Urteil im Schüttelbaby-Prozess: Über drei Jahre Gefängnis

+
Die Verteidiger der Angeklagten wollen das Urteil anfechten.

Bergkamen/Dortmund - Das Urteil im sogenannten Schüttelbaby-Prozess ist gefallen: Die mittlerweile 36-jährige Mutter muss wegen des gewaltsamen Todes ihres sieben Monate alten Säuglings für drei Jahre und vier Monate ins Gefängnis.

Das Dortmunder Schwurgericht unter Vorsitz von Wolfgang Meyer verurteilte die Angeklagte nach über vierjährigem Prozess wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Nach 95 Verhandlungstagen zeigte sich das Gericht, anders als Staatsanwaltschaft und Verteidigung, „absolut zweifelsfrei“ von der Schuld der bis dato unbescholtenen Frau überzeugt. 

Sie gilt als überführt, im Juni 2010 in der damaligen Familienwohnung in Bergkamen an der Hardenbergstraße ihren Sohn „mehrfach und mit großer Wucht“ geschüttelt zu haben. Dabei sei das Kind mit dem Kopf gegen ein Möbelstück oder eine Wand geschlagen oder auf den Boden gefallen. Das Kind erlitt drei Schädelbrüche und innere Hirnverletzungen. Die Mutter hatte angegeben, dass das Kind in einem unbeobachteten Moment aus dem Elternbett gekrabbelt und auf den Laminatboden gefallen sei. 

Richter sieht Motiv in seelischer Verfassung

„Das Verletzungsbild des Kindes aufgrund eines Sturzes aus dem Bett wäre einzigartig in der medizinischen Literatur“ erklärte der Vorsitzende Richter in der zweistündigen Urteilsbegründung. Die festgestellten Verletzungen seien vielmehr ausgesprochen typisch für das sogenannte und in der Forschung vielfach untersuchte Schütteltrauma. 

Als Motiv für die tödliche Misshandlung ihres Kindes sah Meyer die damalige seelische Verfassung der jungen Frau. Sie habe sich alleine gelassen gefühlt von ihrem Partner, habe Probleme mit ihm und ihren Eltern gehabt, sei wegen Depressionen in Behandlung gewesen. Mit dem Schütteln habe sie das schreiende Kind ruhig stellen wollen, dieses rüde Vorgehen sicherlich sofort danach bereut. 

Der Zustand des Säuglings verschlechterte sich in den Stunden nach dem Übergriff zunehmend, dennoch habe die Mutter niemandem von dem Sturz aus dem Bett berichtet, weder ihrem Vater, der als Arzt zu Hilfe eilte und ahnungslos eine Magenverstimmung vermutete noch den behandelnden Notärzten und Krankenhausärzten. Erst Tage später nach dem Tod des Kindes habe sie gegenüber der Polizei von einem angeblichen Sturz berichtet. 

Anwälte wollen Urteil anfechten 

Mit scharfen Worten kritisierte Meyer das Auftreten mehrerer Gutachter, die von der Verteidigung gestellt worden waren. Sie hätten „einseitig“ vorgetragen im Hinblick auf ein gewünschtes Ergebnis. Mit teilweise „dreisten Unterstellungen“ und „schweren Mängeln“ hätten manche der medizinischen Sachverständigen durch ihr Auftreten vor Gericht ihren Ruf aufs Spiel gesetzt und sich selbst disqualifiziert. 

Die Verteidiger und auch der Staatsanwalt hatten in ihren Schlussvorträgen Freispruch für die Angeklagte gefordert, da Restzweifel an ihrer Schuld nicht auszuschließen seien. Die Angeklagte reagierte mit fassungslosem Weinen auf den Richterspruch. Die Verteidiger wollen das Urteil anfechten, warten aber die Abfassung des nach Einschätzung des Gerichts 400 bis 500-seitigen schriftlichen Urteils ab.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare