„Hart aber fair“

Früher Tod aufgrund von schlechter Bildung? - Politiker spricht von „katastrophalen Experimenten“

„Hart aber fair“ diskutiert die Auswirkungen einer mängelbehafteten, deutschen Bildungspolitik. Moderator Frank Plasberg beleuchtet mit seinen Gästen erschreckende Statistiken.

  • „Hart aber fair“ zum Thema Bildung wurde am Montag, 11. November, ausgestrahlt.
  • Frank Plasberg und seine Gäste diskutierten die Frage: „Schlechte Bildung, kürzeres Leben: Wie kann das sein im Jahr 2019?“
  • Geladen waren u. a. Minister Hubertus Heil und TV-Arzt und Bestseller-Autor Dr. Eckart von Hirschhausen

Berlin - „Schlechte Bildung, kürzeres Leben: Wie kann das sein im Jahr 2019?“. Diese und weitere Fragen diskutierten bei der jüngsten Ausgabe von „Hart, aber fair“ Gastgeber Frank Plasberg und seine Gäste am Montag, den 11. November. Die TV-Debatte handelte über die erschreckende Statistik, die zugleich einige Grundsatzfragen beinhaltete: So ging es um Bildungsungleichheit, Lohngerechtigkeit, erzieherische Eigenverantwortung der Eltern oder auch den Staat als Lifestyle-Kontrolleur.

Außer Frage steht, dass ein geringeres Bildungsniveau selbstverständlich nicht unmittelbar zum früheren Tod eines Menschen führt. Vielmehr verdeutlichen Statistiken, dass Menschen, die weniger Geld verdienen, früher sterben. Bei Frauen aus niedrigen Bildungsschichten seien dies durchschnittlich 4,4 Jahre. Bei den Männern wachse die längere Lebensdauer gar auf 8,6 Jahre. Nicht neu ist hingegen die Feststellung, dass mangelnde Bildung in der Gesellschaft häufig zu einem geringeren Gehalt führt. 

Darum ging es bei „Hart aber fair“ am 11. November 2019

Bei „Hart aber fair“ ging es also um die Feststellung: Wer in einem besser gebildeten Elternhaus aufwächst, hat höhere Chancen auf ein gesundes Leben. Eine große Problematik liegt hierbei in der Verfestigung sozialer Milieus. Das bedeutet, mangelnde Bildung und sozialer Status werden gewissermaßen vererbt und diese Automatismen führen unweigerlich zu Ungerechtigkeiten. Als maßgeblich verantwortlich für diese Entwicklung werden in der ARD-Sendung die Instanzen Schule, Elternhaus und Politik benannt.

Die Frage „Wie kann das sein im Jahr 2019?“ richtete sich in der Diskussion also nicht nur darauf, wie der Zusammenhang zwischen geringerer Bildung und einem früheren Tod aufzuheben ist. Vielmehr galt es auch die faktische Chancen-Ungleichheit, unter den Menschen die in verschiedene soziale Schichten geboren werden, zu hinterfragen. Konnte ein Ansatz für dieses zentrale Problem erarbeitet werden? Frank Plasberg holte sich für seine Debatte prominente Gäste ins Boot:

„Hart aber fair“: Dr. Eckart von Hirschhausen sieht die Politik in der Pflicht

Dr. Eckart von Hirschhausen ist nicht nur Kabarettist und TV-Moderator, sondern auch Arzt. Für den Fachmann spielen eine gesunde Ernährung und ein bewusster Lebensstil die zentrale Rolle für ein langes Leben. Eine Eigenverantwortung will er nicht von der Hand weisen, doch prangert er an, dass Dickmacher zu billig sind und Tabak immer noch beworben werden darf. Die Frage, ob ein gehobenes Bildungsniveau hilft, bessere Entscheidungen im Umgang mit Lebensmitteln zu treffen, erwähnt er.

