Zahlreiche Ex-Einwohner kamen zur Wiedersehensfeier 

Wegen des Talsperrenbaus: Vor 50 Jahren hieß es Abschied nehmen von Nauholz 

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Henner Höcker (Fuhrmanns), Hermann Niklaus (Nikelauses), Robert Schmidt (Heibels), Friedhelm Höcker (Fuhrmanns) und Franz Jaschke (Henneries) mit einer Fotografie von Nauholz, wie es früher aussah. Im Hintergrund das 1994 in der früheren Dorfmitte errichtete Ortsschild.  

Netphen. Zwölf Jahre alt war Henner Höcker, als eine Frau auf ihrem Fahrrad die Nachricht verkündete, die für ihn und 150 weitere Menschen nicht vieles, sondern alles ändern würde: „Mir mosse weg!“ rief sie, aufgebracht die Zeitung schwenkend. Keine „Ente“, keine „Fake News“, wie man heute sagen würde: Neben Obernau und halb Brauersdorf sollte nun auch Nauholz dem Bau der Trinkwassertalsperre weichen.

Zwar würde der kurz vor 1300 erstmals urkundlich erwähnte Ort nicht geflutet werden, die „Wassersicherheit“ aber mache seine Auflösung nötig, erklärten die Behörden den Bewohnern seinerzeit. 50 Jahre ist das jetzt her. Und während überall andere alte Orte ihre Geschichte mit Festkommersen feiern, bleibt den Nauholzern nur ein Ortsschild, dort, wo früher ihre Dorfmitte war. Die meisten von ihnen fanden ein neues Zuhause in der Umgebung.

Franz Jaschke (L.), Henner Höcker (M.) und Netphens Bürgermeister Paul Wagener. 

An diesem letzten Juni-Samstag treffen sie sich in ihrem Ort. Denn der ist durchaus noch da: in Köpfen, in Geschichten, in Erinnerungen und jetzt auch in laminierten Fotos, seinerzeit aufgenommen vom Wasserverband. Diese Bilder der 24 mit Brief und Siegel zerstörten Häuser stehen an den Stellen, an denen früher Menschen zu Hause waren. Franz Jaschke (Henneries), der Vorsitzende der Waldgenossenschaft Nauholz, hat zum Wiedersehensfest eingeladen, er freut sich über die große Resonanz. Älteste Teilnehmerin mit 85 Jahren ist Inge Holderberg, die weiteste Anreise hatte Willi Krämer (Weises) aus Jork. Drei Daubs hat es nach Kanada verschlagen, sie sind heute nicht dabei.

„Nach und nach“ seien zwischen 1965 und '68 die Häuser geräumt worden, erinnert Jaschke, „im Herbst 68 waren die letzten weg“. Neben dem Brauersdorfer Ortsbürgermeister Helmut Büdenbender, Wasserverbands-Chef Dirk Müller, Jagdpächter Christoph Bernshausen und Revierförster Christian Schwarz ist auch Bürgermeister Paul Wagener da. Er spricht davon, dass es seit dem Talsperrenbau zwar keine Wasserknappheit mehr gebe, dies aber eben mit dem Verlust der Heimat bezahlt werden musste.

145 Ex-Einwohner und deren Nachkommen hätten sich angemeldet, erzählt Henner Höcker. Ihn hatte es ins Ruhrgebiet verschlagen, nach Essen. Hier und heute ist der frühere Geschichtslehrer voll in seinem Element, und nicht nur, weil er ganz ungeniert nochmal Platt schwätze darf: Zu jedem Haus, von Äckerts bis Klose-Schniersch – Hausnamen bitte nicht zu verwechseln mit Nachnamen - kann Höcker etwas erzählen, und was er nicht weiß, das wissen die anderen. Viel Gelächter ist zu hören an diesem sonnigen Nachmittag an der Talsperre. Alle Nase lang tönt das drollige Hupsignal des historischen Busses durch die Bäume, in dem Friedhelm Höcker diejenigen chauffiert, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Das T-Shirt weist ihn als „Nauholzer-Jong“ aus, den Oldie stellte Klaus-Dieter Wern.

Die Resonanz auf die Einladung zum Wiedersehensfest war groß.

