Schusterschlacht von Netphen: Heimatverein auf der Zielgeraden

„Die Äxte lassen wir weg“

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Die Kostüme sitzen: Schüler der Sekundarschule Netphen spielen die Schusterschlacht nach.

Netphen. Bernd Kühn bereitet eine Schlacht vor. Der Vorsitzende des Heimatvereins Netpherland sitzt in Wickels Hus am Markt inmitten von Kartons und Dosen und Packungen mit Küchen- und Klopapier und Kostümen. Im Kühlschrank stapelt sich das Fleisch in jeder Schublade.

Da draußen vor der Tür spielte sich 1584 das ab, was Kühn heute ein „Alleinstellungsmerkmal vorn Netphen“ nennt, was seinerzeit aber nichts anderes war als eine ordentliche Keilerei: die Schusterschlacht von Netphen. Siegener Schuhmachern und Gerbern war das damals noch illegale sonntägliche Verkaufstreiben unterhalb der Martinikirche ein dicker Dorn im Auge; dem Argument „ohne Stadtrecht kein Markt“ verliehen sie eines Tages mit Stöcken und Äxten ordentlich Nachdruck. Wäre Pfarrer Leonhard Lamb nicht eingeschritten, wer weiß … Vom 8. bis 10. September möchte der Heimatverein, unterstützt von vielen weiteren Vereinen und Helfern aus dem Stadtgebiet, daran erinnern (siehe Kasten). 22 Schüler der Sekundarschule Netphen werden die Schusterschlacht nachspielen, und ohne zu viel verraten zu wollen, meint Bernd Kühn: „Das hat Hand und Fuß.“ 

Bernd Kühn mit Eintrittsbecher, an einem der mittelalterlich anmutenden Verkaufsstände lehnend.

Das Drehbuch schrieb Pastor Lothar Schulte nach Vorgaben des Heimatvereins, der sich bei der ganzen Geschichte generell um so viel Echtheit wie möglich bemüht. Immerhin: „Die Äxte lassen wir weg“, grinst Kühn, der stolz ist auf seine Mitstreiter: Allein von den 200 Mitgliedern des Heimatvereins werden an diesem Wochenende 120 auf den Beinen sein, „da träumt jeder Verein von“. 60 Kittel haben die fleißigen Näherinnen des Vereins gefertigt, zusätzlich zu den Verkleidungen für die jungen Darsteller, einige wurden noch hinzugekauft. Aber Echtheit hin oder her, „keine komplizierten Kostüme am Grill!“, und unter den Gewändern werden die Helferfüße in Turnschuhen stecken, alles andere wäre auf dem huckeligen Pflaster kein Spaß. 

Zwölf Mittelalterstände haben die Baumeister des Heimatvereins selbst gezimmert, hinzu kommen die ebenfalls handgemachten Weihnachtsmarkthütten. Jetzt, kurz vorm Fest, fügt sich, obschon noch vieles zu tun ist, eins zum andern. Doch dem gingen intensive Planungen voraus, seit Bernd Kühn beim Wälzen alter Unterlagen auf die Schusterschlacht stieß und befand, dass dieses Lokalkolorit aus dem Dornröschenschlaf geholt gehöre. 2015 ließ der Verein diesbezüglich die Katze aus dem Sack, denn das Programm stand von Anfang an mehr oder weniger fest. Seitdem gab es etwa 30 Sitzungen in zwei Jahren, „im kleinen Kreis, im großen Kreis“, so Bernd Kühn, nicht zu vergessen wichtige Aufgaben wie Probekochen und -essen. 

