Baustellenbegehung mit Heimleiter Stephan Berres 

Demenzzentrum Haus St. Anna in Netphen: Ab 1. Juli ziehen die ersten Bewohner ein 

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Pflegedienstleiterin Ann-Kathrin Müller, Heimleiter Stephan Berres und der Bauverantwortliche informierten über den Stand der Dinge im Haus St. Anna.

Netphen. Wer das Haus St. Anna betritt, der deponiert seine ganz persönliche Vorstellung von Normalität in einer Art Briefkasten am Eingang – „anders geht es nicht“, sagt Stephan Berres.

Der künftige Leiter dieser auf Menschen mit Demenz spezialisierten Einrichtung steht auf einem der breiten Flure und muss manchmal das Kreischen einer Flex übertönen, was seine offenkundige Begeisterung über das, was hier entsteht, aber nicht schmälert. Seit dem Richtfest ist an der Brauersdorfer Straße ein stattliches Gebäude gewachsen. Nach den Maler- und Fußbodenarbeiten ist der Garten an der Reihe. 7,5 Millionen Euro werden verbaut. Zu einem ersten Angehörigentreffen erschienen 80 Leute, zu einem zweiten hier auf der Baustelle sogar 100. „Das zeigt den Bedarf.“ 

Außenansicht des Hauses St. Anna. 

Es wird fünf Hausgemeinschaften geben, insgesamt stehen 60 vollstationäre Wohnplätze zur Verfügung. Alles dreht sich um die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz, denen gesellschaftliche Regeln nichts mehr sagen, die vielleicht anderen das Brötchen klauen und mit den Händen essen, die sich vielleicht nur noch an ihren Mädchennamen erinnern, die vielleicht um drei ins Bett gehen und deshalb nicht um sieben Uhr morgens aufstehen wollen. „Das kennen wir doch alle auch“, lächelt Stephan Berres. Doch weil ein Demenzerkrankter vergessen haben mag, wie man Respekt und Würde buchstabiert, heißt das nicht, dass sie für ihn nicht mehr gelten. 

Angehörige verleihen Zimmern letzten Schliff 

In den meisten Einrichtungen steht die für den geordneten Ablauf notwendige Tagesstruktur oft dem entgegen, was ein ein Demenzkranker für sich benötigt und beschließt. Auch ist Konfliktpotenzial im Zusammenleben mit orientierten Bewohnern vorprogrammiert. Eine offene Architektur, viele Fenster, zwei Innenhöfe und breite Türen sollen in St. Anna dem der Demenz eigenen Bewegungsdrang entgegenkommen. Details wie die roten Toilettendeckel und Haltegriffe, die Eingangstür zu den Zimmern in einer anderen Farbe als die zum Bad, beheizte Bänke in den Fluren, Wasserbett und mobile Kochstation erzählen von viel Überlegung, was die Einrichtung betrifft. Den persönlichen Schliff werden die Angehörigen den Zimmern verleihen. 

Blick aus der künftigen Loggia in den künftigen Garten. 

Alles steht und fällt jedoch mit dem Personal. Auch hier kann sich Stephan Berres, der bereits das Haus St. Elisabeth leitet, nicht über mangelndes Interesse beklagen. 90 Gespräche gab es schon, „25 Köpfe“ wurden eingestellt, darunter Pflegedienstleitung Ann-Kathrin Müller, ein „Eigengewächs“. „Wir haben nicht nur junge Leute eingestellt, sondern auch ältere“, unterstreicht Berres. Lebenserfahrung sei wichtig im Umgang mit Demenz. Weitere neue Kollegen sollen folgen, „so viele wie wie dürfen“. 

Diese Einrichtung mit einem Standard-Personalschlüssel, mit Standard-Arbeitszeiten zu betreiben, „das wird nichts“. Hier darf jeder essen, wann er möchte, und einem Demenzkranken könne man nicht sagen, es komme gleich jemand. Natürlich werde es „Grenzsituationen“ geben, weiß der Heimleiter, in denen alle Erfahrung und Vorbereitung nichts nutzen. Ein Stück weit erschließt die Marien Pflege als Betreiberin hier schließlich Neuland, gibt es doch bislang hier keine Einrichtung dieser Art. 

Die Flure sind extra breit. 

Und ja, eine solche ist teurer als eine ohne Schwerpunkt. Hier hofft Berres auf eine politische Lösung: „Die Finanzierung derzeit ist nicht zukunftsfähig, das weiß jeder.“ Trotzdem: „Wir bauen St. Anna in dieser Zeit, weil wir wissen, dass es notwendig ist.“

Der Zeitplan

6. Juni: Übergabe, dann Aufbau der Möbel, Dekoration 

16. Juni: Tag der offenen Tür 

30. Juni: Einweihung / Eröffnungsfeier 

ab 1. Juli: nach und nach ziehen die Bewohner ein

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