"Wir bezeichneten uns als Brüder"

Messer-Angriff am Alde: Das sagt das Opfer nach der Freilassung des Täters

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Die Messer-Attacke am Soester Alde löste einen Großeinsatz von Polizei und Rettungsdiensten aus.

Soest - Elf Wochen liegt die Messerattacke am Soester Aldegrever-Gymnasium zurück. Nun wurde bekannt, dass der Täter wieder auf freiem Fuß ist. Ein Schock für das Opfer und seine Familie. So geht es dem 17-Jährigen, dessen ehemaliger Freund ihn fast ums Leben brachte:

Es ist ein mühsamer Weg für Carsten, sich in sein altes Leben und den Alltag zurückzukämpfen. Der 17-Jährige, dessen Namen wir verändert haben, ist das Opfer der Messerattacke im Alde vor elf Wochen. 

Carsten hat damals nur um Haaresbreite und nach einer mehrstündigen Notoperation überlebt. Seit Mittwoch, als in dieser Zeitung stand, der tatverdächtige 16-Jährige ist wieder auf freiem Fuß, ist Carsten wieder krank geschrieben. 

Seit der Freilassung dominiert die Angst wieder

Er hat Angst, die Bluttat vom 17. Februar könne sich wiederholen. Der Schüler und seine Eltern, die mitten in Soest wohnen, wollen reden. Sie haben den Eindruck, durch die Freilassung des Tatverdächtigen und dem Gutachten eines Psychiaters würden gerade die Rollen vertauscht. 

Der Gutachter ist zu dem Schluss gekommen, die Messerattacke könnte womöglich im Affekt passiert sein und der Verursacher womöglich gar nicht oder nur bedingt schuldfähig sein. Carstens Mutter und Vater haben große Mühe, den Affekt bei der Tat nachvollziehen zu können. „Da war in den Berichten immer von einem Messerstich in die Brust die Rede“, sagen die beiden, „doch auf unseren Sohn ist siebenmal eingestochen worden.“ 

Herzarterie konnte nicht mehr gerettet werden

Der 17-Jährige zieht sein Shirt hoch, diagonal über 60 Zentimeter zieht sich die Operationswunde vom Unterbauch bis über die Herzgegend. Eine Herzarterie war bei dem Angriff zerfetzt worden und konnte nicht mehr gerettet werden. 

Zwischenzeitlich musste der 17-Jährige sogar wiederbelebt werden. Er hatte dreieinhalb Liter Blut verloren. Neben der chirurgischen Glanzleitung war es wohl auch der durchtrainierte Körper des Jungen, der ihm letztlich das Überleben sicherte. 

„Ich will unbedingt mein Abitur schaffen“

„Alles ist anders, hier ist nichts mehr normal“, sagen er und seine Eltern. 

Alle drei befinden sich in psychologischer Begleitung. Nach elf Tagen Krankenhaus konnte Carsten wieder nach Hause; nach weiteren anderthalb Wochen wagte er sich zusammen mit seinen Eltern das erste Mal zu seiner Schule zurück. Zwei Lehrer führten ihn durchs Gebäude; ein paar Tage später besuchte er wieder den Unterricht. „Ich will unbedingt mein Abitur schaffen und danach Jura studieren“, sagt Carsten. 

Erst als Siebenjähriger sei er in die Schule gekommen, deshalb hat er noch zwei Klassen vor sich. Früher, so sein Vater, habe er Schule mit links gemacht, das Lernen fiel ihm leicht, großer Aufwand war nicht erforderlich. Doch seit Februar ist alles anders. Er muss sich mächtig anstrengen und konzentrieren. Sein Ziel: Bloß nicht sitzen bleiben.

Polizeieinsatz am Soester Aldegrever-Gymnasium

Ob er jeden Tag mit dem grauenhaften Erlebnis aufwacht? „Wie soll das auch anders sein?! Wenn ich morgens vorm Duschen in den Spiegel schaue und meinen Oberkörper sehe...“ Bis heute weiß Carsten nicht, warum sein Mitschüler so durchgeknallt ist, dass er zum Messer griff.

„Wir waren seit dem fünften Schuljahr befreundet und bezeichneten uns als Brüder.“ Doch in den Tagen vor der Tat habe sich der 16-Jährige bereits „so komisch“ verhalten. Noch am Vorabend des 17. Februar haben Carsten und seine Eltern darüber geredet, aber dann doch das Thema gewechselt: „Wer konnte denn so etwas ahnen?!“ „Wir möchten Sie bitten, die Tat nicht wie eine normale Rauferei oder Prügelei darzustellen, wobei man nach einer Woche bereit ist zu vergessen“, wünschen sich die die Eltern. 

Familie verlangt Erklärung von Staatsanwalt

Sie wollen am Donnerstag mit dem Staatsanwalt reden und nach einer Erklärung verlangen, warum möglicherweise Affekt im Spiel gewesen sein könne. Da sei ja noch die Mitschülerin gewesen, die offenbar Sekunden vor den blutigen Stichen gefühlt habe, was sich da gleich anbahnen könnte. 

Als sie nach der Hand des 16-Jährigen gegriffen habe, die bereits in der Hosentasche steckte, habe sich das Mädchen an dem offenbar bereits aufgeklappten Messer geschnitten. 

„Niemand hat uns über Freilassung informiert“

Das Opfer und seine Eltern haben sich einen Anwalt genommen, der sie als Nebenkläger vertreten soll. Das Entsetzen über die Tat, das stundenlange Warten und Zittern vor dem OP, ob sie ihren Sohn überhaupt noch einmal lebend sehen würden, die Nachricht vom möglichen Affekt und der Freilassung des Tatverdächtigen. „Niemand hat uns verständigt, wir haben das aus der Zeitung erfahren.“ 

All das zerrt an Nerven und Kräften. Bis heute hätten sich der 16-Jährige Täter oder seine Eltern nicht gemeldet und vielleicht ihr Mitgefühl oder gar die Bitte um Entschuldigung geäußert. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht; wir können nur abwarten.“ Seit dieser Woche kommt nun noch die Angst hinzu, die beiden Jungen könnten sich noch einmal begegnen. Die beiden, die so lange befreundet waren.

Quelle: wa.de

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