DM. Seltenheitswert dürfte inzwischen das Tefifon haben, der Vorläufer des späteren Kassettenrekorders (heute selbst ein Dinosaurier): An das Radio angeschlossen wurde – trallalalala - die heile Welt in Noten in die Stuben gespült. Und dann ist da ja noch die kleine Wählanlage für sechs Telefone. Mehrere  wuchtige Wählscheibenapparate hier im Heimatmuseum sind miteinander verkabelt, und Klaus Treude freut sich schon sehr darauf, das Gerät zu demonstrieren.

Die Technik mag über die Jahrzehnte kompakter geworden sein, am Nutzerverhalten hat sich nicht viel geändert. Damals nahmen Jugendliche die „Philips Hutschachtel“ mit, wenn sie ungestört feiern wollten, einen tragbaren Plattenspieler mit Lautsprecher im Deckel, heute ist es halt das Smartphone. Apropos: Es lohnt sich, das bei den Aktionstagen dabei zu haben, denn es kann mit den alten Geräten kommunizieren.

Jetzt noch rasch ein Foto der vier glänzend aufgelegten Herren, mit ein, zwei Accessoires bitteschön. Und obwohl außer Frage steht, dass auch die Leute in den 50ern schon gern ein Feierabendbier genossen haben, möchte keiner so recht mit der leeren Bügelflasche für die Kamera posieren - wie sieht das denn aus. Gut, nehmen wir stattdessen also eine Schallplatte und „Elsa“. Kein Problem: Schließlich ist bei aller Liebe zur Nostalgie doch inzwischen 2019. Und da kann Mann sich auch ganz unbelächelt mit einem Handarbeitsmagazin  abbilden lassen. 

Das Programm an drei Tagen

  • Am Samstag, 4. Mai, werden Radios im UKW- und Mittelwellenbetrieb vorgeführt (13 Uhr), außerdem sind Kfz-Oldtimer zu besichtigen. Der Tanzclub Casino lässt die Petticoats fliegen (14 Uhr), die Amateurfunkgruppe der Uni Siegen informiert um 15 Uhr über „UKW-DAB+ Was erwartet uns“ (ebenso am 5. Mai, dann geht es um 13 Uhr um die Betriebssicherheit der heutigen Telefonie ) und die Oldtimerfreunde Kreuztal informieren über die Instandsetzung eines VW-Käfers (15.30 Uhr). Dazu gibt es Fachgespräche über die ausgestellte Technik.
  • Am Sonntag, 5. Mai, werden ab 11 Uhr Würstchen und Getränke serviert, um 14 Uhr kommt die Theatergruppe Dielfen, Kaffee und Kuchen ab 15 Uhr. 
  • Das Programm am Sonntag, 12. Mai,ähnelt im Wesentlichem dem vom 5. Mai. Zusätzlich zeigt das Museum an diesem Tag mithilfe der örtlichen Radiogeschäfte Tonbandgeräte in Aktion.

Mit dabei sein wird auch Helmut Mahnert, der Jahrzehnte lang als Fernsehtechniker Ansprechpartner für die Ferndorfer war.

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