Rund um die Schusterschlacht wird sich an allen drei Festtagen, diesmal ganz legal, mittelalterliches Markttreiben abspielen. „Kein Lager“, stellt Kühn klar. Es wird viel geboten: hiesige Handwerkskunst („Wir haben versucht, die Leute so weit als möglich aus Netphen zu kriegen“) und handfeste Küche („Es gab damals keine Kartoffeln, also gibt es auch keine Pommes“). Der Verein ließ 25 Wildsauen schießen und „die Wurst kommt nicht von der Stange“. Dazu Musik und am Sonntagmorgen eine Luthermesse, zudem, weil auch noch Tag des offenen Denkmals ist, Kirchführungen. 

Bernd Kühn hofft auf etwa 4000 Besucher, die wären, vorausgesetzt, Petrus spielt mit, gleichbedeutend mit einer schwarzen Null: „Das Wetter habe ich eingefroren“, lacht er und deutet in den blitzeblauen Himmel. Die Besucher essen von Palmblattgeschirr, die Eintrittskarte ist ein Becher zu 3 Euro für alle drei Tage, gezahlt wird mit Netpher Talern in Bronze, Silber und Gold, von denen der Verein 25.000 Stück orderte. Die Preise für die Speisen sind das, was man familienfreundlich nennt. Die Schlacht alle drei oder vier Jahre nachzustellen, das kann Kühn sich gut vorstellen, und er denkt noch weiter: „Das sollte man touristisch mal ausschlachten.“ 

Weil inzwischen alle gut im Thema sind, könnte sich darüber hinaus im Heimatverein eine Mittelaltertruppe etablieren, „das ist das Bestreben“. Doch erst einmal gilt es, diese Schusterschlacht erfolgreich zu bestreiten. Anders als anno 1584 würden sich die Netphener über Besuch aus Siegen diesmal durchaus freuen, wenn man dort auch, in alter Tradition quasi, mit ihnen um die Besucher konkurriert: Die Krönchenstadt feiert an diesem Wochenende ihr Altstadtfest. Doch immerhin wird es diesmal aller Voraussicht nach keine Keilerei geben.

Das Mittelalter live erleben

  • Freitag, 8. September: Eröffnung: 11 Uhr mit Fassanstich durch Schirmherr Ulf Stötzel und Bürgermeister Paul Wagener; anböllern mit den „Netpher Böllerschützen“; Live-Musik mit „Windwood“ und Buntes Markttreiben. 
  • Samstag, 9.September: Beginn: 11 Uhr; Buntes Markttreiben; 15 und 18 Uhr: Straßentheater „Die Schusterschlacht von Netphen“ der Sekundarschule Netphen.; Live-Musik mit „Windwood“. 
  • Sonntag, 10 September: Beginn: 10 Uhr mit der Luthermesse auf dem Marktplatz; ab 11 Uhr: Live-Musik mit „Windwood“; Buntes Marktreiben; 16 Uhr: Straßentheater „Die Schusterschlecht von Netphen“ der Sekundarschule Netphen; 20 Uhr: Abböllern mit den „Netpher Böllerschützen“. 
  • Buntes Markttreiben: Vorführung von altem Handwerk zum Beispiel Schuster, Gerber, Schmied und Steinmetz. Verkaufsstände unter anderem mit Gewürzen, Honig, Käse, Holzspielzeug, Lederwaren. Armbrust-, Pfeil- und Bogenschießen, Karussel, Mäuseroulette, Schatzsuche und vieles mehr. 
  • Speisen und Getränke wie im Mittelalter: Naturtrübes Lagerbier und Braunbier, Met und Apfelmost. Bohneneintopf, Grillwurst, Griesbrei mit Pflaumen, Fladenbrot, Lammspieße, Wildschweingulasch und Fettgebäck. 
  • Mitwirkende: Ev. Kirchengemeinde, Freie evangelische Gemeinde, Dorfgemeinschaft Afholderbach, der Schützenverein, der Liederkranz, die Malteser Netphen, der Schäferhundeverein, die Sekundarschule und viele Freiwillige. 
  • Parkmöglichkeiten: am Einkaufszentrum, am Freizeitzentrum und im Industriegebiet Am Bernstein.

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