Lachen ist die beste Medizin: Zu Gast beim Humortraining für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz

Als Clownin Rosalore besucht Susanne Bötel regelmäßig Pflegeeinrichtungen und Menschen mit Demenz. Foto: Michael Hagedorn

Neunkirchen. „Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht vom einen zum andern...“ schallt es durch den Seminarraum im Neunkirchener Otto-Reiffenrath-Haus. Elf Damen bewegen sich rhythmisch über den grauen Teppichboden. 

Nein, das ist keine Tanzstunde, sondern ein Humortraining für Angehörige von Menschen mit Demenz. Hier hat Susanne Bötel das Sagen. Die Hamburgerin ist seit sieben Jahren als Clownin Rosalore in Pflegeeinrichtungen unterwegs und betreut und besucht dort Menschen mit Demenz. Für den Workshop ist sie extra aus dem hohen Norden ins Siegerland gereist. Mit roter Plastiknase und schwarz-weißem Pünktchenkleid wirbelt sie zwischen den Teilnehmerinnen hin und her und gibt Anweisungen: „Und jetzt mal mit den Armen schwingen! Ganz locker!“ Die Damen machen bereitwillig mit. Auch sie tragen rote Plastiknasen, Susanne Bötel hat extra für jede eine mitgebracht. Dabei geht es hier gar nicht darum, zum Clown „im klassischen Sinne“ zu werden.

„Ich erkläre Ihnen heute nicht, wie Sie andere mit irgendwelchen Spielchen oder Kunststückchen belustigen können. Ich schlage keine Flickflacks und erzähle Ihnen auch keine Witze, die Sie sich merken sollen. Das kann ich sowieso nicht, denn ich bin die schlechteste Witzeerzählerin auf der ganzen Welt“, kündigt die Hamburgerin gleich zu Beginn an. Vielmehr geht es darum, das zu trainieren, was im Alltag beim Umgang mit Demenzpatienten oft schwer fällt: zur eigenen Leichtigkeit zurückzufinden und unvoreingenommen, neugierig und positiv auf diese Menschen zuzugehen. Denn wenn die Lücken im Gedächtnis größer werden, wenn die geliebte Person ständig schimpft, lästert oder wegläuft, Nudeln kochen, im Sommer Schnee schippen oder Radios einölen will, wenn sie nach 50 Jahren Ehe stolz von 13 Liebhabern erzählt und fast nicht wiederzuerkennen ist, weil sie selbst kaum noch weiß, wer sie ist, dann ist das für An- und Zugehörige äußerst belastend. Nicht selten führt diese Belastung zu körperlichen oder psychischen Problemen und einer verminderten Lebensqualität, wie zahlreiche Untersuchungen gezeigt haben.

Susanne Bötel ist davon überzeugt, dass Humor hilft, diese schwierigen Situationen besser zu meistern. Und damit ist nicht gemeint, die demenzkranke Person zu bespaßen oder die Krankheit nicht ernst zu nehmen. Humor meint, die persönliche innere Einstellung darauf zu justieren, die Dinge etwas lockerer zu sehen und in diesen Ausnahmemomenten nicht zu viel Perfektion von sich selbst zu verlangen. Und vor allem: offen zu sein für die Fantasiewelten der Demenzpatienten und den Mut zu haben, in diese mit einzutauchen. „Wenn der Mann im Sommer bei 30 Grad Schnee schippen will, dann geben Sie ihm eben eine Schippe. Na und?“, sagt Susanne Bötel. Nichts sei schlimmer als Intervention und die Berichtigung, dass ja gar kein Schnee liege. Denn für den Mann sei der Schnee in diesem Augenblick real. „Intervenieren Sie, fühlt er sich womöglich nicht ernst genommen und nicht respektiert. Häufig kommt es zu Wutanfällen und zum Kontaktabbruch. Setzen Sie Ihre innere rote Nase auf, wie ein Clown. Clowns sind von Natur aus neugierig und offen, ihren Mitmenschen zugewandt, bewerten nicht und trauen sich, frei von gesellschaftlichen Konventionen, die Dinge auch mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten“, erklärt Susanne Bötel und die Workshopteilnehmerinnen beginnen zu verstehen, was es mit den feuerroten Plastikbällchen in ihren Gesichtern auf sich hat: Sie sind als Erinnerungssymbol gedacht – für emotionale Offenheit, liebevolle Neugierde und unvoreingenommene, zugewandte und authentische Kommunikation auf verbaler und nonverbaler Ebene.

