„Lkw-Fahrer sind oft die Ärmsten“

Unternehmen in der Pflicht? Fernfahrer-Zwangspausen verursachen Abfallproblem 

Uwe Zwang kommt aus dem Vogtland und muss, da er im Stau stand, bis zum nächsten Morgen warten, um abladen zu können. Er hat seinen eigenen Mülleimer an Bord. 

Buschhütten. Wenn am Samstag die Helfer losziehen, um unter dem Motto „Buschhütten putz(t)munter“ ihren Ort frühlingsfein zu machen, dann sollten sie genügend Müllsäcke dabeihaben.

Aufgerufen hat zur ersten Aktion dieser Art der örtliche CVJM. Vorsitzender Bernd Schöler, dessen ebenfalls im CVJM aktive Schwester Almut Winkler und Friedrich-Wilhelm Stahlschmidt luden im Vorfeld zu einem kleinen Spaziergang im Industriegebiet „Backeswiese“ ein, um auf eine besondere Problematik aufmerksam zu machen: In Buschhütten, wo sich (Industrie-)Unternehmen an Unternehmen reiht, sind naturgemäß viele Lkw unterwegs. 

Und nicht nur unterwegs: Kommen sie zu spät, weil ihnen etwa ein Stau einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, dann stehen sie vor verschlossenen Türen und müssen bis zum nächsten Tag warten, um ab- oder aufladen zu können. Natürlich müssen die zeitweilig gestrandeten Fahrerinnen und Fahrer essen und trinken, und am Wochenende wird auch mal der Grill aufgestellt. Was zurückbleibt, wenn sie weiterfahren dürfen, ist ihr Müll. Mitunter sogar in Tüten verpackt, nichtsdestotrotz aber in die Landschaft geworfen. 

Oft mehrere Tage am Stück Zwangspause

Hinten in der Backeswiese, direkt an den Gleisen, hat an diesem Abend Uwe Zwang aus dem Vogtland seinen Lkw abgestellt. Später wird er sich in die Schlafkabine zurückziehen, jetzt sitzt er erstmal mit einer Zigarette in der Hand hinterm Steuer. Auch er hatte Pech: Zu spät angekommen, muss er bis zum nächsten Morgen warten. Drei, viermal im Jahr passiere ihm das, erzählt er. Angesichts der Gläser, Wurstverpackungen und Dosen, die lose entlang der Gleise verstreut sind und hier augenscheinlich auch schon länger liegen, schüttelt er den Kopf: „Das muss doch nicht sein!“ Wie zum Beweis, dass er daran nicht beteiligt war, hält er einen Mülleimer aus dem Fenster seines Lkw. „Und wenn dann wieder die Ausländer kommen...“ 

Eindruck aus dem Alter Fuhrweg. 

„Die Ausländer“, damit sind dann wohl seine Kollegen überwiegend aus Osteuropa gemeint, Fahrer aus Estland, Lettland und der Ukraine. „Sie haben keine Chance, nach Hause zu kommen“, weiß Friedrich-Wilhelm Stahlschmidt. Wochenenden, Feiertage, Warten auf den Folgeauftrag – drei, vier Tage müssen sie mitunter hier ausharren. Manche wissen auch einfach nicht, wo sie hin sollen, denn Fakt ist: Die Raststätten an den Autobahnen sind überfüllt. 

„Diese Lkw-Fahrer sind in unseren Augen oft die Ärmsten“, so Stahlschmidt. „Da stehen sie vor der Firma und können nicht abladen – das will mir nicht in den Kopf.“ Aus seiner Sicht müssen die Unternehmen, die beliefert werden, hier mehr Verantwortung übernehmen. Und ja, dazu gehöre auch, den Fahrern die Möglichkeit zu geben, sich frisch zu machen. 

Einweggrill, Konservendosen, Schlaftabletten

Wir gehen weiter. Im zu dieser Jahreszeit noch lichten Gebüsch entlang des Alter Fuhrweg sind Wein- und Schnapsflaschen, teils abgebrochen, gut zu erkennen. Dazu gesellen sich Tüten voller Müll, Wasserkanister, rostige Konservendosen und Schraubgläser, ein Einweggrill, ein Tupperbehältnis, ein einzelner Schuh, eine halbvolle Flasche Mundwasser. Natürlich hängt nirgends ein Etikett daran, auf dem „Ich wurde von einem Lkw-Fahrer weggeworfen“ steht. Doch könnten die Wurstpackungen aus dem Discounter, Büchsen, in denen sich mal Corned-Beef befand und die leere Plastikflasche Balkanbier zumindest als Indiz dienen. 

Auch einige Packungen, in denen sich offenbar Schlaftabletten befanden, landeten im Gebüsch. 

Daneben: polnisch beschriftete, ebenfalls leere Pillenpackungen, in denen offenbar Schlaftabletten enthalten waren, wie das Wörterbuch verrät. Wer da noch an Fernfahrer-Romantik glaubt ... Ein Anwohner berichtet von bis zu sechs Lkw, die hier am Wochenende stünden. 

„Problematik wird auf die Allgemeinheit abgewälzt“

Der Mülleimer ein paar Meter weiter ist leer, andererseits wäre er wohl ohnehin auch zu klein. Friedrich-Wilhelm Stahlschmidt, heute nicht als CDU-Mitglied oder stellv. Bürgermeister hier, wie er sagt, sondern als Buschhüttener, ist unschlüssig: Ob größere Container hier etwas ausrichten könnten? „Dann lädt man die Leute ja erst recht ein“, überlegt er laut. 

Bernd Schöler sieht noch einen weiteren Aspekt: Von Fernfahrern aus Osteuropa mitgebrachte und weggeworfene Rohwurst-Brote könnten Wildschweine anlocken und so die Schweinepest übertragen. Mit diesem Termin vor dem Aufräum-Termin – bevor also der Müll in Säcken verschwindet – möchte er vor allem eines erreichen: „Dass irgendjemand sagt, so kann es nicht weitergehen.“ 

An die Stadt gewandt hat Schöler sich noch nicht. Auch er sieht in erster Linie die belieferten Unternehmen in der Pflicht, sich etwas zu überlegen. „Samstag räumen wir hier auf“, sagt er mit Blick auf „Buschhütten putz(t)munter“, um festzustellen: „Die Problematik wird auf die Allgemeinheit abgewälzt.“

„Buschhütten putz(t)munter“

Am Samstag, 23. März, sind alle eingeladen, sich an der Aktion „Saubere Landschaft“ zu beteiligen. Treffpunkt ist um 10 Uhr am Vereinshaus Bottenbacher Straße 4. Im Anschluss gemeinsames Mittagessen. Veranstalter ist der CVJM. 

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