Raus aus dem Stau

Arbeitspsychologin rät: "Aus dem Stau das Beste machen" 

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Professorin Carmen Binnewies (39) leitet die Arbeitseinheit Arbeitspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Münster. Zur Arbeit fährt sie zehn Minuten – mit dem Auto.

Stau auf der Autobahn, verspätete Züge: Wer täglich zur Arbeit pendelt, erlebt manche Stresssituation. Ob das die Gesundheit gefährdet und wie man die Fahrerei möglichst erholsam gestalten kann, verrät Professorin Carmen Binnewies, Arbeitspsychologin an der Universität Münster, im Gespräch mit Simone Toure.

Macht Pendeln auf Dauer krank?
Carmen Binnewies: Die meisten empfinden das Pendeln ja nicht als Freizeit, sondern eher als Arbeitszeit. Je länger man unterwegs ist, desto mehr Zeit steht also nicht für Erholung zur Verfügung steht. Und wenn das irgendwann Überhand nimmt, kann Pendeln tatsächlich krank machen. Wichtig ist, dass es nicht nur um die Zeit geht, sondern auch darum, wie ich diese Zeit erlebe. Wenn ich nämlich pendle und diese Zeit ganz prima erlebe, zum Beispiel auf einer schönen Bahnfahrt, dann ist das natürlich etwas anderes als wenn ich eine Stunde im Stau stehe und mich dort konzentrieren muss.

Bahnfahren ist also besser als Autofahren?
Binnewies: Das würde ich nicht per se so sagen. Es gibt ja auch Strecken, auf denen man drei Mal umsteigen muss und vielleicht seinen Anschluss verpasst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das erholsam ist. Prinzipiell ist es aber schon so, dass das Autofahren mehr Konzentration und Energie von mir erfordert.

Welche konkreten Folgen hat der Pendlerstress denn?

Binnewies: Es ist genau so, wie wenn man bei der Arbeit Stress hat: Man wird unruhig, aufgeregt, ärgerlich. Das geht auch mit physiologischen Reaktionen einher, also der Blutdruck steigt an, bestimmte Hormone werden ausgeschüttet. Das ist eben Stress und der ist nicht gut. Ich bin zwar keine Medizinerin, aber es gibt Studien, die zeigen, dass Stress zum Beispiel in Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen steht. Das passiert nicht nur beim Pendeln, sondern auch, wenn ich mich zum Beispiel über Kinder aufrege. Aber beim Pendeln ist es eben häufig so. Je länger ich unterwegs bin, desto weniger Zeit habe ich für meine persönliche Freizeit.

Professorin Carmen Binnewies (39) leitet die Arbeitseinheit Arbeitspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Münster. Zur Arbeit fährt sie zehn Minuten – mit dem Auto.



Welchen maximalen Zeitaufwand beim Pendeln halten Sie für verträglich?
Binnewies: Ich kenne keine Studie, die das systematisch untersucht hat. Was ich aber für kritisch halte, ist, wenn das Pendeln zum Beispiel den Schlafrhythmus verändert. Wenn ich also ganz früh aufstehen muss oder ganz früh zu Bett gehen muss oder gar nicht mehr so lange schlafen kann, wie ich es brauche. Spätestens das ist ein Punkt, der deutlich negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Das wissen wir zum Beispiel von Schichtarbeitern. Am Ende ist aber weniger die Zeit entscheidet als die Frage, wie man diese Zeit erlebt.

Was können Pendler denn tun, um sich die Zeit im Auto oder in der Bahn möglichst angenehm zu gestalten?

Binnewies: Am besten gestalte ich die Zeit so, dass ich möglichst wenig Anforderungen habe. Dass ich also, wenn es machbar ist, mit der Bahn fahre, in der ich nebenher noch etwas machen kann. Die schöne Landschaft anschauen, essen, lesen oder Musik hören – dabei kommt man meistens schon etwas runter. Man sollte die Zeit so gut wie möglich nutzen. Was häufig Stress verursacht, ist, wenn irgendetwas nicht funktioniert, etwa wenn es einen Stau gibt. Hier sollte man vorher schon überlegen: Was mache ich in dieser Situation? Man sollte einkalkulieren, wie man diese Zeit nutzen kann. Zum Beispiel ein Hörbuch mitnehmen, das man dann im Auto hören kann. Da man die Situation nicht ändern kann, sollte man das Beste daraus machen.

Wie können Arbeitgeber ihre pendelnden Angestellten unterstützen?
Binnewies: Gut ist, wenn man nicht gerade im Hauptverkehr pendeln muss. Manchmal macht es schon etwas aus, eine halbe Stunde früher oder später zu fahren. Man sollte versuchen, das mit dem Arbeitgeber abzusprechen. Eine gewisse Flexibilität hilft. Wenn ich im Stau stehe und weiß, ich müsste eigentlich jetzt die Stempelkarte betätigen, ist das ein ganz anderer Druck, als wenn ich zum Beispiel Gleitzeit habe und auch mal eine halbe Stunde später kommen kann. Ein anderer Punkt, in dem der Arbeitgeber Pendler unterstützen kann, sind Vergünstigungen durch Jobtickets oder Anreize durch kostenloses Parken. Das erspart gerade Arbeitnehmern, die weniger Geld verdienen, einen zusätzlichen finanziellen Druck. Eine Unterstützung sind auch sichere Abstellräume für Fahrräder und eine Möglichkeit für Radfahrer, sich umzuziehen oder zu duschen. Es gibt sehr viele unterschiedliche Bedürfnisse und wird daher nie eine Lösung für alle geben. Aber oft hilft schon das Gefühl, dass der Arbeitgeber sich kümmert und dass es ihm nicht egal ist, was mit seinen Mitarbeitern passiert.

Sollten wir alle mehr im Home-Office arbeiten? Oder ist das dann eine ganz andere Form von Stress?
Binnewies: Das ist natürlich ein Weg, um den Pendlerstress mit Anfahrt und Abreise zu umgehen. Wichtig ist aber, dass man zu Hause die passenden Geräte hat und diese auch funktionieren. Es gibt ja nichts Stressigeres als zu Hause zu sitzen und keinen Zugriff auf die Daten zu haben. Prinzipiell gibt es zwischen Home-Office und Gesundheit oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf eher positive Zusammenhänge. Es ist aber schwieriger, die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben zu ziehen. Da wäre es gut, wenn Mitarbeiter geschult würden, die Grenze richtig zu ziehen – und zwar in beide Richtungen. Es kann ja sein, dass jemand zu Hause nicht gut arbeitet, weil er immer abgelenkt wird. Andererseits kann Home-Office auch dazu führen, dass jemand die ganze Zeit arbeitet. Hier muss jeder seinen Weg finden, das richtige Ende zu finden.

Quelle: wa.de

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