„Begegnerin“ statt „Bespaßerin“

Doch das im stressbeladenen Alltag umzusetzen, ist schwierig, das weiß auch die ausgebildete Hamburger Clownin, die hauptberuflich als Betriebsrätin einer Versicherung arbeitet. Deshalb hat Susanne Bötel nach der Lockerungsübung zu Connie Francis’ Evergreen noch weitere Übungen vorbereitet. Die „Kompliment-machen-Übung“ zum Beispiel. „Gehen Sie durch den Raum und seien Sie offen und neugierig. Schauen Sie sich Ihre Mitmenschen genau an, wie sie sind und machen Sie, wenn Sie jemandem begegnen, dieser Person ein Kompliment. Sagen Sie das erste Positive, das Ihnen einfällt“, weist Bötel die Gruppe an. Die Frauen zögern erst, doch schon nach ein paar Sekunden ist die Scheu verflogen und man hört nicht nur Sätze wie „Sie tragen eine schöne Kette“ und „Ihre Ausstrahlung ist wunderbar“, sondern auch Gekicher. Scheint zu funktionieren.

Sich auf eine Ebene mit den Demenzpatienten zu begeben und sich bewusst zu machen, wie wertvoll das Gegenüber ist, sei ganz entscheidend, erklärt Susanne Bötel, die ihr Handwerk in einer Hamburger Clownschule gelernt hat. Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden, das Interesse an Clowns habe sie vor elf Jahren schließlich zur Anmeldung an der Schule bewogen. In die Pflegeeinrichtungen sei sie durch Zufall gekommen, berichtet sie: „Eine Freundin hatte Kontakt zu einer Senioreneinrichtung und fragte mich, ob ich nicht mal als Clownin dort auftreten wollen würde.“ Bötel probierte es aus und war sofort begeistert: „Es hat mich richtig gepackt, weil es emotional so sehr berührt.“ 

Die Hamburgerin machte an der Medical School eine Zusatzausbildung zur Kunstbegleiterin für Menschen im Alter und mit Demenz und besucht seither als Betreuerin und als Clownin Rosalore regelmäßig Pflegeeinrichtungen. Dabei beschreibt sie sich selbst nicht als „Bespaßerin“, sondern als „Begegnerin“. „Das Bild von Clowns in der Gesellschaft ist, dass sie Leute mit ihren Aktionen unterhalten und belustigen. Ähnlich wie Klinikclowns habe ich als Rosalore einen anderen Fokus. Ich trete nicht vor Menschen auf, sondern mit ihnen in Kontakt. Es geht um Respekt, Begegnung, das Zeigen von Gefühlen, offen, ehrlich und authentisch.“

Im Workshop gab sie den Teilnehmern viele Tipps mit auf den Weg. Foto: Ann Kathrin Müsse

In Humorworkshops gibt sie ihr Wissen weiter – an Pflegepersonal und Angehörige. Nach Neunkirchen ist sie auf Einladung der gemeindlichen Senioren-Service-Stelle und des Demenz-Service-Zentrums Region Südwestfalen gekommen. Letzteres übernahm anlässlich des zehnjährigen Bestehens des „Runden Tisches Demenz Siegen“ sogar Bötels Honorar, sodass der Workshop für die Teilnehmerinnen heute komplett kostenfrei ist.

Dass die Runde nur aus Frauen besteht, ist für Bötel nichts Ungewöhnliches. In den meisten Fällen nähmen Frauen an ihren Workshops teil, denn die seien in die häusliche Pflege von Angehörigen meistens mehr involviert als Männer, erklärt die 53-Jährige und sagt sogleich die nächste Übung an: Führen und führen lassen. Die eine Hälfte der Teilnehmerinnen soll die Augen schließen und sich von den anderen Teilnehmerinnen an nur einem Finger durch den Raum führen lassen. Klingt einfach, ist es aber gar nicht – auch nicht für die „Dame von der Presse“, die sich Bötel zur Demonstration ausgesucht hat und die erstmal wie angewurzelt auf ihrem Platz stehen bleibt. „Sie lassen sich nicht gerne führen, was?“, fragt Bötel und im Raum ist wieder Gelächter zu vernehmen.

Keiner ihrer Workshops läuft gleich ab. Nach der Vorstellungsrunde, bei der jeder seine Erfahrungen schildern kann, sucht sie sich aus ihrem großen Repertoire immer die Übungen aus, von denen sie glaubt, dass sie für die Teilnehmer am effektivsten sind. Die Teilnehmerinnen heute haben alle einen unterschiedlichen Background. Während die einen aus der professionellen Pflege kommen, arbeiten andere ehrenamtlich als Betreuungskraft oder pflegen den demenzkranken Partner oder Elternteil zu Hause. Was sie eint, ist ihr Interesse zu erfahren, wie sie schwierige Situationen anders beziehungsweise besser händeln können, sollten diese mal (wieder) kommen.

Deshalb sind sie am Ende des dreistündigen Workshops alle sehr dankbar für die neuen Impulse, die Susanne Bötel ihnen mit auf den Weg geben konnte. Inwieweit sich diese auf den Alltag übertragen lassen, müssen die Frauen nun selbst austesten. Susanne Bötel ermutigt sie, keine Angst davor zu haben, es zu probieren. Schließlich wusste schon Charles Dickens, dass nichts in der Welt so ansteckend ist wie lachen und gute Laune.

Am 26. September findet im Otto-Reiffenrath-Haus der 2. Demenz-Informations- und Beratungstag statt. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

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