Abgerissene Fahrerkabine rettet Lkw-Fahrer vor dem Tod

Fehlende Rettungsgasse nach Lkw-Brand auf A 44: So reagieren die Rettungskräfte

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Kreis Soest - Die fehlende Rettungsgasse sorgte beim schweren Unfall auf der A 44 für Ärger bei den Rettungskräften. Zwei erfahrene Feuerwehrmänner schildern die Probleme auf der Einsatzfahrt, wie es mit der Rettungsgasse besser klappen könnte und warum die abgerissene Fahrerkabine dem Lkw-Fahrer wohl das Leben rettete.

Schwerer Verkehrsunfall auf der A 44 zwischen Erwitte/Anröchte und Geseke: Drei Lkw sind beteiligt - einer von ihnen brennt lichterloh. Die Fahrer sind verletzt und brauchen dringend Hilfe. Doch bis die da ist, vergeht wertvolle Zeit - und das nur, weil Auto- und Lkw-Fahrer im Stau ihre Pflicht ignorieren. Die Retter stehen im Stau und haben eine kilometerlange Blechlawine vor sich stehen. Rettungsgasse? Fehlanzeige!

Ein Umstand, der als erstes bei Rafael Schmidt, Einsatzleiter der Feuerwehr am Montagabend, für die schlimmsten Gedanken sorgte. In seinem Kommandowagen war er der erste Feuerwehrmann, der an der Einsatzstelle ankam. "Als ich vor Ort eintraf war mein erster Gedanke, dass wir wohl ein Todesopfer zu beklagen hätten." 

Anröchtes Feuerwehr-Chef Rafael Schmidt war Einsatzleiter am Montagabend.

Ihm offenbarte sich ein fürchterliches Trümmerfeld. Die Fahrerkabine des brennenden Lkw war aufgrund des fast ungebremsten Aufpralls auf einen Tieflader abgerissen und rund 30 Meter weit geflogen. Ansonsten wäre der Lkw-Fahrer wohl im Flammenmeer seines Fahrzeuges umgekommen. Doch noch ein weiterer glücklicher Umstand rettete ihm wohl das Leben: "Die Fahrerkabine wurde von der Leitplanke aufgehalten", schilderte Rafael Schmidt. Ohne die Schutzvorrichtung wäre die Kabine wohl die Brücke hinuntergestürzt.

Lkw nach schwerem Unfall auf A 44 in Vollbrand

Auf der Fahrt zur Einsatzstelle habe der Einsatzleiter durch Lautsprecherdurchsagen aus seinem wendigen Kommandowagen ein erstes Mal für freie Fahrt sorgen müssen. Doch vor allem ignorante Lkw-Fahrer seien wenige Momente später wieder zurück in die Mitte gefahren: "Wohl um zu gucken, was weiter vorne geschehen ist."

Fahrer reagieren zu spät

Die folgenden Rettungskräfte in ihren großen Einsatzfahrzeugen standen erneut vor einer fehlenden Rettungsgasse. Auch Jürgen Wirth, Chef der Soester Feuerwehr erlebte die Einsatzfahrt mit enormen Hindernissen: Auto- und Lkw-Fahrer seien erst auf die Idee gekommen, eine Rettungsgasse zu bilden, als die Blaulichter schon in ihren Rückspiegeln schimmerten - viel zu spät! "Ein Großteil der Fahrer hatten zu wenig Abstand zu ihren Vorderleuten gelassen", beschrieb Wirth die Situation. Um in kurzer Zeit zur Seite zu fahren war schlichtweg zu wenig Platz.

Der Soester Feuerwehr-Chef musste mehrere Male aus dem Einsatzfahrzeug aussteigen, um vor allem Lkw-Fahrer lautstark zur Seite zu dirigieren. Viele Lkw hätten zudem auf der linken Spur gestanden: "In diesem Moment wird es natürlich noch schwerer", beklagte Wirth. "In der Rettungsgasse haben Lkw auf der rechten und Pkw auf der linken Spur zu stehen." Sein Kollege aus Anröchte ergänzte zudem: "Es ist ein fürchterlicher Irrtum, dass der Standstreifen für die Bildung einer Rettungsgasse nicht befahren werden darf!"