Keine Beklommenheit, keine Wut mehr? „Traurigkeit“, sagt Fritz-Hermann Klappert und lächelt: „Es ist ja 50 Jahre her.“ Er ist heute mit seinem Sohn Stefan da, der Nauholz nur noch aus Erzählungen kennt, genau wie wiederum dessen Sohn Janis. Doch nicht nur die drei identischen Hemden mit dem altem Hausnamen „Stöcke-Buhrsch“ vorne drauf schweißen das Trio an diesem Nachmittag zusammen: „Es ist schon ein Stück Heimat“, nickt Stefan. Das seien Sachen, die man sein Leben lang nicht vergesse, sagt sein Vater. Seinerzeit wurden die verkauften und aufgegebenen Häuser unter Feuerwehraufsicht niedergebrannt, die Familien und verbliebenen Nachbarn durften von einem Waldweg aus zusehen. Das, sagt Fritz-Hermann Klappert, seinerzeit ein junger Mann von 28, habe er nicht gekonnt. Die Lippen werden schmal. Es mag 50 Jahre her sein, ja, aber jetzt gerade fühlt es sich anders an.

Walter und Karl-Heinz Schäfer vorm Bild des Backes. 

„Wir beginnen, wo auch für mich das Drama begonnen hat: am Unterdorfbackes“. Henner Höcker führt die Gruppe auf eine große Lichtung. Hier fließt nach wie vor der Nauholzbach vorbei, der ein Großteil des Talsperrenwassers stellt. Trotzdem habe die den Namen des Nachbarortes bekommen, bemerkt Höcker am Rande. Gelächter. Vorm Backes-Foto stehen Walter und Karl-Heinz Schäfer (Bennersch). Walter, der ältere der beiden Brüder, kann sich sogar noch an das Wespennest im Gebälk des kleinen Gebäudes erinnern, an den warmen Abriss seines Elternhauses hingegen nicht: „Da musste ich zum Bund.“ Den Eltern der beiden gehörte das Lebensmittelgeschäft im Ort, von dem Henner Höcker sagt, dass es immer „ein Erlebnis“ gewesen sei. 

Henner Höcker am Bild seines Elternhauses, das am 10. Oktober 1968 dem Talsperrenbau weichen musste. 

Annie Roth, eine geborene Schäfer, fand mit der Familie ein neues Zuhause in Brauersdorf. Zunächst habe es sich dort wie Urlaub angefühlt, das weiß sie noch, und es sei auch gar keine Zeit gewesen, sich Gedanken zu machen: Der Laden musste wieder eröffnet werden. Das Leben ging weiter. Joachim Niklaus, der mit seiner Frau Waltraud hergekommen ist, hat damals zum zweiten Mal seine Heimat verloren: Mit seiner Mutter war er aus Schlesien nach Nauholz gekommen, kam zunächst bei Friedhelm Höcker unter. Ein eigenes Heim musste er nicht brennen sehen, denn das gab es noch nicht: „Wir hatten angefangen zu bauen.“

Bennersch: Immer ein Erlebnis sei der Lebensmittelladen gewesen, hieß es beim Fest. 

Henner Höcker erzählt: vom Dresch-Schuppen, „dem Epizentrum des Tales“ („Hier war man aufeinander angewiesen: Man musste sich einigen – Getreide hieß: Man hatte ausgesorgt“). Er berichtet vom Jägerheim, „eine ganz berühmte Gaststätte“ - hier bekamen die Nauholzer nicht selten auch Siegener „Prominenz“ zu sehen beim Verblasen nach der Jagd. „Und wer das Bier etwas billiger haben wollte, der ging nach Gräwenersch“. Sein Elternhaus – Fuhrmanns – war eines der letzten Gebäude, die zerstört wurden: „Am 10. Oktober 1968“. Da stehen noch zwei prächtige Haus-Eschen, genau wie ein paar alte Obstbäume letzte Zeugen. Zehn Quadratkilometer maß die Gemarkung Nauholz, „bis hinauf nach Benfe“. Wo heute schon fast der Wald beginnt, wich das jüngste der Gebäude, in dem Alma, Gert, Hermann, Manfred und Hannelore Niklaus ihr Zuhause hatten.

Später trifft sich Nauholz am Lagerschuppen „Hinter der Höh“, zum Weiterfeiern, zum Weitererzählen. Eine bewegende Veranstaltung, resümiert Henner Höcker. Während des Rundgangs erinnerte sich Karl-Heinz Schäfer an das Dorf als „ein schönes Eckelchen“. Ein Bild von einer Heimat. 24 Bilder von einer Heimat. Die ist immer noch da.

Anm.d.Red.: In einer vorherigen Fassung war vom „letzten Juni-Sonntag“ die Rede. Wir haben dies berichtigt. 

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