„Sinn und Unsinn trennen“

Anlieger wehren sich gegen geplante Erschließung von Neubaugebiet in Wilgersdorf

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Der Entwurf des Bebauungsplans zum Neubaugebiet stößt bei den Anliegern um Karl-Heinz Müller (l.) und Werner Kölsch (3.v.l.) auf wenig Gegenliebe. 

Wilgersdorf. Noch stehen nur ein paar Apfelbäume auf dem weitläufigen Areal oberhalb des Friedhofes bzw. der Straße Am Hofacker in Wilgersdorf, doch in Zukunft könnten dort die Bagger rollen. Denn das 3,1 Hektar große Stück Land soll in ein Neubaugebiet umgewandelt werden.

Schon mehrere Jahrzehnte existiert diese Idee, ohne dass etwas passiert ist. Nun aber kommt Bewegung in die Sache. Martin Klöckner, Leiter des Fachbereichs Bauen-Wohnen-Umwelt-Liegenschaften-Gemeindewerke, erläuterte in der Sitzung des Bau- und Umweltausschusses am 18. April den aktuellen Planungsstand. Und der gefällt nicht allen – besonders nicht den Anliegern des Gebietes.

Wie der Niederschrift über die Ausschusssitzung zu entnehmen ist, ist geplant, auf dem Gelände Baurecht für 49 Bauplätze zu schaffen. Der Ortsteil Wilgersdorf sei einer der Siedlungsschwerpunkte im Gemeindegebiet, heißt es in der Vorlage. Der Ort verfüge derzeit noch über 21 erschlossene Baulücken, von denen allerdings nur fünf auf der Baulückenbörse gelistet seien, sodass davon auszugehen sei, dass 16 Baulücken dem Grundstücksmarkt nicht zur Verfügung stehen. Andererseits gebe es speziell für Wilgersdorf eine rege Nachfrage nach Neubaugrundstücken. Seit dem Jahr 2010 seien hier 25 Baulücken geschlossen worden. Mit der Ausweisung des Neubaugebietes, das den Namen „Auf’m Hofacker II“ tragen soll, solle „die künftige städtebauliche Entwicklung sowohl des Ortsteils Wilgersdorf wie auch der Gemeinde Wilnsdorf insgesamt gefördert werden“.

Die äußere verkehrliche Erschließung soll über die Friedhofstraße, den unteren Teil der Straße Hohler Weg, die Straßen Hofacker und Sennerborn und teilweise über die Martin-Luther-Straße erfolgen. Dafür soll die Friedhofstraße eine neue Decke erhalten, die Straße Hohler Weg soll verbreitert werden und für die Straßen Am Hofacker, Sennerborn, Blumenweg und Martin-Luther-Straße ist ein Ausbau vorgesehen. Außerdem soll ein neues Regenwasserkanalnetz in den Straßen verlegt werden, an das möglicherweise auch bereits bestehende Häuser angeschlossen werden sollen.

Ein Entwurf, über den die Anlieger nur den Kopf schütteln können. Ihrer Meinung nach hätte das Neubaugebiet an dieser Stelle für den gesamten Ort nur Nachteile. Da es sich ganz am äußersten Rand von Wilgersdorf befinde, ohne direkte Verbindung zu einem anderen Ortsteil, müssten alle Fahrzeuge, vor allem während der Bauzeit, aber auch zukünftig, an besonders neuralgischen Punkten wie Kindergarten, Schule und Feuerwehr vorbei, was letztlich auch den Schulweg der Kinder einschließe. „Alle, die dort hin bauen, müssen immer durchs ganze Dorf. Wir haben ja hier keine Prachtstraßen. Allein die Hauptstraße ist oft zugestellt mit Pkw von Anliegern oder Kunden, die in die Geschäfte gehen. Deshalb ist das sehr bedenklich“, meint Werner Kölsch.