Polarisierende Debatte bei „Hart, aber fair“ zum Thema verfehlte Bildungspolitik in Deutschland.

Mit seiner vor „Hart aber fair“ ausgestrahlten Dokumentation wolle Hirschhausen diese Fehlentwicklung an die Öffentlichkeit bringen. „Die Hälfte der Faktoren, die das Leben verkürzen, sind nicht Eigenverantwortung bzw. eigenes Verhalten. Sie sind gesellschaftlich“, kritisierte der TV-Arzt.

Als Beispiel nennt er fehlende Gesundheitskompetenz, die einen zweifelhaften Lebensstil und mangelnde Achtsamkeit mit dem eigenen Körper nach sich ziehen. Auch verkehrspolitische Entscheidungen in Ballungsräumen würden von Unfallgefahren bis zur Luftverschmutzung bisher zu selten unter gesundheitlichen Aspekten diskutiert. Er appelliert für eine Veränderung und bessere Politik: „Gesund leben sollte einfacher sein.“

„Hart aber fair“: Bundesminister Hubertus Heil (SPD) will gute Bildung für alle

Moderator Frank Plasberg bezeichnet das Thema der Sendung als große Gerechtigkeitslücke und wollte vom Bundesminister für Arbeit und Soziales wissen, ob er in seiner Funktion sich diesen Schuh anziehen müsse. Hubertus Heil (SPD) antwortet mit Statements, die auch einem „SPD-Wahlplakat“ entstammen könnten, wie Welt.de findet.

„Ja, das müssen wir“, gibt der Genosse zu und meint damit sicher nicht nur seine Partei, sondern die regierende Koalition. Es seien in der Vergangenheit in Deutschland viele Fehler gemacht worden, gegen die man nun etwa mit der Einführung der Grundrente entgegensteuern wolle.

Hubertus Heil wünscht sich gute Bildung für alle, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Aber auch danach fordert der Bundesminister für Arbeit und Soziales: „Ein Lohn muss so hoch sein, dass man davon leben kann.“ Der SPD-Politiker plädierte für mehr Chancengleichheit und Lohngerechtigkeit, unabhängig der sozialen und ethnischen Herkunft.

„Jart aber fair“: Thomas Kemmerich (FDP) schockt mit Statistik und übt Kritik

Thüringens FDP-Vorsitzender schockt die Runde mit einer Statistik: Rund 52.000 Menschen verlassen laut Thomas Kemmerich jährlich in Deutschland ohne Abschluss eine Schule. Genauer definiert hat der Freie Liberale die Zahl nicht, eine Recherche belegt die Behauptung: Laut Caritas haben im Jahr 2017 fast 7 Prozent aller Schüler die Lehranstalt verlassen, ohne mindestens einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben.

Für diese Entwicklung macht Kemmerich den Bildungshaushalt der Bundesregierung verantwortlich. Er kritisiert, dass seitens der Koalition Versäumnisse stattfanden und der Etat für Bildung viel zu gering ausfalle. Statt sich in „katastrophalen Experimenten“ zu verlieren, sollte in Schulen die fortschreitende Digitalisierung* ausgebaut werden und die Lehrkräfte entsprechend geschult, so die Meinung des Thüringer FDP-Chefs. 

"hart aber fair" mit Frank Plasberg

Allerdings sorgt Kemmerich im weiteren Gesprächsverlauf für eine zweifelhafte Forderung: Wenn es für Kinder gefährlich wird, müsse der Staat eingreifen, so sein Anliegen. Verbote und Kontrollen wiederum seien jedoch nicht angebracht, so die Einschätzung des Bundestagsabgeordneten. Klingt nach einem ziemlichen Widerspruch.

„Hart aber fair“: Grundschul-Rektorin fordert „Elternführerschein“

Doris Unzeitig war Rektorin einer Berliner Brennpunktschule in einem „sozialen Brennpunkt“. Noch mehr als Eckart von Hirschhausen sieht die Österreicherin die Eltern in der Pflicht: Sie beklagt, dass diese ihren Kindern Schokolade als Pausenbrot mitgäben und diese nach der Schule „vor dem Fernseher parken“ würden. Deshalb denkt sie offen an einen „Elternführerschein“. 