Der Soester Feuerwehr-Chef Jürgen Wirth (links) hatte eine klare Botschaft - vor allem an Lkw-Fahrer.

Ein Rettungswagen aus Lippstadt hatte - nachdem die Fahrbahn voll gesperrt worden war - die Autobahn von vorn herein falsch herum befahren. "Als die ersten Meldungen über den Unfall kamen habe ich bereits damit gerechnet", berichtete ein Rettungsassistent. Als sein Team dann zur Einsatzstelle alarmiert worden war, wies die Leitstelle auf die Probleme mit der Rettungsgasse hin und ordnete an, die Einsatzstelle aus der anderen Richtung zu befahren. So konnte wertvolle Zeit gespart werden.

Ignorantes Verhalten sorgt für Entsetzen

Über das ignorante Verhalten vieler Lkw-Fahrer zeigte sich Jürgen Wirth als erfahrener Feuerwehrmann entsetzt: "Aufgrund ihres Berufs sollten doch gerade sie wissen, wie sie sich auch nur beim Ansatz eines Staus zu verhalten haben!"

An die Rettungsgassen-Verweigerer richtete er ernste Worte: "Diese Leute sollten immer im Hinterkopf behalten, dass auch sie einmal in eine Situation kommen könnten, in der sie nach möglichst kurzer Zeit Hilfe brauchen." 

Am Ende hatte es dann auch der letzte Fahrer verstanden: So sah die Rettungsgasse aus, bevor die Fahrzeuge von der Autobahn geleitet wurden.

Er findet, dass es zudem deutlich empfindlichere Strafen geben sollte: "Das derzeitige System sieht doch nur auf dem Papier wirksam aus", bemängelt er, dass Fahrer die drohende Strafe eines Verwarngelds von 20 Euro nicht ernst genug nehmen würden. "Da muss es deutlich höhere Strafen geben!"

Doch selbst dann sei es nach Aussage eines Sprechers der Autobahnpolizei schwierig, die Täter zu ermitteln und zu belangen: "Im Einsatz gilt der Grundsatz 'Gefahrenabwehr vor Strafverfolgung'. Auch die Kollegen haben mit fehlenden Rettungsgassen zu kämpfen. Doch primär sind diese damit beschäftigt, zur Einsatzstelle zu kommen."

Anröchter Feuerwehr-Chef mit Zukunftsvisionen

Rafael Schmidt schilderte zur Lösung dieses Problems eine Zukunftsvision: "Alle Einsatzfahrzeuge müssten mit Dashcams (kleine Videokameras hinter der Windschutzscheibe, die den Verkehr filmen; Anm. d. Red.) ausgestattet werden, deren Videomaterial vor Gericht verwertbar ist." 

In Kombination mit deutlich höheren Strafen würden Verkehrsteilnehmer in Zukunft dann wohl direkt daran denken, eine Rettungsgasse zu bilden.

In Paragraph 11, Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung heißt es übrigens:

"Sobald Fahrzeuge auf Autobahnen sowie auf Außerortsstraßen mit mindestens zwei Fahrstreifen für eine Richtung mit Schrittgeschwindigkeit fahren oder sich die Fahrzeuge im Stillstand befinden, müssen diese Fahrzeuge für die Durchfahrt von Polizei- und Hilfsfahrzeugen zwischen dem äußerst linken und dem unmittelbar rechts daneben liegenden Fahrstreifen für eine Richtung eine freie Gasse bilden." 

Eine Regel, die sich viele Verkehrsteilnehmer in Großbuchstaben aufs Lenkrad schreiben sollten..

Quelle: wa.de

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