„Für einige Leute eine existenzielle Frage“

Hinzu komme, dass die ursprüngliche Idee hinter dem Neubaugebiet, nämlich dass Kinder von Wilgersdorfer Bürgern dort heimatnah neue Häuser errichten können, längst überholt sei. „Diese Kinder sind inzwischen alle weg, haben sich woanders was gesucht, nachdem hier jahrzehntelang nichts passiert ist. Die Eigentümer würden ihre Grundstücke vermutlich veräußern. Da das hier eine der besten Lagen von Wilgersdorf ist, wird es bei den zu erwartenden, hohen Preise nur wenigen Auswärtigen möglich sein, ein Grundstück zu kaufen und ein Haus zu bauen“, sind Kölsch und die anderen Anlieger überzeugt. Ihrer Meinung nach wäre das Neubaugebiet an anderer Stelle besser aufgehoben, zum Beispiel im Bereich der CVJM-Jugendbildungsstätte am Anfang des Ortes Richtung Mittelzentrum Wilnsdorf, nicht zuletzt, „um auch die Ortschaften noch mehr miteinander zu verbinden“.

Dass es ihnen bei der ganzen Sache vor allem auch um die Erschließungs- bzw. Straßenausbaubeiträge geht, die sie im Falle des Falles zahlen müssten, daraus machen die Anwohner keinen Hehl: „Für einige Leute hier wäre das eine existenzielle Frage“, erklärt Kölsch. Karl-Heinz Müller fasst es noch drastischer zusammen: „Fest steht, wenn hier neue Häuser hinkommen, müssten andere ihre Häuser verkaufen. Und wofür? Für eine Sache, die eigentlich nicht sein müsste.“ Vor allem den Straßenausbau, der sich laut Sitzungsprotokoll „im Zuge der Leitungsverlegungen anbietet“ und die eventuelle Anbindung vorhandener Häuser an den neuen Regenwasserkanal empfinden die Anlieger als überflüssig: „Wir sind längst alle an ein funktionierendes Kanalsystem angeschlossen. Außerdem würde niemand von uns auf die Idee kommen, die Straßen auszubauen, denn sie sind noch gut. Da gibt es in unseren Augen andere, die in wesentlich schlechterem Zustand sind. Wenn das alles so umgesetzt wird wie geplant, dann müssen einige von uns doppelte Baukosten für eine bessere Infrastruktur zahlen, obwohl die vorhandene noch gut ist“, so die einhellige Meinung.

Werner Kölsch, Karl-Heinz Müller und ihre Nachbarn betonen, dass sie weder gegen die Grundstückseigentümer noch gegen die Verwaltung oder die politischen Vertreter kämpfen wollen. „Wir wollen nur, dass Sinn und Unsinn getrennt werden und über so eine tiefgreifende Maßnahme nochmal intensiv nachgedacht wird. Wir finden, die Gründe für unsere Bedenken sind so einleuchtend, dass die Pläne nochmal überdacht werden sollten.“

Die Anlieger haben bereits Kontakt mit der Gemeinde und den politischen Gremien aufgenommen und sind sehr dankbar, dass diese sich nicht verschließen, sondern Gesprächsbereitschaft zeigen. Es habe schon ein Informationsgespräch im Rathaus stattgefunden und einige Fraktionen wollten sich die Sorgen der Anlieger auch nochmal vor Ort anhören bzw. hätten das schon getan, so Müller und Kölsch. Nun hoffen sie, dass ihre Maßnahmen auch zum gewünschten Erfolg führen und die Verantwortlichen das Vorhaben noch einmal prüfen bzw. überdenken.

Die letztendliche Entscheidung darüber, ob das Neubaugebiet kommt bzw. so erschlossen wird, liegt beim Rat. Wann genau dieses Thema auf der Agenda stehen wird, steht noch nicht fest. Die Anlieger jedenfalls wollen bis zum endgültigen Votum nicht untätig bleiben. Mit Bürgerbriefen möchten sie versuchen, auch die anderen Wilgersdorfer mit ins Boot zu holen. Und sie wollen den Entscheidern mögliche Alternativen aufzeigen. Dem Neubaugebiet auf der anderen Seite des Dorfes einen Platz zu geben, sei nur eine Möglichkeit. Andere seien zum Beispiel die bessere Nutzung von besonders großen, vorhandenen Grundstücken, Hinterhofbebauung oder die Prüfung von anstehendem Leerstand für die nächsten mindestens zehn Jahre, so Kölsch.

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