Hinsichtlich Bildung verfügt Unzeitig über allerhand Praxiserfahrung und konfrontiert die Anwesenden mit Situationen, die sie aus ihrem Berufsleben kennt. Wie das Problem von sorglosen Eltern behoben werden könnte? Sie könnte sich vorstellen, dass zum Wohle des Nachwuchses Teile der Transferleistungen wie Kindergeld nicht an die Erziehungsberechtigten, sondern vielmehr direkt an die Schulen fließen.

Das Problem betroffener Kindern sei, dass optionale Hilfen seitens der Schulen von Eltern oftmals gar nicht angenommen werden. Dies liege nicht unbedingt am niedrigen Einkommen, sondern eben an der Bereitschaft. Als Beispiel führt sie das Thema Ernährung an: Obst sei schließlich nicht wirklich teurer als Süßigkeiten.

„Hart aber fair“: Gelernte Köchin richtet sich direkt an Arbeitsminister

„Wir brauchen höhere Löhne, Herr Heil“, ist die Meinung der gelernten Köchin Tanja Stolze. Die Taxifahrerin beklagt ein zu niedriges Gehaltsniveau in Deutschland. Die Bezahlung für viele Berufe sei so schlecht, dass man kaum mehr davon leben können und das mache Stress. Und der wiederum mache krank, lautet ihr Vorwurf. Festzustellen gilt: Das Phänomen der sinkenden Einkommen bei steigender Inflation ist eines, das quer über verschiedene Branchen stattfindet und bei Mittel- und Unterschicht für wachsende Unzufriedenheit sorgt.

“Hart aber fair“: Leidet Deutschland unter Trennung der Schülergruppen?

Ein konkretes Problem - und da sind sich die Experten einig - besteht auch in einer öfter vorkommenden Trennung von Schülergruppen nach Herkunft und sozialem Milieu. Hubertus Heil erwähnt Fälle, in denen Bürgerinitiativen die Durchmischung von Schülern zu verhindern gewusst hätten, zwecks Vermeidung von Problemen. Sein Appell: „Das müssen wir als Gesellschaft überwinden. Eine Gesellschaft, in der Leute, die Chancen haben, unter sich bleiben, bekommt irgendwann ganz andere Probleme.“ 

Dr. Hirschhausen empfindet ähnlich und plädiert dafür, dass Kinder so lange wie möglich zusammen lernen und es eine Durchmischung von Kindern an Schulen gibt. 

In den sozialen Netzwerken polarisierte die Ausgabe von „Hart aber fair“ enorm. Mancher User betont, dass diese Debatte Deutschland schon seit Jahrzehnten begleitet. Darüber hinaus sehen viele Zuschauer die Verantwortung für die Entwicklung ihrer Kinder vielmehr bei den Eltern und nicht beim Staat.

Vergangene Woche wurde bei Plasberg die Krise der großen Koalition behandelt. Der Talkmaster musste sich aber auch schon den Vorwurf anhören, Themen nicht ausreichend kritisch zu beleuchten.

Plasbergs Kollegin und Talk-Größe Anne Will gab am Montag bekannt, dass sie und ihre Ehefrau sich getrennt haben. Ebenfalls ein schwieriges Thema, allerdings privater Natur. In einer anderen Folge von „Hart aber fair“ diskutieren die Gäste über Krankenhäuser in Deutschland.

„Hart aber Fair“: Zwischen Machtdemonstration, teurer PR-Show und Ausdruck von Diskriminierung: Was bringt die staatliche Offensive gegen hauptsächlich arabische Clans wirklich? 

pf/moe

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Rubriklistenbild: © ARD-Mediathek/Screenshot

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