Die neue Projektkoordinatorin heißt Tanja Bingener 

Kreuztal startet Offensive für Menschen mit geringen Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen

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Kreuztal. Tatsache ist: Dieser Text wird einen Teil derjenigen, die er betrifft, nicht oder auf Umwegen erreichen: In Kreuztal startet eine Offensive für Menschen mit geringen Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen. Dafür werden für den Zeitraum von zunächst einem Jahr Fördermittel in Höhe von 15.000 Euro bereitgestellt. Und mit Tanja Bingener bekommt das Projekt auch ein Gesicht.

Die Diplom-Pädagogin und Lehrerin ist seit Ende April als Projektkoordinatorin Teil des Teams im Stadtteilbüro/Mehrgenerationenhaus. Vormittags gibt sie in der Kreuztaler Zweigstelle der Kreis-VHS verschiedene Deutschkurse, darunter auch Alphabetisierung für Ausländer. Nachmittags widmet sie sich ihrer neuen Aufgabe im Stadtteilbüro, „eine tolle Herausforderung“, wie sie sagt. Tanja Bingener studierte in Weissrussland, ihrer Heimat, Deutsch als Fremdsprache. Vor sieben Jahren kam sie hierher. „Ich habe hier schon tolle Erfahrungen beim Unterrichten gesammelt“, erzählt sie bei einem kleinen Pressegespräch. 

Uwe Montanus, Tanja Bingener und Edelgard Blümel (v.l.) stellten die Offensive für Menschen mit geringen Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen vor.

Ihre Schüler vergleicht sie mit „Pflänzchen“ – und die benötigten vor allem viel Sonnenlicht, um zu Blumen zu werden. „Das Wichtigste für uns ist es, die Menschen zu erreichen“, unterstreicht Bingener. Scham, nicht selten auf dem Unverständnis sogar aus dem engsten Umfeld und der Angst davor begründet, hält viele davon ab, sich mit ihrer „geringen Literarität“ Hilfe zu suchen. Geringe Literarität? „Funktionale Analphabeten, das klingt wie eine Diagnose!“ 

Zunächst einmal soll nun Öffentlichkeit hergestellt werden durch eine Beteiligung an der bundesweiten Kampagne „Besser lesen und schreiben“. Tanja Bingener möchte außerdem ein Netzwerk aufbauen und einen Runden Tisch etablieren, an dem Betroffene ebenso Platz nehmen sollen wie Helfende und Kooperationspartner. Uwe Montanus, bei der Stadt Kreuztal unter anderem leitender Ansprechpartner für Stadtteilmanagement: „Entscheidend ist, dass wir vor Ort diejenigen erreichen, die mit diesen Menschen zu tun haben!“ 

Unbürokratische Sprechstunde 

Von mittwochs bis freitags, 12 bis 16 Uhr, gibt es zudem eine anonyme Sprechstunde mit Tanja Bingener im Stadtteilbüro & Mehrgenerationenhaus. Dies werde keine bürokratische Beratungssituation, stellt sie klar. Viel mehr geht es darum, erst einmal Vertrauen zu schaffen – bei einem Spaziergang vielleicht oder einem Stück Kuchen. Ergänzt werden soll dies durch ein Lern- und Lesecafé im Mehrgenerationenhaus (Bingener: „Das wird kein normaler Deutschkurs, das wird ein Café mit lernen – falls du möchtest“) und eine betreute Medienecke als Selbstlernzentrum in der Stadtbibliothek. Alle diese Angebote sind kostenlos. Mitmachen können Ausländer ebenso wie Einheimische, Voraussetzung ist allerdings die Beherrschung der deutschen Sprache. 

6,2 Millionen Erwachsene deutschlandweit betroffen

6,2 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren können in Deutschland nicht richtig lesen, schreiben und rechnen, davon 1,5 Millionen in NRW – über 12 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mehr als die Hälfte davon hat Deutsch als Herkunftssprache. 50 Prozent aller Betroffenen sind Männer von 40 Jahren an aufwärts. Hieb- und stichfeste Zahlen, auch auf Kreuztal bezogen, gibt es aber nicht – die Dunkelziffer ist hoch, erneut das Stichwort Scham. Viele Betroffene tricksen sich durch den Alltag, immer auf der Hut, sich nach Außen hin keine Blöße zu geben. 

„Menschen, die in Lohn und Brot stehen, die das Schulsystem durchlaufen haben“, gibt Uwe Montanus zu bedenken, der bekennt, erst einmal „gestutzt“ zu haben, als er mit diesen Fakten konfrontiert wurde. Was nun die Förderung betrifft, die im Herbst bereits neu beantragt werden muss, so sagt Edelgard Blümel als zuständige Dezernentin: „Es ist ein Anfang.“ 

Auch sie richtet einen Appell an Familie und Freunde, die Betroffenen zu ermutigen und gegebenenfalls auch zu den neuen Kreuztaler Angeboten zu begleiten: „Man sollte wirklich keine Scham haben!“ 

Kontakt: Tanja Bingener, Tel. 02732 / 3790 oder t.bingener@kreuztal.de.

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